Bacmeister, Albert

Von: Kienzle, Claudius

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Christoph Heinrich Wilhelm Bacmeister (1795-1863), Notar. M Heinricke Caroline geb. Neuffer (1808-1855). G Reinhold (im Alter von zwei Wochen verstorben), Karl Eugen, Ottilie Ernestine Luise, zwei Halbbrüder: Julius, Eduard. °° Luise Auguste geb. Gantz (*1845) am 21.05.1872 in Öhringen. K Walter, Richard (Zwillingsbrüder, R. stirbt einjährig).

2: Biographische Würdigung

Albert Bacmeister (1845-1920)

Fotograf: H. Brandseph, Stuttgart. Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 462

Die Kindheit des am 25. Oktober 1845 in Neckartailfingen (OA Nürtingen) geborenen B. war von häufigen Ortswechseln geprägt, die durch den väterlichen Notarberuf bedingt waren. Blieb die Familie trotz der ersten Versetzung des Vaters nach Köngen zunächst in Neckartailfingen, folgten sie diesem wenige Jahre später nach Weilheim/Teck, von wo aus der junge B. die Lateinschule in Kirchheim/Teck besuchte. Nach dem frühen Tod der Mutter 1855 und der Beförderung des Vaters zum Gerichtsnotar in Nürtingen 1859 wurde B. als Hospes – die Aufnahmeprüfung, das Landexamen, hatte er nicht bestanden – ins Seminar Maulbronn aufgenommen. Wenige Monate bevor er 1863 die Konkursprüfung, die ihm die Aufnahme ins Evangelische Stift in Tübingen ermöglichte, ablegte, starb auch sein Vater. In der Folgezeit klagte B. über häufige Kopfschmerzen und rezidivierende Krampfanfälle. Dieses epileptische Anfallsleiden schränkte ihn im Laufe seines Studiums und Berufslebens immer wieder ein und kam erst in hohem Alter zum Erliegen.

An der Universität trat B., dessen Großvater bereits Pfarrer gewesen war, der Burschenschaft "Tübinger Königsgesellschaft Roigel" bei. Er hörte vor allem den Dogmatiker Maximilan Landerer (1810-1878), der für seine Vermittlungstheologie bekannt war, sowie dessen Schüler, den Kirchenhistoriker Carl Weizsäcker (1822-1899), der eine eher kritische Theologie lehrte. Zugleich besuchte er Vorlesungen des Literaturwissenschaftlers und Freundes von David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer (1807-1887), mit dem er noch nach dem Studium in brieflichem Kontakt stand.

Nach der ersten theologischen Dienstprüfung, die er krankheitsbedingt erst 1868 ablegte, wurde er durch den Balinger Dekan Karl Ludwig Heinrich Haug, in dessen Kirchenbezirk er als Pfarrverweser amtierte, ordiniert. Weitere Dienstorte führten ihn in die Nähe seines Geburtsortes nach Mittelstadt und Großbettlingen. Die Gemeinde Oberensingen verlieh dem eltern- und heimatlosen B. 1869 das Bürgerrecht.

Den Ausbruch des deutsch-französischen Kriegs erlebte er als Pfarrverweser in Wangen im Allgäu. Sofort richtete B., der im Krieg gegen Österreich 1866 zwar ausgehoben, aber nicht mehr einberufen worden war, eine „flehentliche“ – aber gleichwohl unberücksichtige – Bitte an die Kirchenleitung, ihn für den Kriegsdienst freizustellen oder ihn wenigstens als Felddiakon abzuordnen. Wenig später sah er sich in der Allgäuer Diaspora öffentlichen Anfeindungen des katholischen Stadtpfarrers ausgesetzt und bat gekränkt um Versetzung. Erst nachdem er sich der überkonfessionellen Solidarität der städtischen Ehrbarkeit versichert hatte, erklärte er sich bereit, zu bleiben.

Gleichwohl beorderte ihn die Kirchenleitung kurze Zeit darauf als Pfarrverweser nach Braunsbach ins Hohenlohische, von wo aus er mit Hinweis auf seine labile Gesundheit die Zulassung zur zweiten theologischen Dienstprüfung forderte. Ausschlaggebend dürfte jedoch der Wunsch nach einer eigenen Pfarrstelle und damit nach ökonomischer Absicherung gewesen sein. Das Konsistorium entsprach seiner wiederholten Eingabe nicht, sondern betraute ihn im April 1871 mit der Vertretung der Pfarrstelle in Schlaitdorf. Dort hoffte B. erneut auf eine ständige Anstellung und mobilisierte die Gemeinde zunächst erfolgreich gegen eine weitere Versetzungsanordnung. Anfang 1872 legte er das zweite Examen ab, in dessen schriftlichen Teil er sich schwerpunktmäßig mit religionspädagogischen Fragestellungen auseinandersetzte. Dabei plädierte er für eine Professionalisierung von Geistlichen im Hinblick auf ihre Funktion als Religionslehrer und Schulaufseher und forderte Kenntnisse in Psychologie, Didaktik, Methodik, Rechtskunde und Gesundheitspflege. Nach Übertragung der Patronatspfarrstelle Niederstetten heiratete er 1872 Auguste Gantz.

In Niederstetten beschäftigte sich B. weiter mit pädagogischen Fragen und verfasste zu innerkirchlichen Fortbildungszwecken mehrere Aufsätze, mit denen er seine 1875 erstmals veröffentlichte Biblische Geschichte vorbereitete. Da die Bibel die alleinige Grundlage für den schulischen Leseunterricht war, stellte B. in dem Lehrbuch, die wesentlichen (heils)geschichtlichen Texte des Alten und Neuen Testaments in didaktisch sinnvollen Abschnitten zusammen. Neu war dabei, dass nun nicht mehr der eigentliche Bibeltext verwendet werden sollte, sondern dass B. versuchte, kindgerechter zu formulieren und auf eine Textgliederung in Verse verzichtete. Bis 1919 erfuhr das Lesebuch zehn verschiedene Auflagen, die unterschiedliche Stofffülle aufwiesen und zunehmend auch als Geschichtsbuch für die Zeit des Frühchristentums betrachtet werden kann. Über diese publizistische Beschäftigung mit religionspädagogischen Fragen hinaus war B. auch 18 Jahre lang als Direktor der Schulkonferenz in den Kirchenbezirken Blaufelden und Öhringen und als Mitglied der Kommission für das biblische Lesebuch in der Lehrerfortbildung tätig. 

Das Pfarramt in Niederstetten befriedigte B. nur bedingt. Bereits drei Jahre nach seiner Ernennung zum dortigen Pfarrer und ein Jahr nach der Geburt seiner Zwillingssöhne, von denen einer nach wenigen Monate starb, bewarb er sich 1875 aus nationalliberaler Gesinnung und in „glühe[ndem] Verlagen“, aber erfolglos, um eine Divisionspredigerstelle. Stattdessen wurde er ab 1879 Stadtpfarrer von Öhringen und konnte als Archivar des Hauses Hohenlohe sowie im „Historischen Verein für württembergisch Franken“ seinen wissenschaftlichen Interessen nachkommen. Diese veranlassten ihn an einem Preisausschreiben der gerade gegründeten holländischen „Teylers Fundatie“ in Haarlem teilzunehmen. Seine daraus entstandene Arbeit über die ethische Prinzipienlehre in Eduard von Hartmanns (1842-1906) Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins reichte er 1882 bei dem Pessimismusexperten Edmund Pfleiderer (1842-1902) in Tübingen als philosophische Dissertation ein.

In den folgenden Jahren setzte B. seine wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit fort. Er publizierte zahlreiche Aufsätze in der Protestantischen Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland, dem theologischen Literaturblatt, der Allgemeinen Evangelischen-lutherischen Kirchenzeitung, den deutsch-evangelischen Blättern, den Blättern für Württembergischen Kirchengeschichte sowie dem kirchlichen Anzeiger in Württemberg.

Nachdem ihm 1889 die Dekanstelle in Geislingen übertragen worden war, zog er sich nur sieben Jahre später von dieser Führungsposition zurück und übernahm die Stelle des Ludwigsburger Garnisonspredigers. Damit verschaffte er sich jedoch gute Kontakte zum Herrscherhaus und zum Regierungsapparat, die später zu zahlreichen Ehrungen bis hin zur Verleihung des Titels Oberkirchenrat führten. Ihm gelang es, nicht zuletzt durch manipulativen Medieneinsatz – er verfasste im Schwäbischen Merkur einen anonymen Artikel, der den vorliegenden Architektenentwurf scharf kritisierte – den Neubau der Ludwigsburger Garnisonskirche voranzutreiben, die 1903 eingeweiht wurde. Bereits während der Bauphase hatte sich B. um die Dekanstelle in Ludwigsburg beworben, die ihm erst im zweiten Anlauf 1904 übertragen wurde und die er bis zu seiner Pensionierung 1917 innehatte.

In seiner Ludwigsburger Zeit setzte er seine religionspädagogische Tätigkeit fort und leitete die Fortbildungskurse der Predigtamtskandidaten für Religionsunterricht. Zugleich war er ab 1896 als Vorstand der Ludwigsburger Kinderverwahranstalt, der Charlottenkrippe, ab 1899 als Vorstand des „Vereins zur Unterstützung des Württembergischen Lutherstifts“ für Pfarrsöhne sowie ab 1904 als stellvertretender Verwaltungsratvorsitzender der „Evangelischen Kinder- und Brüderanstalt Karlshöhe“ im sozialen Bereich aktiv. Er engagierte sich zudem in der pfarrerlichen Standesvertretung, dem „Evangelischen Pfarrverein in Württemberg“. Anknüpfend an seine frühere Mitgliedschaft in der Landessynode kandidierte B. 1912 für den Wahlbezirk Öhringen – eine Kandidatur im eigene Kirchenbezirk war ihm laut Wahlgesetz versagt – und war dort stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für das Spruch- und Liederbuch sowie Sprecher einer Mittelpartei. Bereits 1888-1897 war er für verschiedene hohenlohische Kirchenbezirke Abgeordneter im Kirchenparlament, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsordnungskommission sowie geistlicher Ersatzmann für den Synodalausschuss, dem höchsten Gremium zwischen den ordentlichen Tagungen der Synode.  

B. stand der liberalen Theologie nahe. Er beteiligte sich gegen den Widerstand der Kirchenleitung 1910 gemeinsam mit seinem Freund Theobald Ziegler, dem Biografen des umstrittenen Protagonisten der liberalen Theologie, David Friedrich Strauß, an der Einweihung eines Denkmals für diesen im Ludwigsburger Schlossgarten. Über beide verfasste B. biografische Abrisse im Staatsanzeiger für Württemberg. In seinen biblischen Geschichten versuchte er, vor allem in den späteren Auflagen, die Geschichte des Urchristentums nicht etwa heilsgeschichtlich zu deuten, sondern chronologisch zu präsentieren. Trotz seiner nationalliberalen Einstellung blieb er ein zuverlässiger Verfechter der Monarchie. In seinem Buch über das württembergische Königshaus, das zugleich als eine Kultur- und Infrastrukturgeschichte Württembergs des 19. Jahrhunderts gelesen werden kann, äußerte er zwar Sympathien für die Revolutionsideen von 1848, zeigte sich jedoch letztlich als kaisertreuer Befürworter der kleindeutschen Reichseinigung von 1871. Am 28. Juni 1920 verstarb er.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Bengel, Johann Albrecht

Von: Ising, Dieter

Johann Albrecht Bengel (1687-1752)

Johann Albrecht Bengel, Stich nach einem Gemälde

Aus: Oscar Wächter: Johann Albrecht Bengel. Lebensabriss, Character, Briefe und Aussprüche, 1865

Im Jahr 1687 in Winnenden geboren, musste Bengel als Kind vor einrückenden französischen Truppen aus seiner Geburtsstadt flüchten. Kurz darauf erlebte er die Plünderung und Brandschatzung Marbachs. Früh verlor er den Vater. Nach dem Besuch des Stuttgarter Gymnasiums bezog er 1703 das Tübinger „Stift“, das Begabten bei freier Kost und Logis das Theologiestudium ermöglichte.

1713 wurde er zum Lehrer an der Klosterschule Denkendorf bei Stuttgart ernannt. Als Vorbereitung auf die Stelle unternahm er eine Bildungsreise, die ihn bis nach Halle an der Saale führte. Dort beeindruckte ihn die Begegnung mit August Hermann Francke, einem der führenden Pietisten seiner Zeit.

In Denkendorf unterrichtete er bis 1741 den theologischen Nachwuchs. Die Schüler sollten sich mit großem Ernst auf den Pfarrberuf vorbereiten, ihre Seele „sammeln“ und das „Aufatmen zu Gott mitten unter der Arbeit“ nicht vergessen. Bengel verstand sich als ihr Lehrer und Seelsorger; er nahm sich vor, geduldig und gütig zu sein.

In dieser Zeit wurden ihm und seiner Frau Johanna Regina geb. Seeger zwölf Kinder geboren; sechs von ihnen starben früh.

Bengel war nicht nur ein engagierter Pädagoge. Mit Sorgfalt und Ausdauer widmete er sich wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem dem Text und der Auslegung des Neuen Testaments, die ihn weithin bekannt machten.

Als man ihn 1741 zum Prälaten von Herbrechtingen ernannte, gehörte zur Prälatenwürde die Mitgliedschaft im württembergischen Landtag. Hier wurde Bengel aufgrund seines hohen Ansehens 1747 in den Großen und 1748 in den Engeren Landtagsausschuss gewählt. 1749 ernannte man ihn zum Prälaten von Alpirsbach; damit verbunden war ein Sitz im Konsistorium, der Stuttgarter Kirchenleitung.

Bengel hatte sich für diese Ämter nicht beworben. Er wurde, inzwischen 60 Jahre alt und gesundheitlich angegriffen, von den Berufungen überrascht. Sie eröffneten ihm ein umfassendes Einspruchsrecht bei wichtigen politischen und kirchlichen Entscheidungen. Nachdem 1743 die pietistischen Privat-Erbauungsstunden legalisiert worden waren, kann man die Bengel zuteil gewordene Stellung als landes- und kirchenpolitisches Zeichen verstehen. Mit ihm erhielt der Pietismus, der sich als „Lebens-Reformation“ verstand, einen festen Platz in Württemberg.

In Stuttgart ist Bengel am 2. November 1752 gestorben.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Blaich, Martin

Von: Eisler, Jakob

Martin Blaich (1820-1903)

Martin Blaich

Evangelische Karmelmission, Schorndorf

Martin Blaich wurde am 23. September 1820 in Zwerenberg im Schwarzwald geboren. 1848/49 meldete er sich für das Studium bei der Basler Mission, wurde aber zur Abreise nach Ostafrika mit Johann Ludwig Krapf bestimmt. Wegen seiner schlechten Gesundheit blieb er in Württemberg und konnte in die Basler Mission nicht eintreten. Dagegen wurde er in die Missionsschule des „Deutschen Tempels“ am Kirschenhardthof bei Marbach aufgenommen und wurde Evangelist der Tempelgesellschaft im Schwarzwald. Mit Johannes Seitz trat er im Jahre 1878 aus dieser aus und gründete den „Evangelischen Reichsbrüderbund“ als Frucht der Erweckungsbewegung in Ostpreußen. Blaich unternahm einige Reisen nach Palästina. In den Jahren 1872 und 1881 war er für die Kirchler-Gemeinde in Haifa als Seelsorger tätig. 1891 gründete er auf dem Karmelberg in Haifa die Evangelische Karmelmission. 1893 errichtete Blaich in Preußisch Bahnau (heute Selenodolskoje) ein christliches Erholungsheim, wo er am 19. August 1903 starb.

Martin Blaich war ein begehrter Seelsorger und Erweckungsprediger und betätigte sich in der Heilung von Menschen durch Handauflegung und Gebet. Blaich war in Kreisen um Johann Chr. Blumhardt sen. bekannt. Er schrieb viele kleine Schriften und gab zusammen mit Johannes Seitz die Zeitschrift „Der Evangelische Brüderbote“ heraus.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Blumhardt, Christian Gottlieb

Von: Ising, Dieter

Christian Gottlieb Blumhardt

Christian Gottlieb Blumhardt (Lithographie J. Velten / Kauffmann)

gemeinfrei (Quelle: Württembergische Landesbibliothek)

Er war ein theologisch gebildeter Mann, körperlich leidend, in seinen Entscheidungen vorsichtig, manchmal ängstlich. Aber den von ihm ausgebildeten über 300 Basler Missionsschülern hat er ein Gefühl für Gerechtigkeit eingeprägt, besonders gegenüber leidenden Menschen, die er als "ehrwürdige Menschen-Klasse" bezeichnet. Dazu gehören für ihn auch die Opfer der Sklaverei.


Der 1779 in Stuttgart geborene Christian Gottlieb Blumhardt stammt aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater Johann Matthäus Blumhardt ist Schuhmacher, die Mutter Christine Barbara geb. Völcker eine Schuhmacherstochter. Christian Gottlieb, von 1798 bis 1803 Theologiestudent in Tübingen, ist einer der frommen Studenten, die den "Verein christlicher Studierender" gründen, auch "das Kränzchen" oder "die Pia" genannt. Später haben der "Pia" unter anderen Ludwig Hofacker, Christian Gottlob Barth und Johann Christoph Blumhardt angehört. 1803 wird Christian Gottlieb von Christian Friedrich Spittler, dem überlasteten Sekretär der Christentumsgesellschaft, nach Basel gerufen. Er soll ihm das Veröffentlichen von Berichten abnehmen und die Erbauungsstunden der Gesellschaft halten. Blumhardt und Spittler, der entscheidungsfreudige Praktiker, ergänzen sich in idealer Weise.

Der für die Tätigkeit in Basel beurlaubte Blumhardt wird 1807 vom Stuttgarter Konsistorium zurückgerufen, um kirchliche Dienste in Württemberg zu übernehmen. Anfangs Vikar in Derendingen bei Tübingen, wird er 1809 Pfarrer in Bürg, heute Ortsteil von Neuenstadt am Kocher. Im gleichen Jahr heiratet er Julie geb. Maier.

Die Anfangsjahre der Basler Mission

Aber Spittler lässt ihn nicht los und beruft ihn zum Inspektor der 1815 gegründeten Basler Mission. So prägt Blumhardt die Anfangsjahre dieses großen Werks, das bis heute Missionare in alle Welt schickt. In den ersten Jahren beschränkt man sich auf die Ausbildung von Sendboten für die englische Church Missionary Society, was aber zu Differenzen führt. Seit 1821 werden Basler Missionare in eigene Arbeitsgebiete entsandt, nach Südrussland und Persien, an die westafrikanische Goldküste und nach Südwestindien.
Blumhardt, der Theologe und Schriftsteller, gibt 1816–1838 das Magazin für die neueste Geschichte der evangelischen Missions- und Bibelgesellschaften heraus. 1828–1837 tritt er mit dem dreibändigen Versuch einer allgemeinen Missionsgeschichte der Kirche Christi an die Öffentlichkeit. Bereits 1807 hat er sein Buch Lazarus der Leidende, Kranke, Sterbende und Auferweckte publiziert.

Als im Jahr 1827 Basler Missionare nach Liberia, ins malariaverseuchte Westafrika, entsandt werden sollen, hat Blumhardt vorrangig das Leiden der einheimischen Bevölkerung im Blick. Wenn "die schnöde und barbarische Habsucht der Europäer jedes Jahr wenigstens 60.000 unglückliche Schlachtopfer armer Neger den Sklavenketten Westindiens überliefert", wenn die Sklavenhändler das Klima nicht scheuen – sollen sich dann die Verkündiger des Evangeliums von dort fernhalten? Das wäre "eine Schmach des Namens Christi".

Christian Gottlieb ist der Cousin des Vaters von Johann Christoph Blumhardt, dem Theologen der Hoffnung und Seelsorger in Möttlingen und Bad Boll. Ihre Lebenswege kreuzen sich, als der junge Johann Christoph 1830 Missionslehrer in Basel wird. Sein Vorgesetzter sei ihm ein väterlicher Freund gewesen, schreibt Johann Christoph. Er und seine Frau Doris geb. Köllner werden im September 1838 von Christian Gottlieb Blumhardt getraut. Einige Wochen später erkrankt der Inspektor. Er stirbt am 19. Dezember 1838 in der Hoffnung, auch nach seinem Tod an Gottes "Reichssache auf Erden", der Mission, teilnehmen zu können: "Wenn ihr euch hier unten über einen Sieg freut, so denket immer, ich feire droben mit."

Aktualisiert am: 27.06.2016

Blumhardt, Christoph Friedrich

Von: Ising, Dieter

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1919)

Landeskirchliches Archiv, Bildersammlung, Nachlass Jäckh

Vater: Johann Christoph (16.7.1805–25.2.1880), Pfarrer in Möttlingen und 1852 Leiter von Bad Boll. Mutter: Dorothea (Doris), geb. Köllner (1816–1886). Geschwister: Maria (1840–1923); Carl (1841–1892), Fabrikant bei Elberfeld; Theophil (1843–1918), Pfarrer im Dorf Boll; Rahel (* und † 1845); Nathanael I. (* und † 1846); Nathanael II. (Landwirt in Bad Boll, dann Neuseeland); Bertha (1853–1854). Am 12.5.1870 heiratet Christoph Friedrich Blumhardt die Tochter des Hofgutpächters von Einsiedel, Emilie Pauline geb. Bräuninger (7.12.1849–14.9.1929).

Kinder: Dorothea (1872–1947) ¥ Theophil Brodersen; Herrmann (1873–1909), Arzt; Clara (*1874) ¥ Johannes Weber; Katharina (1875–1960), Hebamme; Elisabeth (1877–1962) ¥ Dr. Eduard Vopelius; Salome (1879–1958) ¥ Prof. Richard Wilhelm; Friedrich (1881–1941), Farmer in Neuseeland ¥ Martha geb. Honeck; Hanna (1883–1971), Lehrerin ¥ Prof. Hermann Bohner; Georg (1885–1918), Diplomingenieur; Gottliebin (1889–1976), Lehrerin; Immanuel (1892–1916), Landwirt.

2: Biographische Würdigung

Geboren zu einer Zeit, als sein Vater Johann Christoph die erkrankte Gottliebin Dittus, eine junge Frau aus der Möttlinger Gemeinde, seelsorgerlich betreute, hat Christoph Blumhardt die Anfänge der Möttlinger Bewegung miterlebt. Die Erweckung der Gemeinde, Gebetsheilungen, der Zustrom Auswärtiger und die öffentliche Kritik an seinem Vater haben seine Kindheit bestimmt. 1852 zog die Familie nach Bad Boll, wo der Vater im Kurhaus ein Seelsorgezentrum gründete, das Menschen aus ganz Europa besuchten. Die durch Erweckungen und Heilungen verstärkte Hoffnung des Vaters auf eine baldige Ausgießung des Heiligen Geistes über die ganze Welt prägte auch Christoph Blumhardt.

Im Tübinger Theologiestudium (1862–1866) beschäftigten ihn die Reibungsflächen zwischen dem Erleben in Bad Boll und der „wissenschaftlichen Sphäre der Theologie“. Er setzte sich der wissenschaftlichen Kritik aus, gab aber das im Elternhaus erworbene Fundament seiner Glaubensüberzeugung nicht preis. Nach dem 1. Theologischen Examen wurde er Vikar im badischen Spöck bei Pfarrer Peter, einem Freund des Vaters und Nachfolger von Aloys Henhöfer. Vikariate an wechselnden Orten führten ihn in die Nähe Bad Bolls. Vom Vater früh als Nachfolger ins Auge gefasst, plagten ihn Zweifel, ob er dieses Amt nicht bloß als Epigone, sondern im vollmächtigen Sinne werde ausüben können.

Etwas ratlos wurde er 1869 Vikar und Sekretär seines Vaters. Erst als Gottliebin Dittus, die mit ihren Geschwistern den Blumhardts nach Bad Boll gefolgt war, 1872 im Sterben lag und die Umstehenden mit ihrer entschiedenen Hoffnung auf Gottes Reich beeindruckte, gewann Christoph Blumhardt einen eigenen Zugang zum avisierten Beruf. Nach des Vaters Tod übernahm er 1880 die Leitung Bad Bolls, das er anfangs ganz in dessen Sinne führte.

Bald wurde ihm klar, dass dieses als geistliches Zentrum nur fortbestehen konnte, wenn neue Wege eingeschlagen wurden. So konnte er den frommen Egoismus der Heilungsuchenden in Bad Boll, den bereits der Vater misstrauisch beäugt hatte, mit der biblischen Hoffnung: „Dein Reich komme!“ nicht in Einklang bringen. Ende 1893 stellte Christoph die Predigttätigkeit im Kurhaus für einige Zeit ein. 1898 wurde zudem die ständige seelsorgerliche Inanspruchnahme durch ein Herzleiden in Frage gestellt.

An der Gültigkeit der Möttlinger Erfahrungen hielt er fest. Seine Kritik traf jedoch nicht nur den Heilungsegoismus, sondern auch die Stellung seines Vaters zu Mission und Kirche. Deren Bedeutung für das Reich Gottes konnte Christoph Blumhardt nicht mehr sehen.

Die mit Kolonialismus einhergehende Mission seiner Zeit war ihm ein Dorn im Auge. Seine Überzeugung, man müsse auf dem Missionsfeld von der Vorstellung des „armen Heiden“ wegkommen, vielmehr mit den Menschen auf Augenhöhe verkehren, gab dem Missionsverständnis einen wichtigen Impuls. Dabei ging er jedoch so weit, Mission und Taufe selbst in Frage zu stellen. Die Menschen sollen, so meinte er, vom neuen Geist Christi beseelt werden; dieser komme aber „nicht aus äußerer Taufe“. Die Sakramente seien „kein Gemeinschaftsleim“, sondern machten nur „lüstern nach mehr und noch intensiveren Hypnosen“ (Christoph Blumhardt an Richard Wilhelm, 26.4.1902; in: Christus in der Welt, 82 f.).

Auch die Bedeutung der Kirche für das Reich Gottes wurde ihm fraglich. Wiederum ging es um die Kirche seiner Zeit, die sich in der sozialen Frage auf das Verbinden von Wunden beschränkte (Wicherns Innere Mission), aber nicht die Machtfrage stellte. 1899 wurde Christoph Blumhardts Eintreten für den Sozialismus von der Stuttgarter Kirchenleitung mit der Aufforderung beantwortet, den Pfarrertitel abzulegen. Dem kam er nach und schied aus dem Dienst der Württembergischen Landeskirche aus.

Äußerer Anlass war für ihn die sogenannte „Zuchthausvorlage“ im Berliner Reichstag. Arbeiter, welche arbeitswillige Kollegen beim Betreten des Betriebs behindern, wurden mit Zuchthaus bedroht. In einer sozialdemokratischen Versammlung in Göppingen stellte Christoph Blumhardt klar, dass er eine Parteinahme für die Niedrigen als Nachfolge Jesu ansah, der so betrachtet auch ein Sozialist gewesen sei. Das „Antwortschreiben an seine Freunde“ bekannte sich zur Gleichachtung aller Menschen, auch der Proletarier, die „auf Erden nicht nur geplagte, sondern selige Geschöpfe Gottes sein sollen“. Im Jahr 1900 trat er in die SPD ein; im Wahlkreis Göppingen wählte man ihn mit großer Mehrheit in den württembergischen Landtag.

In der SPD erkannte er gelebte Nachfolge Christi; zugleich versuchte er, die Partei im Geist des Evangeliums zu beeinflussen. Damit wurde Christoph Blumhardt zu einem der Väter des Religiösen Sozialismus. Der kapitalistischen „Herrschaftsmoral“ setzte er eine „Gemeinschaftsmoral“ entgegen, die zur gemeinschaftlichen Verwaltung der Produktionsmittel führen sollte. Die Forderungen blieben im Grundsätzlichen, weil historische Erfahrungen mit Kommunismus und Stalinismus auf der einen Seite und mit Sozialer Marktwirtschaft auf der andern noch fehlten. Dennoch wurde Blumhardts Profil sichtbar, der – bei deutlicher Wahrnehmung des Klassengegensatzes - den Klassenkampf in Form einer gewaltsamen Machtergreifung des Proletariats ablehnte: „Da steht Trotz gegen Trotz, und es schweigt der höhere Ton des Reiches Gottes.“ Ungeachtet harter Auseinandersetzungen sah er den Sozialismus angetrieben durch die versöhnenden Kräfte des Reiches Gottes. Die grundsätzliche Ausrichtung des politischen Handelns auf den kommenden Christus, der zudem als der eigentlich Handelnde gesehen wurde, war ihm wichtig. Sein Briefwechsel mit dem Schweizer Pfarrer Howard Eugster-Züst macht es ganz deutlich: „Es wird schließlich Gottes Reich heißen, nicht sozialdemokratisches Reich.“ Damit geriet er in Konflikt mit seiner Partei.

Karl Barth, der das theologische Denken bis heute entscheidend geprägt hat, lernte als Student Christoph Blumhardt in Bad Boll kennen. Die Einsicht, dass das kommende Gottesreich nicht ohne weiteres mit menschlichem Fortschrittshandeln identisch ist, taucht in Barths Dialektischer Theologie wieder auf. Einfluss übte Blumhardt auch auf Eduard Thurneysen, Hermann Kutter und Leonhard Ragaz. Sozialdemokratische Persönlichkeiten wie Clara Zetkin besuchten Bad Boll; August Bebel schrieb anerkennende Worte.

Nach dem Verzicht auf eine erneute Kandidatur für den Landtag erkrankte Christoph Blumhardt 1906 auf einer Palästinareise an Malaria. Er zog sich nach Jebenhausen ins Haus Wieseneck zurück, hielt aber weiter Predigten im nahen Bad Boll. Frühzeitig warnte er vor dem drohenden Weltkrieg. Nach einem Herzanfall 1911 übernahm Eugen Jäckh einen Teil der Predigten. 1917 machte ein Schlaganfall den endgültigen Rückzug in die Stille notwendig.

Die Besitzverhältnisse des Kurhauses wurden neu geregelt. Bislang im Besitz der Familie Blumhardt, wobei Christoph Blumhardt als Generalbevollmächtigter der Vermögensgemeinschaft vorstand, wurde 1913 die Bad Boll GmbH gegründet. Als Geschäftsführer berief man den Basler Theologen Samuel Preiswerk, der zugleich die Funktion des Hausvaters übernahm; sein Nachfolger wurde Blumhardts Schwiegersohn Eduard Vopelius. Nach Christoph Blumhardts Tod 1919 beschloss der engere Freundeskreis, dem auch die Weggefährtin Anna von Sprewitz angehörte, die Herrnhuter Brüdergemeine zu bitten, Bad Boll als Geschenk zu übernehmen und im Blumhardtschen Sinne weiterzuführen.

Die alte Gewohnheit, Johann Christoph Blumhardt in kirchlich-„konservativen“ Kreisen, Christoph Blumhardt dagegen in kirchenpolitisch „progressiven“ Gruppen – jeweils auf Kosten des andern – wertzuschätzen, ist mit den Ergebnissen der Forschung nicht zu vereinbaren. Beide Blumhardt verbinden auf ihre Weise Erwecklichkeit mit gesellschaftlichem Handeln. Der Vater legt den Akzent auf die Individualseelsorge, beschränkt sich aber nicht darauf, sondern wirkt auch als Wirtschaftsförderer und Synodaler. Der Sohn predigt nicht nur gegen ungerechte gesellschaftliche Strukturen. Auch er ist Individualseelsorger; auch bei ihm kommt es zu Gebetsheilungen seelisch und körperlich Leidender.

 

Erstabdruck in: Württembergergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band I. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 09.12.2016

Blumhardt, Johann Christoph

Von: Ising, Dieter


Johann Christoph Blumhardt (1805-1880)

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nachlass Jäckh

Johann Christoph Blumhardt wurde 1805 in Stuttgart als Kind armer Leute geboren. Nach dem Besuch des Stuttgarter Gymnasiums und des Niederen Seminars Schöntal studierte er von 1824–1829 evangelische Theologie an Universität und Stift Tübingen. Nach dem Vikariat in Dürrmenz 1829/1830 wurde er Lehrer an der Missionsschule in Basel, wechselte 1837 als Pfarrgehilfe nach Iptingen und erhielt 1838 seine erste Pfarrstelle in Möttlingen. Dort erlebten er und seine Frau Doris geb. Köllner die Heilung der Gottliebin Dittus, die Erweckung des Dorfes und Heilungen zahlreicher seelischer und körperlicher Leiden. In Möttlingen entwickelte er die Anfänge seiner Theologie der Hoffnung, bevor er 1852 in Bad Boll ein Seelsorgezentrum gründete. Seine Erlebnisse und Hoffnungsgedanken machte er unter den internationalen Gästen Bad Bolls, auf zahlreichen Reisen und in einer Anzahl von Veröffentlichungen publik. Der unlängst erschienene Briefwechsel Johann Christoph Blumhardts (ca. 3.900 Dokumente) gibt darüber hinaus neue Einblicke in sein Leben und Werk.

Wir begegnen hier einem Theologen, der Gottes Zukunft eine zentrale Bedeutung zuweist und darüber hinaus vom Schon-jetzt des Erhofften sprechen kann. Er steht in einer Linie, die sich von Philipp Jakob Speners „Hoffnung besserer Zeiten" durch die Theologiegeschichte zieht und etwa bei Johann Albrecht Bengel, Friedrich Christoph Oetinger und Philipp Matthäus Hahn auf unterschiedliche Weise sichtbar wird. Bei Johann Christoph Blumhardt kulminiert sie in einer lebendigen Naherwartung, in einem radikalen Ernstnehmen der göttlichen Verheißungen, einem ökumenischen Denken, einer ganzheitlichen Seelsorge.

Es beginnt mit den rätselhaften Ereignissen um Gottliebin Dittus, eine junge Frau aus seiner Möttlinger Gemeinde. Sie haben Blumhardt unter aufgeklärten Zeitgenossen den Ruf eines Teufelsaustreibers eingebracht. Die anschließende Erweckung seiner Gemeinde glauben manche mit Hilfe psychoanalytischer Kategorien in den Griff zu bekommen. Damit verbundene Heilungen seelischer und körperlicher Erkrankungen haben ihn zudem als Wunderheiler erscheinen lassen.

Ein Blick auf die historischen Quellen ist angebracht. Die veröffentlichten Schriften und Briefe Blumhardts zeigen, dass es ihm um ein geistliches Neuwerden geht, um den oft schmerzlichen und dann befreienden Prozess der Selbsterkenntnis und Buße, das Ablegen frommer Halbheiten, die Bereitschaft, das Leben ohne Rückhalt nach dem Wort Gottes zu gestalten. Er gebraucht dafür das Wort „Bekehrung", setzt sich aber scharf ab von einem erzwingerischen Verständnis, das den Geschenkcharakter des Neuanfangs vergisst.

So drängt er nicht, sondern wartet, bis man zu ihm kommt. Und die ganze Möttlinger Gemeinde kommt, erschüttert von dem, was mit Gottliebin Dittus vorgegangen ist. In Blumhardts Amtszimmer können die Menschen reden, erzählen von sexuellen Problemen, von Alkoholismus, von Betrügereien. Was diese Situation von der des therapeutisches Gesprächs unterscheidet, ist das gemeinsame Gebet. Man steht vor Gott; er ist der Hörende und Antwortende, Blumhardt nur der Vermittler.

Die Antwort fällt entsprechend aus. Die Möttlinger machen nicht den Eindruck, sich bloß etwas von der Seele geredet zu haben. Im Ort weht eine andere Luft; aus freien Stücken trifft man sich in Gebetskreisen. Die Dokumente aus dieser Zeit geben nicht den Eindruck säuerlicher Frömmigkeit, auch nicht den eines schwärmerischen Enthusiasmus. Man achtet auf geistliche Nüchternheit; kein Strohfeuer soll es werden, sondern eine Gemeinde, von der etwas ausstrahlt.

Es kommt zu Heilungen seelischer, aber auch körperlicher Krankheiten. Anfangs ist Blumhardt selbst überrascht, dann versteht er dies genauso wie die Erweckung als Geschenk Gottes. Ihr gegenüber ist Heilung sekundär, eine zusätzliche Gabe, die sich ebenfalls nicht erzwingen lässt. In den Berichten kommen Beteiligte und Zuschauer, nicht nur Blumhardt, zu Wort. Da ist von Zwangsvorstellungen die Rede, von Magenbeschwerden, aber auch von Gliederweh, Unterleibskrankheiten, Sehbehinderungen. Epileptiker erzählen von Blumhardts Gebet und dem erschütternden Eindruck der Gegenwart Gottes; einige von ihnen sind darauf jahrelang anfallsfrei.

Als Menschen des 21. Jahrhunderts haben wir das Recht, hier nachzufragen. In der Tat kommt Bekanntes ins Spiel wie etwa Autosuggestion, die feste Überzeugung, bei Blumhardt geheilt zu werden. Verschüttete Energien werden mobilisiert. Die Einfühlsamkeit des Seelsorgers und seine pädagogische Begabung tun ein Übriges. Dennoch lässt sich der deutliche Eindruck nicht verwischen, dass sich etwas ereignet, was sich wissenschaftlicher Deutung letztlich entzieht. Rationale Betrachtung ist notwendig, rationalistische Befangenheit dagegen überflüssig. Und so ist es ein Gebot wissenschaftlicher Redlichkeit, den Horizont aufklärerischen Weltverständnisses offen zu halten. Es geht nicht gegen die Aufklärung, es geht um ihre Tiefe.

Christen reden hier vom Wirken des Heiligen Geistes, das Menschen verändert und sie dazu bringen kann, gegen gesellschaftliches Unrecht aufzustehen, für Versöhnung einzutreten, aber ihnen auch das Geschenk seelischer und leiblicher Heilung macht.

Dies alles versteht Blumhardt als Teil eines Prozesses, der auf seine eigentliche Erfüllung noch hintreibt. Nur ein Vorgeschmack kann es sein angesichts des Elends in der Welt. Auf eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes hofft er, die bald eintreten wird, so bald, dass man sie mit Händen greifen kann. Danach wird Christus sein Reich aufrichten.

Blumhardts Naherwartung hat sich nicht erfüllt. Werden Möttlingen und Bad Boll damit letztlich zu Peinlichkeiten der Kirchengeschichte? Offensichtlich ist das Kommen von Gottes Reich nicht auf einer linearen Zeitschiene zu denken. Gottes Geschichte mit den Menschen ist kein Intercityexpress, der über die Stationen „Geistausgießung" und „Christi Wiederkunft" planmäßig die heilsgeschichtliche Vollendung erreicht. Daher hat Jürgen Moltmann von „messianischen Augenblicken" gesprochen, die sich in der Geschichte ereignen. Sie sind nicht von Dauer, sondern Impulse, die neu auf Gottes Zukunft weisen, Umkehr ermöglichen, Kräfte freisetzen. Die Kräfte wirken und verlöschen wieder; neue messianische Augenblicke werden erhofft.

Was hindert daran, auch Möttlingen und Bad Boll in dieser Weise zu verstehen? Nicht als Zeugnisse einer „schönen" Vergangenheit stehen sie dann vor uns, sondern als messianischer Augenblick, der damals Zukunft eröffnet hat und dies auch heute tun kann.

Aktualisiert am: 09.12.2016

Böklen, Ernst

Von: Butz, Andreas

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Hermann B. (30.10.1827-31.12.1903), Kaufmann. M Julie, geb. John (4.5.1827-11.4.1893). G Anna (* 1865), Gustav (* 1866), Wilhelm (* 1848). ∞ 30.9.1890 Auguste, geb. Roth (8.10.1866-9.6.1960), Tochter des Johann Georg Roth, Fabrikant in Ravensburg. K Martha (* 1891); Elisabeth (* 1893); Sophie (*1895)

2: Biographische Würdigung

Ernst Boeklen (1863-1936), um 1930

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 2779

Böklen wurde am 22. Juli 1863 in Stuttgart geboren. Seine besonderen Interessen galten schon in seiner Studienzeit, unter dem Einfluss seiner akademischen Lehrer Julius von Grill und Emil Kautzsch, dem Alten Testament.  Die alttestamentarische Religion in ihren Zusammenhängen mit der allgemeinen Religionsgeschichte zu sehen und selbst zu erforschen, veranlasste ihn, eine zweimal, 1892 und 1894 von der Teylerschen Theologischen Gesellschaft in Haarlem gestellte Preisaufgabe über den „Einfluss des Parsismus auf das Judentum“, zu beantworten, das zweite mal mit dem Erfolg, dass ihm die silberne Medaille dieser Gesellschaft zuerkannt wurde. Einen Teil dieser Arbeit überarbeitete er und veröffentlichte sie. Bei seiner Promotion wurde diese Arbeit dann als Dissertation angenommen. Professor Wilhelm Bousset stand ihm bei dieser Umarbeitung beratend zur Seite. Richtungweisend für seine wissenschaftliche Weiterentwicklung wurde dann ab etwa 1898 seine Bekanntschaft mit den Werken von Ernst Siecke, in welchen Astronomie, Astrologie und alte Mythologien in Beziehung zu einander gesetzt werden. Vor allem der Einfluss der Wahrnehmung des zu- und abnehmenden Mondes auf den Menschen und als Mondkalender für seine Orientierung in der Zeit sieht B. immer wieder als Schlüssel für die Deutung der Mythen an, und er versucht dies durch die Vergleichung der Mythenstoffe der unterschiedlichen Völker zu belegen. Durch diesen Anstoß gelangte er zu einem ganz neuen Verständnis des Alten Testaments. Die erste Frucht seiner durch Siecke gewonnenen Anschauungsweise war seine Abhandlung über die Sintflutsage. Wenige Jahre später schloss sich der als liberal geltende Pfarrer mit Siecke und ähnlich gerichteten Forschern wie Lessmann, Hüsing, Ehrenreich und anderen zu der Gesellschaft für vergleichende Mythenforschung zusammen, die sich aber nach nur kurzem Bestehen während des Kriegs und infolge dessen wieder auflöste. Die Gesellschaft für vergleichende Mythenforschung vertrat den Standpunkt, dass die Mythen vermutlich durchweg, zum mindesten ganz überwiegend, die Schicksale der Himmelskörper behandelten, und es seien zunächst und im engeren Sinne, Erzählungen dieser Art, welche im Verständnis dieser Gesellschaft unter einem Mythos verstanden wurden.

Einen etwas anderen Ansatz verfolgte B. mit seinen beiden Sneewitchenstudien, wo er das Märchen in eine Motivreihe zerlegt, welche er in zahlreichen anderen Märchen wieder findet. Diese seien nur Varianten dieses besonderen Märchentyps, für den er jedoch keine Deutung liefert. Seine Arbeit über die „Unglückszahl 13“, welche bezeichnenderweise 1913 erschien, vergleicht das Vorkommen dieser Zahl in den Mythen, und leitet die Bewertung dieser Zahl aus dem Mondkalender ab.

Die sich ihm mehr und mehr aufdrängende Überzeugung von dem innigen Zusammenhang zwischen Mythos und Sprache und den ähnlichen Bedingungen ihrer beiderseitigen Entstehung veranlasste ihn, seine Anschauungen hierüber in dem Buch über „Die Entstehung der Sprache im Lichte des Mythos“ vorzulegen. Bei der Entstehung der Sprache habe die naive Wahrnehmung des zu- und abnehmenden Mondes eine Schlüsselrolle gespielt,  indem der Ursprung des Sprechens das Nachahmen der Mondphasen gewesen sei, was er durch die vergleichende Untersuchung von Mythen zu stützen sucht.

Seinen Ruhestand verbrachte B. in seinem als Alterssitz erworbenen Häuschen in Murrhardt, wo auch seine Tochter Sophie lebte. Dort konnte er sich weiterhin mit seinen Studien beschäftigten. Für die Murrhardter Zeitung schrieb er in
größeren Abständen ortskundliche Artikel. B. verstarb am 21. Mai 1935 durch einen plötzlichen Schlaganfall während eines Besuches bei der Familie seiner Tochter, die mit ihrem Mann, dem Sägewerksdirektor Rudolf Sigel in Villach in Kärnten lebte. B. war zur Konfirmation seines jüngsten Enkelkindes angereist.

Die unveröffentlichten Manuskripte einiger weiterer Arbeiten des Mythenforschers gingen an die Württembergische Landesbibliothek. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem Neuen Testaments, so den Gleichnissen Jesu, seiner Auferstehung und Passion, seiner „Wahl zum König“. Aber auch eine Untersuchung über das Brautwerbermärchen im Alten und im Neuen Testament findet sich unter diesen Arbeiten. Auch hier versuchte er, die Inhalte durch systematisches Vergleichen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. 

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Brastberger, Immanuel Gottlob

Von: Schöllkopf, Wolfgang

Immanuel Gottlob Brastberger

Immanuel Gottlob Brastberger

gemeinfrei (Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart)

Der Schüler Bengels und Nürtinger Dekan verfasste eine Predigtsammlung im Geist des Pietismus, die zu den am weitesten verbreiteten Büchern des 19. Jahrhunderts gehörte.

Immanuel Gottlob Brastberger wurde als Dekanssohn am 10. April 1716 in Sulz am Neckar geboren. Nach dem Theologiestudium im Tübinger Stift, wo er Friedrich Christoph Oetinger als Repetent erlebte, zog er als Garnisonspfarrer in die gerade aufgebaute neue Residenzstadt Ludwigsburg. Die barocke Pracht war dem Pietisten ein Dorn im Auge. Schwere Krankheit prägte sein Leben und seinen Glauben. 1745 kam Brastberger als Pfarrer nach Oberesslingen. 1756 wurde er Dekan in Nürtingen und damit an der Kirche, an der sein Lehrer Johann Albrecht Bengel einst Vikar gewesen war. Im Jahr seines Aufzugs hielt Brastberger eine aufsehenerregende Predigt zum Gedenken an den verheerenden Stadtbrand von 1750, in der er die Katastrophe als Gericht Gottes deutete. Als Bibelwort wählte er seltsamerweise das Jesus-Wort von dem, der gekommen ist, „ein Feuer anzuzünden“ (Lukas 12,49). Er hielt eine Erbauungsstunde, zu der über 70 Menschen strömten, obwohl nach dem Pietisten-Rescript von 1743 nur 15 erlaubt waren. Von Krankheit gezeichnet starb er mit nur 48 Jahren.


Ein Buch geht um die Welt

Berühmtheit erlangte Brastberger als Verfasser einer Predigtsammlung, die in vielen schwäbischen Häusern zu den Andachtsbüchern gehörte, aus denen bei der Hausandacht vorgelesen wurde. Dazu wurde das Werk „Evangelische Zeugnisse der Wahrheit“ (1. Aufl. 1758) durch die Auswanderer auch in der ganzen Welt verbreitet. Das Buch verband sie mit der schwäbischen und mit der ewigen Heimat. Es erreichte neben der Bibel und dem Koran die höchsten Auflagen des 18. und 19. Jahrhunderts und ist 1883 schon in 85. Auflage erschienen, samt Kommissionsausgaben in Amerika und Russland. Es enthält 92 Predigten nach dem Kirchenjahr, in einfacher Sprache verfasst. Brastberger schilderte seine Absicht im Vorwort: „Mir war es darum zu tun, die Seelen nur aufzumuntern, daß sie die elenden Sandgebäude eines landläufigen, bodenlosen Christentums niederreißen, und den Grund zu einem wahren, tätigen, Gott gefälligen Christentum durch die Gnade in sich legen lassen.“

Nach einem Gottesdienst in der Nürtinger Stadtkirche brachte mir einmal ein älteres Ehepaar „seinen“ Brastberger – eine Ausgabe aus St. Petersburg, die ihre Vorfahren einst mitgenommen, die sie selbst als Russlanddeutsche in Ehren gehalten und schließlich wieder mitgebracht hatten. Was für eine Reise des Brastberger‘schen Predigtbuchs, einer Art „portativer Heimat“ (Heinrich Heine)!

Aktualisiert am: 27.06.2016

Canz, Wilhelmine

Von: Kittel, Andrea

Wilhelmine Canz

Wilhelmine Canz

Quelle: Großheppacher Schwesternschaft

1856 gründete Wilhelmine Canz in Großheppach im Remstal die erste Bildungsanstalt für evangelische Kleinkinderpflegerinnen in Württemberg. Die „Großheppacher Schwesternschaft“ residiert mittlerweile in Beutelsbach und umfasst neben dem Mutterhaus eine evangelische Fachschule für Sozialpädagogik, eine evangelische Fachschule für Altenpflege, ein Wohn- und Pflegestift sowie ein Kinder- und ein Gästehaus.

Am 27. Februar 1815 wurde Wilhelmine Canz in Hornberg im Schwarzwald geboren. Schon in jungen Jahren setzte sie sich mit Grundfragen des Glaubens auseinander. Durch ihren Bruder, einen Theologen, hatte sie die spannungsgeladene Auseinandersetzung zwischen hegel‘schem Idealismus und biblischem Glauben mitverfolgt. 1843 begann die damals 28-Jährige an ihrem Roman „Eritis sicut Deus“ („Ihr werdet sein wie Gott“) zu arbeiten, den sie 1852 zunächst anonym veröffentlichte.  Das Buch, eine Erwiderung auf David Friedrich Strauß‘ „Das Leben Jesu“, war heftig umstritten. Im Kreuzfeuer der Kritik zu stehen galt für Frauen in der damaligen Zeit als nicht angemessen. Wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen fand Wilhelmine Canz schließlich ihr eigentliches Betätigungsfeld in der Diakonie.

Im Jahr 1856 gründete sie in Großheppach im Remstal die erste Bildungsanstalt für evangelische Kleinkinderpflegerinnen in Württemberg. Dass die Kleinkinderbetreuung auf professionelle Füße gestellt werden musste, hatte sie bei Regine Jolberg gesehen, die einige Jahre zuvor eine entsprechende Ausbildungsstätte im badischen Nonnenweiler eröffnet hatte. Doch einfach sollte für Wilhelmine Canz auch dieses Projekt nicht werden. In kirchlichen Kreisen stand man ihrem Vorhaben skeptisch gegenüber. In der Verwandtschaft erntete sie Hohn und Spott, und bei Damenkaffees lachte man über ihre Idee, kostenlos Kinder von Bauernweibern zu hüten und einfache Mägde zu Erzieherinnen heranbilden zu wollen. 

Der Erfolg gab Wilhelmine Canz am Ende recht: Die Bildungsanstalt konnte beständig ausgebaut werden. An lernwilligen jungen Frauen gab es keinen Mangel. Die ausgebildeten Kleinkinderpflegerinnen wurden in einer Schwesternschaft nach genossenschaftlichem Prinzip organisiert und in die überall neu entstehenden „Kleinkinderpflegen“ gesandt. Nach den damals neuesten pädagogischen Erkenntnissen wurden die Kinder dort betreut, erzogen und gefördert. Notwendige Anerkennung erfuhr die Großheppacher Einrichtung durch Königin Olga, die 1870 höchstpersönlich zu Besuch kam und Wilhelmine Canz später mit dem Olga-Orden ehrte. 

41 Jahre lang führte Wilhelmine Canz die Bildungsanstalt bis zu ihrem Ruhestand 1897. Als „Mutter Canz“ am 15. Januar 1901 starb, zählten 349 Schwestern zur „Großheppacher Schwesternschaft“. Heute residiert das Werk in Beutelsbach und umfasst neben dem Mutterhaus eine evangelische Fachschule für Sozialpädagogik, eine evangelische Fachschule für Altenpflege, ein Wohn- und Pflegestift sowie ein Kinder- und ein Gästehaus.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Claß, Helmut

Von: Stegmann, Andreas

Lebensdaten

Eltern: Helmut Claß wurde am 1. Juli 1913 als ältester Sohn von Oberreallehrer Dr. Hermann Claß und Johanne Claß (geb. Goller) in Geislingen / Steige geboren. Das Elternhaus war kirchlich geprägt; vor allem durch seine Mutter lernte Claß früh die Lebenswelt und Traditionen des württembergischen Pietismus kennen.

Ausbildung: Claß besuchte von 1919 bis 1921 die Volksschule in Geislingen-Altenstadt, von 1921 bis 1927 das Reformrealgymnasium in Geislingen und von 1927 bis 1931 das Zeppelingymnasium in Stuttgart. Im Sommersemester 1931 begann Claß das Studium der Evangelischen Theologie an der Theologischen Schule in Bethel; im Sommersemester 1932 wechselte er nach Tübingen; 1933 ging er für das Sommersemester nach Marburg; und vom Wintersemester 1933 bis zum Sommersemester 1935 schloss er in Tübingen sein Studium ab. Seine wichtigsten akademischen Lehrer waren Karl Heim, Rudolf Bultmann und – obwohl Claß nicht bei ihm studierte – Karl Barth. Neben der aktuellen theologischen Diskussion wurden für Claß im Studium auch das Luthertum und den Pietismus wichtig. Er kannte und schätze Martin Luthers Schriften und war vertraut mit den Klassikern des lutherischen und insbesondere württembergischen Pietismus von Spener bis zu den Blumhardts. Der Kirchenkampf 1933/34 war für Claß ein eindrückliches Erlebnis; von Anfang an stand er auf Seiten der Bekennenden Kirche und hielt treu zu Landesbischof Theophil Wurm.

Beruflicher Werdegang: Im Frühjahr 1936 legte Claß die Erste Theologische Dienstprüfung ab, wurde am 8. März 1936 ordiniert und absolvierte anschließend bis 1939 sein Vikariat an St. Bernhard in Esslingen, in der Evangelischen Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall, als Pfarrverweser in Tiefenbach (Dekanat Crailsheim) und als Mitarbeiter des Evangelischen Jungmännerbunds im Soldatenheim auf dem Truppenübungsplatz Münsingen. Nachdem er im Frühjahr die Zweite Theologische Dienstprüfung erfolgreich absolviert hatte, wurde er im Juli 1939 auf die dritte Pfarrstelle an der Kilianskirche Heilbronn berufen. Von Oktober1939 bis Dezember 1947 konnte Claß wegen Kriegsdienst – Claß war Offizier der Luftnachrichtentruppe – und sowjetischer Kriegsgefangenschaft seinen pfarramtlichen Dienst nicht ausüben. 1948/49 nahm er seinen Dienst wieder auf und wurde zusätzlich Heilbronner Stadtjugendpfarrer. Von 1950 bis 1958 war Claß württembergischer Landesjugendpfarrer, von 1958 bis 1968 leitender Pfarrer der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg und 1968/69 Prälat von Stuttgart. 1969 wurde Claß zum württembergischen Landesbischof gewählt. 1971 übernahm zusätzlich den Vorsitz im Diakonischen Rat des Diakonischen Werks und 1973 den Vorsitz des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nach Erreichen des 65. Lebensjahrs schied Claß 1979 aus dem Amt des EKD-Ratsvorsitzenden und des württembergischen Landesbischof. Während seiner Ruhestandsjahre engagierte er sich aber weiterhin für die Kirche, etwa indem er bis 1986 Vorsitzender des Diakonischen Rats blieb und weitere kirchliche Ämter übernahm (z.B. das des ersten Beauftragten des Rats der EKD für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten). Am 4. November 1998 starb Helmut Claß in Nagold-Pfrondorf; sein Grab befindet sich auf dem Stuttgarter Waldfriedhof.

Familie: Helmut Claß war verheiratet mit Hilde Claß (1914–2001). Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Martin (* 1940), Christoph (* 1943), Hanna (* 1950) und Gottfried (* 1954).

Ehrungen: 1972 Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen; 1979 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland; 1979 Ehrenritterkreuz des Johanniterordens; 1988 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg; 1993 Brenzmedaille der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Biografische Würdigung

Helmut Claß hat sich in seinem gesamten beruflichen Wirken als Pfarrer verstanden, der durch Verkündigung und Seelsorge die Menschen zum Glauben führen und im Glauben bestärken wollte. Leitend war dabei die paulinische Rede von Wort und Dienst der Versöhnung (2.Kor. 5,18–21): Die Kirche verdanke sich dem heilschaffenden Gotteswort und habe dieses Gotteswort zu bezeugen – und zwar in ihrer religiösen Verkündigung wie in ihrem diakonischen Handeln. Verkündigung und Diakonie - ,Heils- und Weltdienstʻ – hingen für Claß eng zusammen. Zusammengehalten wurden sie durch die evangelische Spiritualität, das heißt durch eine um Bibel, Gottesdienst, Sakramente und Gebet kreisende alltägliche Frömmigkeitspraxis. Die durch die evangelische Spiritualität zu Wort und Dienst der Versöhnung befähigte Kirche war nach Claß zugleich missionarisch und diakonisch – sie war ,missionarisch-diakonische Kircheʻ, wie ein Leitbegriff seiner Bischofsberichte lautet. Dieses kirchliche Programm setzte Claß in den 1950er und 1960er Jahren in der kirchlichen Basisarbeit um, als er als Landesjugendpfarrer die ländliche Jugendarbeit der Kirche neu organisierte und als leitender Pfarrer der Herrenberger Diakonieschwesternschaft die schwesternschaftliche Diakonie modernen Anforderungen anpasste. Auf beiden Arbeitsfelder erwies Claß sich als anziehender Verkündiger und Seelsorger sowie als kompetenter Organisator und Netzwerker. Auch in seiner kirchlichen Leitungstätigkeit als Prälat von Stuttgart, als württembergischer Landesbischof und als EKD-Ratsvorsitzender bemühte sich Claß um die Verwirklichung seines kirchlichen Programms. Er nutzte die Möglichkeiten, in Kirche und Öffentlichkeit für einen zugleich am biblisch-reformatorischen Christentum orientierten und für Herausforderungen der gegenwärtigen Welt evangelischen offenen Glauben zu werben. Das war angesichts der religiösen Krise der 1960er und 1970er Jahre und der die Kirche zerreißenden kirchlichen und gesellschaftlichen Konflikte nicht leicht. Die kirchlichen Organisationsreformen (z.B. die Revision der EKD-Grundordnung), die gesellschaftspolitischen Diskussionen (z.B. um den Schwangerschaftsabbruch, um das politische Engagement kirchlicher Amtsträger oder um das Verhältnis von Kirche und Staat), die ökumenischen Beziehungen (z.B. zum Ökumenischen Rat der Kirchen oder zu Kirchen auf der Südhalbkugel), der Linksextremismus (z.B. das Verhältnis der Kirche zur DKP und zur RAF), die innerkirchliche Pluralisierung (z.B. durch die organisatorische Verfestigung der Bekenntnisbewegung) oder die Kirche und Gesellschaft von unten verändernden ,neuen sozialen Bewegungenʻ (die über Basisinitiativen und Kirchentage den westdeutschen Protestantismus zu beeinflussen begannen) boten viel Konfliktstoff. Claß meisterte diese Herausforderung, weil er sich als Vermittler verstand: In seiner kirchlichen Leitungstätigkeit versuchte er die auseinanderstrebenden Lager innerhalb der Kirche zusammenzuhalten und er bemühte sich um gleichermaßen sachgerechte wie akzeptable Kompromisse.

Eine angemessene Würdigung von Claß‘ Person und Wirken ist zur Zeit nur vorläufig möglich, weil die kirchengeschichtliche Forschung die Geschichte des westdeutschen Protestantismus zwischen 1945 und 1989 und damit auch die kirchlichen Protagonisten dieser Zeit erst allmählich erschließt. Die Zeitgenossen jedenfalls haben Claß hoch geschätzt: Der Journalist Karl-Alfred Odin beispielsweise hat Helmut Claß 1979 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „Vorbild für den evangelischen Bischof“ bezeichnet und ihm große Verdienst um die Erneuerung des westdeutschen Protestantismus durch die „Rückführung der Gemeinden zu evangelischer Spiritualität“ zugeschrieben (1). Tatsächlich gehört Claß zu einer Gruppe von kirchlichen Leitungsverantwortlichen, zu der auch der Hamburger Bischof Hans-Otto Wölber oder Hannoversche Bischof Eduard Lohse zu zählen sind, die der evangelischen Kirche der Bundesrepublik Wege aus der religiösen Krise der 1960er und 1970er Jahre gewiesen haben.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Dieter, David

Von: Eisler, Jakob

David Dieter wurde am 13. Oktober 1863 als Sohn des Schullehrers Johann Jakob Dieter und der Katharina geb. Hiller in Schopfloch bei Kirchheim unter Teck geboren. Er besuchte zunächst die Grundschule in seinem Heimatort und dann die in Altenstadt bei Geislingen. 1872 kam er in die Lateinschule in Waiblingen, wechselte 1875 in die Lateinschule nach Schorndorf und 1876 nach Göppingen, von wo aus er im Herbst 1877 in das Seminar Maulbronn aufgenommen wurde. 1879 übersiedelte er in das Seminar Blaubeuren.

Im August 1881 bestand er die Aufnahmeprüfung für das Seminar in Tübingen, in welchem er die vier Studienjahre ohne größere Unterbrechung durchlaufen hat. Seine erste Stelle als Vikar übernahm er in Waiblingen im Hebst 1885 bis Mai 1886. Danach war er Vikar und Lehrer auf dem Tempelhof bei Crailsheim von Mai 1886 bis 1890.

Im Jahre 1890 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Palästina, Syrien, Ägypten und Italien. Bei dieser Reise lernte er in Jerusalem die Tätigkeit des Syrischen Waisenhauses kennen. Diese Erziehungseinrichtung trennte sich gerade von ihrem Mutterhaus St. Chrischona und wurde selbstständig. Von Anfang an wurde neben der schulischen Ausbildung großes Gewicht auf handwerkliche Arbeit gelegt, so dass im Laufe der Zeit eine große Zahl verschiedener Werkstätten im Waisenhaus eingerichtet wurde. Somit konnten die Schüler gemäß ihren Neigungen und Begabungen einen Beruf erlernen, der ihnen ein selbstständiges Leben ermöglichte. Es handelt sich dabei um die größte Erziehungsanstalt des Orients. Johann Ludwig Schneller, der erste Leiter und Gründer der Einrichtung, forderte Pf. Dieter auf, in den Vorstand einzutreten, was David Dieter nach seiner Rückkehr nach Stuttgart tat. Dieses Amt begleitete er bis zu seinem Tod. Von Juli 1890 bis 1899 war er zweiter Geistlicher der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. 1892 heiratete er Pauline Emilie geb. Katz, beide hatten 4 Kinder.

Während seiner 9jährigen Tätigkeit bei der Inneren Mission leitete er dreieinhalb Jahre die Stuttgarter Stadtmission. Am 26. November 1899 wurde er zum Stadtpfarrer an der Friedenskirche in Stuttgart ernannt. Diese Stelle konnte er nur weniger als drei Jahre ausfüllen, da er bereits am 23. Februar 1903 an einer Lungenentzündung verstarb.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Dittus, Gottliebin

Von: Ising, Dieter

Gottliebin Dittus verh. Brodersen (1815-1872)

LKAS, D 50 (Blumhardt-Archiv), Bildmappe Gottliebin Dittus

Will man verstehen, was vor über 150 Jahren in Möttlingen, einem Dorf am Rande des Schwarzwaldes oberhalb von Calw, geschehen ist, empfiehlt sich zuallererst ein Blick in die Berichte eines Augenzeugen, der, in die Ereignisse wider seinen Willen hineingezogen, eine maßgebliche Rolle im Verlauf der Krankheit und schließlichen Glaubensheilung der Gottliebin Dittus (1815–1872) gespielt hat. Die Rede ist von Johann Christoph Blumhardt (1805–1880), seit 1838 in Möttlingen auf seiner ersten Pfarrstelle, später Seelsorger in Bad Boll. Man sollte seine Schilderung, die Krankheitsgeschichte der G. D. in Möttlingen, (1) auf sich wirken lassen, bevor man zu den Berichten und Deutungen anderer übergeht. Letztere, verfasst von Theologen, Medizinern, Psychotherapeuten, manchmal auch von Menschen, die sich nicht zu den „Fachleuten“ rechnen und einfach nur – positiv oder negativ – von den Möttlinger Ereignissen berührt sind, bewegen sich in dem weiten Spektrum zwischen unkritischem Nacherzählen und rationalistischer Ablehnung des Blumhardtschen Berichts. Diese Stimmen aus dem 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart können helfen zu ergründen, was es denn nun mit der Krankheit und Heilung der Gottliebin Dittus auf sich hat. Andererseits kann eine Prüfung der Ereignisse anhand der historischen Quellen, die den Erkenntnishorizont offenhält und sich nicht auf Vorentscheidungen festlegen lässt, Aufschluss darüber geben, was es mit den Urteilen des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart auf sich hat.

Lassen wir also Blumhardt erzählen. Im April 1842 erfährt er von seltsamen Vorkommnissen in der Wohnung der besagten Gottliebin. Diese, eine junge Frau von 26 Jahren, lebt mit drei Geschwistern zusammen in einem engen Logis, dem Untergeschoss des heutigen Gottliebin-Dittus-Hauses in Möttlingen, das seit 1988 eine Ausstellung beherbergt.(2) Es herrscht drückende Armut und Traurigkeit; Vater, Mutter und mehrere Geschwister sind kurz zuvor, innerhalb weniger Jahre, gestorben. In den Jahren 1841 und 1842 werden die Bewohner von unerklärlichen Poltergeräuschen erschreckt. Eine durchsichtige Gestalt, nur von Gottliebin wahrgenommen, bittet um im Haus versteckte Papiere, die auch gefunden und als Utensilien zum Ausüben von Zauberei gedeutet werden.(3)

Ohnmachten und Krämpfe, an denen die junge Frau zu leiden hat, können vom behandelnden Arzt nicht gedeutet werden; auch Blumhardt weiß sich angesichts der bewusstlos daliegenden Frau nicht zu helfen. An einem Sonntagabend im Juni 1842 sieht er schweigend ihren heftigen Konvulsionen zu, die den ganzen Körper ergriffen haben; Schaum fließt aus dem Mund. Da überkommt es ihn; er ergreift ihre Hände, legt sie zum Beten zusammen und ruft: „Wir haben lange genug gesehen, was der Teufel tut; nun wollen wir auch sehen, was Jesus vermag.“ Das Erstaunliche geschieht: Die Kranke erwacht, spricht die betenden Worte nach; die Krämpfe hören auf.(4)

Damit sind die Weichen für Blumhardts künftiges Handeln gestellt. Für ihn handelt es sich von nun an um keine natürliche Krankheit, sondern um Angriffe des Satans; Heilmittel kann nur das Gebet sein. Blumhardt fühlt sich als Seelsorger gefordert, nicht als Rezitator exorzistischer Formeln, die Gottliebin Dittus zum Objekt degradieren würden. Er besucht sie häufig, betet mit ihr, fordert sie auch selbst zum Gebet auf und ermutigt sie zu Geduld und Glauben an den, der nach 1 Joh 3,8 gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören.

Die Ereignisse werden immer dramatischer. Der angebliche Geist, nach Gottliebins Aussage mit der früheren Erscheinung identisch, beginnt aus ihr zu reden. Nach Blumhardts Handauflegung und Gebet fährt der Geist aus und bekennt, er finde keine Ruhe; als Strafe für im Leben begangene Sünden sei er vom Satan gebunden. Die Anwesenden, außer Blumhardt noch wenige Vertraute, konstatieren in den nächsten Tagen ein „Ausfahren“ weiterer Geister, indem sie würgende Bewegungen der Kranken auf diese Weise deuten. Nun klagt sie über Brustblutungen, die ihr von Vampiren beigebracht würden; sie hat starke Schmerzen, Brandwunden; es kommt zu Selbstmordversuchen. In all dem begleitet sie Blumhardt als treuer Seelsorger. Allmählich erscheint ihm ihr Krankenlager als Schauplatz einer zentralen Auseinandersetzung zwischen dem Reich der Finsternis und der Macht des auferstandenen Christus. Die Pflicht, hier nicht klein beizugeben, sondern im Vertrauen auf göttliche Hilfe auszuharren, wird ihm von Woche zu Woche deutlicher.(5)

Blumhardts und Gottliebins Glaube wird auf eine harte Probe gestellt. Wenn es scheint, als hätte die Geschichte ihr Ende erreicht, kommt es wieder zu Rückfällen, auch zu völlig neuen Erscheinungen. Am 8. Februar 1843 sieht die junge Frau im Geiste ein schreckliches Erdbeben in Westindien, was kurz darauf durch Zeitungsberichte bestätigt wird.(6) Einen Monat darauf erbricht sie ein Messer, Nadeln und ein 3 Zoll breites Stück Eisen, alles nach Blumhardts Überzeugung in sie „hineingezaubert“. Aus ihrem Kiefer, der Herzgrube und aus dem Oberleib treten Nägel, Scherben, Knochen, Eisen, Fensterblei, verbogene Drahtstücke und anderes hervor. Wie immer sind auch hier Augenzeugen anwesend. Blumhardts Frau hilft beim Herausziehen der Gegenstände, die von Blumhardt anfangs aufbewahrt und später vernichtet werden.(7)

 

Dittus-Haus, Möttlingen

Fotograf: Werner Mast, Möttlingen

An Weihnachten 1843 treiben die Ereignisse ihrem Höhepunkt entgegen. Diesmal ist nicht Gottliebin Dittus betroffen, sondern die „Besessenheit“ überträgt sich auf ihren Bruder Hansjörg und die Schwester Katharina. Aus dieser lässt sich nach Blumhardts Schilderung ein „Dämon“ vernehmen, „der sich diesmal nicht als einen abgeschiedenen Menschengeist, sondern als einen vornehmen Satansengel ausgab, als das oberste Haupt aller Zauberei, dem vom Satan die Macht dazu erteilt worden sei und durch den dieses Höllenwerk nach den verschiedensten Seiten hin zur Förderung des satanischen Reichs sich verzweigt hätte, mit dem aber nun, da er in den Abgrund fahren müsse, der Zauberei der Todesstoß gegeben werde, an dem sie allmählich verbluten müsse.“ Aus Katharina dröhnt ein Schrei der Verzweiflung; dann brüllt es aus ihr heraus: „Jesus ist Sieger! Jesus ist Sieger!“ – ein Ruf, der im Dorf weithin vernommen wird. Ist es bisher gelungen, die Geschichte weitgehend vertraulich zu behandeln, tritt nun ihr siegreicher Abschluss an die Öffentlichkeit. Der Dämon verschwindet und kommt nicht wieder. „Das war der Zeitpunkt, da der zweijährige Kampf zu Ende ging.“(8)

Für Blumhardt steht die Realität der erscheinenden Geistergestalt und der Geisterstimmen nie in Frage. Selbstverständlich folgt er Gottliebins Hinweis, hier träten verstorbene, vom Teufel gebundene Personen auf. Wenn sich etwas aus ihr gegen Blumhardt richtet, sie mit drohenden Gebärden auf den betenden Seelsorger losfährt, mit fremder Stimme spricht, wenn würgende Bewegungen auftreten, konstatiert er, nicht sie selber sei die handelnde Person. Auch die aus ihr hervortretenden Gegenstände sind, so Blumhardt, in diese hineingezaubert worden. Hier wirkt sich seine Vorprägung aus, das Aufwachsen im biblischen Realismus der Stuttgarter Gemeinschaftsbewegung, die enge Verbindung mit Gottlieb Wilhelm Hoffmann, dem Gründer von Korntal, die Tübinger Vorlesungen bei Adam Karl August Eschenmayer, die Bekanntschaft mit Justinus Kerner, eine von Blumhardt miterlebte Geisteraustreibung in Basel. Überall wird an der Existenz einer Geisterwelt(9) festgehalten; man widersetzt sich der Bestreitung durch die Aufklärungstheologie.

Wie können wir heute das Geschehen um Gottliebin Dittus verstehen? Wohl nicht als Bestätigung der spiritistischen Hypothese, die Geister Verstorbener könnten herbeigerufen und befragt werden. Dagegen kann die These von Medizinern und Psychotherapeuten, das, was sich zwischen Blumhardt und Gottliebin abgespielt habe, sei in den Kategorien heutiger Psychotherapie zu verstehen, einiges Rätselhafte plausibel machen. Hier ist man sich weitgehend einig, dass Geisterstimmen und entsprechende Bewegungen von Gottliebin selbst produziert wurden, allerdings in einem tranceähnlichen Zustand. Es handle sich um eine hysterische Symptomatik, begründet im unbewussten Streben nach Zuwendung und Beachtetwerden. Blumhardt sei bereitwillig auf dieses Schauspiel eingegangen, ohne dessen wahre Bedeutung zu erkennen; dies habe die Symptome zeitweise verstärkt. Allerdings wird ihm bescheinigt, durch unerschütterliches Ausharren bei seiner „Patientin“ und das Aufzeigen einer befreienden Perspektive sich – wenn auch in den Vorstellungen seiner Zeit verhaftet – als Vorläufer der Psychotherapie erwiesen zu haben.

Nachdenkliche Vertreter dieser Auffassung machen zugleich auf deren Grenzen aufmerksam. So gibt der Psychiater Walter Schulte(10) zu bedenken, dass sich ein Teil der Erscheinungen auf diese Weise nicht erklären lässt. Die aus der Haut der Kranken hervortretenden Gegenstände können nicht von ihr selbst hineinpraktiziert worden sein, um damit Aufmerksamkeit zu erregen; hier geht die Interpretation als Hysterie ins Leere. Blumhardt betont, dass beim Austreten keine Wunde entstanden und auch zuvor keine Wunde sichtbar gewesen sei. Am Wahrheitsgehalt des Berichteten mag man zweifeln, jedoch vermittelt die Lektüre der Schriften und Briefe Blumhardts den Eindruck eines Menschen, der die Wahrheit sagen will. So kommt auch Schulte zu dem Schluss, man sei hier an der Grenze der medizinischen Deutbarkeit angelangt. Wolle man das Geschehen mit Hilfe von Massensuggestion, Selbsttäuschung, Schwindel und Zauberkunststücken vollständig erklären, würde man „einen bitteren Geschmack auf der Zunge nicht los“. So führen neue Erkenntnisse nur teilweise zur Erhellung der Möttlinger Ereignisse. Gegenüber unseren Verstehensmöglichkeiten erweist sich das Geschehen als überschüssig.

Was haben uns Krankheit und Heilung der Gottliebin Dittus heute noch zu sagen? Ein skurriler Nachhall mittelalterlicher Teufelsaustreibung, durch neue Erkenntnisse weitgehend entzaubert und für uns nicht mehr von Belang? Man betrachte die leidende Gottliebin, die, von Krämpfen geschüttelt, von Blutverlusten geschwächt und von Selbstmordgedanken bedroht auf ihrem Lager liegt. Hilfe erfährt sie nicht durch Aufklärung über seelische Hintergründe ihres Leidens, sondern durch einen Seelsorger, der sie und sich selbst vor das Angesicht Gottes stellt. Damit wird – jenseits von Dämonengläubigkeit, aber auch jenseits einer rein verstandesmäßigen Deutung – die Aktualität dieses Krankenlagers deutlich. Die kranke Frau erfährt die Treue Blumhardts, sein Ausharren bei ihr und sein Anhalten im Gebet. Darüber hinaus erfahren beide die Treue Gottes, der ihren Gebeten antwortet. Es verschwinden ja nicht nur einige psychopathologische Erscheinungen wie das Hervorbringen der angeblichen Geisterstimmen – das hätte eine übliche Psychotherapie auch bewirkt. Gottliebin wird heil im ganzheitlichen Sinne: körperlich (auch wenn später wieder ernste Erkrankungen auftreten), seelisch und geistlich. Sie wird in der Tiefe ihres Seins angerührt und verwandelt in einer Weise, die auf andere ausstrahlt. Sie ist jetzt nicht mehr das arme Ding, das ihr Bedürfnis nach Zuneigung und vielleicht auch gesellschaftlicher Geltung hinausschreit; sie hat nun einen tragenden Grund, der, wenn auch an Blumhardts Nähe gekoppelt, doch über ihn weit hinausgeht. Dass Blumhardt sie später, wie unten zu zeigen sein wird, als Mitarbeiterin in sein Haus aufnimmt, darin hat man bisweilen den eigentlichen Grund ihrer Heilung gesehen. Die neue Rolle mag das Geborgenheits- und Geltungsbedürfnis der intelligenten, aber armen Frau zufriedengestellt und zur Genesung beigetragen haben. Dass ihr Neuwerden jedoch darin nicht aufgeht, sondern tiefer gegründet ist, wird beim Betrachten des weiteren Lebensweges sichtbar.

Zuvor noch ein Blick auf Blumhardt. Auch er ist im Lauf der Ereignisse verwandelt worden. Hat er sich bislang trotz allen Engagements für die Gemeinde im Alltagsgeschäft aufgerieben, so macht ihn nun die Erfahrung, mit dem Bösen gleichsam „handgemein“ geworden zu sein, das letztlich doch dem heilmachenden Gott weichen musste, zu einem Zeugen der göttlichen Macht. Sein Wort wird jetzt gehört, anders als vorher. Erst kommen einzelne Gemeindeglieder zu ihm, legen auf eigenen Wunsch die Beichte ab und erbitten die förmliche Absolution. Dann wird er in seinem Amtszimmer gleichsam überlaufen von Beichtwilligen, die mitunter bitterlich weinen, was auch „die härtesten Männer nicht unterlassen können“.(11) Dennoch macht die Erweckung, die in kurzer Zeit die ganze Gemeinde ergreift, keinen überspannten Eindruck, eher den eines großen Aufatmens. Die Menschen kommen aus bisherigen Verbohrtheiten und Sackgassen heraus, können sich in rückhaltlosem Vertrauen Gott an den Hals werfen und neu anfangen zu leben. Blumhardt kann dieser Gemeinde ein würdiger Seelsorger sein, die Menschen auf ihren ersten Schritten in ein neues Leben begleiten, die Bewegung in nüchternen Bahnen halten, den Möttlingern und den immer zahlreicher werdenden Auswärtigen eindrücklich predigen. Überrascht stellt er nach einiger Zeit fest, dass seine Berührung manchmal zur Heilung seelischer und körperlicher Krankheiten führt. Am Krankenbett der Gottliebin Dittus hat er nicht nur etwas gelernt, was ihn menschlich und beruflich weiterbringt; etwas Objektives hat sich ihm mitgeteilt, das auf andere ausstrahlt.

In der Stuttgarter Gemeinschaftsbewegung, in Korntal und Basel ist Blumhardt die Naherwartung des ersten Tausendjährigen Reiches und der Wiederkunft Christi begegnet; zuvor rechnet man mit Bedrängnissen durch den Antichristen. Diese nach vorn gerichtete, ängstliche und letztlich doch freudige Erwartung gründet sich auf Johann Albrecht Bengels Auslegung der Offenbarung Johannis. Blumhardt sieht auch die Möttlinger Ereignisse in diesem Horizont. Den Kampf mit dem Bösen, Gottliebins Heilung, die Erweckung der Gemeinde und die Heilungen versteht er, so beeindruckend sie sind, nur als Vorspiel einer bald eintretenden weltweiten Ausgießung des Heiligen Geistes. Gott, der will, dass alle Menschen und nicht nur ein paar „Fromme“ gerettet werden, wird auf der ganzen Welt eine Bußbewegung – ein, wie Blumhardt sagt, „Rennen und Jagen zum Reiche Gottes“ – erwecken als Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi, die ein Friedensreich einleiten, aber auch ein Gericht sein wird. Christen haben nicht mit den Händen im Schoß diese Entwicklung zu verfolgen, sondern für das Kommen von Gottes Reich zu beten und sich und andere darauf vorzubereiten. Hierin sieht Blumhardt von jetzt an seine Hauptaufgabe. Die Heilung der Gottliebin Dittus und erst recht die Erweckung haben ihn zum Theologen der Hoffnung gemacht.

Auf diesem Weg begleitet ihn neben anderen auch Gottliebin, nicht als Mitläuferin, sondern als Mitbeterin und gern gehörte Beraterin. 1844 überträgt ihr Blumhardt die Leitung der neugegründeten Möttlinger Kleinkinderschule, da er keine geeignetere Person als sie weiß. Bei all dem bleibt sie ein Mensch von zerbrechlicher Gesundheit. So kommt sie, wie Blumhardt dem befreundeten Christian Gottlob Barth am 9. August 1845 mitteilt, durch „eine Art Wassersucht“ und Erbrechen von geronnenem Blut in Lebensgefahr. Bereits vom Tod gezeichnet liegt sie da und hat alle Hoffnung aufgegeben, als Blumhardt für sie noch einmal betet. Diesmal treten weder Spuk noch Geisterstimmen auf; in weniger als fünf Minuten kommt es zu einer deutlichen Besserung. Eine Veränderung ist mit Gottliebin Dittus vorgegangen. Das gewachsene Vertrauen auf Gottes Hilfe ist es, das ihr Seelsorger jetzt nur in Erinnerung rufen muss.

1846 nimmt Blumhardt sie ganz in sein Haus und seine Familie auf. Sie wird, wie er in der Nachschrift zur Krankheitsgeschichte feststellt, „die treueste und verständigste Stütze meiner Frau in der Haushaltung und Kindererziehung“. Gottliebin erwirbt sich darüber hinaus das Vertrauen Kranker, die das Möttlinger Pfarrhaus aufsuchen; vor allem Geisteskranke haben „das ungemessenste Zutrauen“ zu ihr. Sie nimmt kein Geld für ihre Tätigkeit, ist also nicht Dienstperson im Hause, sondern „an Kindes Statt angenommen“; dies gilt auch für ihre Schwester Katharina und den Bruder Hansjörg.

Bevor Blumhardt sich 1852 zum Erwerb des Kurhauses Bad Boll entschließt, eines ausgedehnten Gebäudes mit 129 Zimmern, schickt er seine Frau Doris und Gottliebin dorthin. Ihm ist das Urteil der beiden Frauen wichtig; schließlich sollen sie später die Bad Boller Hauswirtschaft leiten und die erwarteten zahlreichen Gäste versorgen. Diese „musterten alles von der Bühne bis zum Keller, und der Mut kam ihnen mehr und mehr, namentlich da so viele Mobilien und Betten vorhanden waren, daß man sogleich mit Aufnahme von Gästen beginnen konnte.“ Zu guter Letzt „gaben sie sich die Hand und sagten wie aus Einem Munde: ,Gelt, das lassen wir nicht hinaus!’ Mit dem festesten Eindruck, das Haus sei für den gedachten Zweck geeignet und die Last der Verwaltung sei für sie beide zu wagen, kamen sie nach Möttlingen zurück.“(12) Besser kann das Ansehen, das Gottliebin Dittus in Blumhardts Familie genießt, nicht geschildert werden. Gemeinsam mit seiner Frau ist sie an Entscheidungen, die den Fortgang der Reichsgottesarbeit betreffen, maßgeblich beteiligt. Blumhardts Briefe und die Berichte anderer enthalten keine Andeutungen über eine Rivalität der beiden Frauen. Blumhardts Ehe mit Doris erweckt durchgängig den Eindruck einer glücklichen Verbindung. Doris Blumhardt und Gottliebin Dittus haben ihre gemeinsame Arbeit mit der gleichen Zielrichtung getan, in der Erwartung des bald in eine neue Phase tretenden Reiches Gottes. Dafür wird gebetet und bis zur Erschöpfung gearbeitet.

Friedrich Zündel, der Gottliebin persönlich kennengelernt hat, schildert sie als eine Persönlichkeit, die von ihrer ärmlichen Jugend her „etwas Grobkörniges“ behalten habe. Sie sei nichts weniger gewesen als liebenswürdig oder anmutig; ihre Lebenserfahrungen hätten sie vielmehr dazu befähigt, den geistlichen Zustand der Besucher präzise wahrzunehmen und gegebenenfalls deutliche Worte zu sagen. „Darum waren für sie Rang, Stand und dergleichen so gut wie nicht vorhanden, und darum war auch ihr Scharfblick lästig.“ Wer jedoch hinter ihr rauhes Wesen habe schauen können, habe einen „heißen, heiligen Ernst der Liebe und Fürbitte“ wahrgenommen und die Entschlossenheit, dem kommenden Gottesreich den Weg zu bereiten.(13)

Im Jahr 1855 heiratet Gottliebin Dittus den aus Nordfriesland stammenden und in Bad Boll von Gehbeschwerden geheilten Theodor Brodersen; aus der Ehe gehen drei Söhne hervor. Seit Dezember 1862 wird sie wegen eines Magenleidens, dem weitere Krankheiten folgen, längere Zeit in einem Stuttgarter Krankenhaus behandelt. Bis zu ihrer vorläufigen Entlassung im Juli 1863 schreibt Blumhardt ihr häufig, manchmal täglich. Er tröstet sie auf ihrem schmerzhaften Krankenlager, berichtet vom täglichen Gebet der Bad Boller für Gottliebin, erzählt von neu angekommenen Gästen und hält auch mit eigenen Sorgen und Zweifeln nicht hinter dem Berg. Ob „unsre Sache in ihrem richtigen Gang ist“, ob die Arbeit in Bad Boll auch wirklich Gottes Reich fördere und nicht vielmehr aufhalte, dieser Gedanke wird ihm manchmal zur Qual. Und wird er selbst vor der Zeit sterben müssen, wenn „so viel im Rückstand“ ist? Hinzu kommt die Sorge um seine Kinder, denen noch manches fehlt, einmal Nachfolger ihres Vaters sein zu können. Der Seelsorger, der sich in Bad Boll und auf Reisen ungezählter Hilfesuchender annimmt, erhält dann seinerseits von Gottliebin ein tröstendes und Mut machendes Gedicht.(14)

In der Folgezeit wird sie nicht mehr gesund. In mühevollem Auf und Ab schleppt sie sich dahin und stirbt am 26. Januar 1872 an Magenkrebs. Blumhardt ist an diesem Tag auf Reisen. Seine Frau und sein Sohn Christoph erleben, wie nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Hoffnung auf das Reich Gottes Gottliebins letzte Stunden bestimmt. Für Christoph, bisher voller Zweifel, ob er als Nachfolger seines Vaters geeignet sei, ist dies eine Erfahrung, die ihn lebenslang fest mit der gemeinsamen Sache verbindet.(15)

Gottliebin Dittus hat einen Weg genommen, der das Geschenk der Heilung aus Glauben konsequent festhält. Hinter die Feststellung von Hans Jörg Weitbrecht, ihre spätere Entwicklung sei nur ein „schönes Beispiel für den ,Fassadenwechsel’ geltungsbedürftiger Psychopathen“(16), darf ein Fragezeichen gemacht werden. Wie schon erwähnt, hat ihre Heilung eine tiefgehende Veränderung zur Folge. Nicht ihre „Fassade“ hat einen neuen Anstrich bekommen, sondern das ganze Haus, wenn es denn von Geltungssucht beherrscht wurde, ist eingerissen und neu gebaut worden.

Glaubensheilungen sind nicht auf Frauen beschränkt. Theodor Brodersen und viele andere Männer haben ebenfalls ein geistliches Neuwerden und dann auch Befreiung von Krankheit erfahren, etwa der Epileptiker, der im Bad Boller Sprechzimmer unter Blumhardts Gebet von der, wie er es schildert, „Majestät des gegenwärtigen Gottes“ überwältigt wird. Er kann nicht anders, als sich vor diesem Gott auf die Knie zu werfen – als er aufsteht, ist er gesund. Einen Rückfall in die Krankheit hat es offensichtlich auch Jahre nach diesem Erlebnis nicht gegeben.(17) Ferner sind Erscheinungen von „Besessenheit“, hysterische Ausbrüche und Visionen auch bei Männern bezeugt. So berichtet der Vater eines stummen Kindes, der Blumhardt 1846 in Möttlingen aufgesucht hat, er sei auf dem Rückweg „wahnsinnig“ geworden, habe den Heiland und den Teufel gesehen und erst durch acht Männer gebunden werden können.(18)

Was ist das Besondere am geistlichen Neuwerden und Heilwerden der Gottliebin Dittus? Zwischen ihr und Blumhardt wird mit der Zeit die Einbahnstraße der Seelsorge aufgehoben; an ihre Stelle tritt gegenseitiger Zuspruch und gemeinsames Gebet. Keiner hat den andern geistlich überwältigt; vielmehr werden beide durch das Eingreifen eines Dritten überwältigt. Mit dieser Erfahrung ausgerüstet, machen sie sich auf, Gott den Weg zu bahnen.

Erstmals veröffentlicht in: Weib und Seele. Frömmigkeit und Spiritualität evangelischer Frauen in Württemberg. Katalog zur Ausstellung im Landeskirchlichen Museum Ludwigsburg vom 16. Mai bis 8. November 1998, S. 97–102.

Aktualisiert am: 28.11.2016

Duncker, Max

Von: Butz, Andreas

Familienverhältnisse

V Carl D., Kaufmann (30.7.1813-3.2.1872). M Wilhelmine, geb. Betz (9.1.1822-22.7.1901). G 2.  ∞ 1) 1888 Klara, geb. Roller (1865-1905) Tochter des Jakob Roller, Kanzleirat in Tübingen; 2) 1907 Martha, geb. Blum (1880-1918), Tochter des Eugen Otto Bernhard von Blum, Prälat. K Max (1909 - 1998), Dekan; Ludwig (1911 - 2002), Pfarrer; Christoph (1914 - 1998), Dekan

Biographische Würdigung

D. wurde am 7. Juli 1862 in Geislingen als Sohn des Stadtrates und Eisen-, Spezerei- und Farbwarenhändlers Carl D. geboren, und wuchs daselbst mit zwei Schwestern und einer elternlosen Cousine auf. Der Vater starb als der Junge erst neun Jahre alt war. Er besuchte die Schulen seiner Heimatstadt, kurze Zeit auch das Lyzeum in Nürtingen, um dann im Herbst 1876 als Seminarist in das niedere evangelisch-theologische Seminar einzutreten, erst in Schöntal, und dann ab 1878 in Urach. Im Herbst 1880 bezog er die Universität Tübingen, zunächst um seiner militärischen Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger zu genügen, und dann, um dort als Angehöriger des höheren evangelisch-theologischen Seminars Theologie zu studieren. Nach der ersten theologischen Dienstprüfung fand er im unständigen Kirchendienst Verwendung, in Großsüßen, Plieningen, Maulbronn und Wangen im Allgäu. Im Sommer 1887 machte er, durch ein Staatsstipendium unterstützt, eine Studienreise nach Mittel- und Norddeutschland und Skandinavien. Im Frühjahr 1888 wurde er nach abgelegter zweiter Dienstprüfung zum Pfarrer in Klingenberg am Neckar ernannt.

In seine Zeit in Klingenberg fiel auch der Anfang seiner historischen Forschungstätigkeit. Der überschaubare Arbeitsanfall in dieser kleinen Landgemeinde erlaubte es dem Pfarrer ohne Vernachlässigung seines Amtes und ausgehend von der Lokalgeschichte seinen wissenschaftlichen Neigungen nachzugehen. Den Heilbronner Archivar Rektor Dr. Dürr unterstützte er dann in dieser Zeit bei der Bearbeitung der Oberamtsbeschreibung mit reformationsgeschichtlichen Studien.

Seine Beförderung auf das Pfarramt Belsen im Sommer 1898 versetzte ihn in die Nähe Tübingens. Seine historischen Kenntnisse erweiterte und vertiefte er hier vor allem durch den Besuch von Vorlesungen der Professoren Walter Goetz und Heinrich Günter. Ab 1899 konnte er durch Ausgrabungen im Innenraum der dortigen Kapelle, welche er dort mit dem Landeskonservator durchführte, sowie auch durch eingehende weitere Untersuchungen, die Erkenntnisse über dieses rätselhafte Bauwerk vermehren. D. hat über diese interessante Kapelle mehrfach publiziert und referiert. Deshalb wurde später der Weg hinauf zum Belsener Kirchlein nach D. benannt.

Für den zweiten Band der Oberamtsbeschreibung Heilbronn beschrieb er den Ort Talheim an der Schozach, dessen Geschichte zu erforschen angesichts der verschiedenen dort ansässigen Geschlechter und Lehensträger keine einfache Aufgabe war, und wozu er zunächst das dortige Schlossarchiv ordnen musste.

Im Auftrag der Kommission für Landesgeschichte, der er als Mitglied angehörte, nahm er die Pfarr- und Gemeinderegistraturen der evangelischen Orte der Oberämter Brackenheim, Besigheim, Cannstatt, Maulbronn, Rottenburg und Tübingen für die Württembergischen Archivinventare auf. Auch durch diese Tätigkeit wurde er an neuen geschichtlichen Stoff herangeführt. Seine Forschungen ergaben zahlreiche Veröffentlichungen in den Tübinger Blättern und den Reutlinger Geschichtsblättern, dem Mitteilungsblatt des Sülchgauer Altertumsvereins, dessen Leitung er übernahm. Im Auftrag der Kommission für Landesgeschichte bearbeitete er das Verzeichnis der württembergischen Kirchenbücher, welches 1912 erstmals erschien, und im Jahre 1938, da inzwischen vergriffen, völlig neu bearbeitet eine Neuauflage erfuhr, bei der auch eine weitere, verwandte Quelle, die Kirchenkonventsprotokolle berücksichtigt werden konnten. In einer ausführlichen Einleitung beschreibt er in diesem Verzeichnis die Einführung der Kirchenbücher in den einzelnen Territorien. Die Pfarrer beider Konfessionen mussten ihm auf Anweisung ihrer Behörden, also des Ev. Konsistoriums beziehungsweise des  Bischöflichen Ordinariates, die notwendigen Unterlagen einreichen.

Seine im Herbst 1912 erfolgte Ernennung zum Stadtpfarrer in Neckarsulm ermöglichte ihm, die früher begonnenen Studien über Heilbronn zu einer Dissertation bei Prof. Walter Götz auszuweiten. Während des ersten Weltkrieges und in den Jahren danach fand D. neben seinen Aufgaben als Neckarsulmer Pfarrer, und zum zweiten Mal zum Witwer geworden, wenig Gelegenheit für neuere Forschungen. Seine dortige Arbeit war weitaus verzweigt, auch durch die Versorgung der Gemeinde in Gundelsheim. In der Kriegszeit kam dazu noch der Dienst als Lazarettpfarrer auf Schloss Hornegg dazu. In seinem Ruhestand ab 1933, den er in Tübingen verbrachte, konnte er sich wieder vermehrt der historischen Forschung widmen ,vor allem in den Beständen des dortigen Städtischen Archivs,  besonders den Spitalakten, und publizierte Jahr um Jahr in den Tübinger Blättern größere Arbeiten, so etwa über die Geschichte der Pfarrei Derendingen bis 1800, über die Salzburger Emigranten in Tübingen im Jahr 1732, über das Tübinger Spital im Mittelalter.

Darüber hinaus entfaltete er eine fruchtbare Tätigkeit als Pfleger des Landesamts für Denkmalpflege, als staatlicher und kirchlicher Archivpfleger des Bezirks, als reges Mitglied in historischen Vereinen, vor allem in dem Sülchgauer Altertumsverein, dessen Versammlungen er durch seine Vorträge und sein Wissen bereicherte.

Unermüdlich widmete er sich vielfältigen kirchen- und landesgeschichtlichen Forschungen, in denen er stets Neues aus den Urkunden oder Akten herausholte und zu einem anschaulichen Kulturbild verarbeitete. Noch einige Tage vor seinem Tod übergab er dem Herausgeber der Tübinger Blätter, Peter Goessler, ein Manuskript über Beziehungen des Spitals zum Schönbuch und seinen Waldgerechtigkeiten, und selbst am Tag vor seinem Tod am 15. Juni 1941 ging er in der dortigen Universitätsbibliothek historischen Forschungen nach.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 07.07.2016

Flattich, Johann Friedrich

Von: Ehmer, Hermann

Johann Friedrich Flattich

Johann Friedrich Flattich

gemeinfrei (Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart)

Er gründete ein Internat im Pfarrhaus, war ein gesuchter Prediger und setzte sich dafür ein, dass Menschen lernten, gut zu wirtschaften. "Wenn man wenig braucht, muss man wenig erwerben und sich um so weniger Sorgen machen", war einer seiner Leitsprüche.

Viele kennen das Büchlein "Zwischen Kanzel und Acker" von Georg Schwarz. Es ist ein 1940 erstmals erschienener und seither immer wieder aufgelegter Roman, keine Lebensbeschreibung des württembergischen Pfarrers Johann Friedrich Flattich. Dieser wurde 1713 in Beihingen am Neckar als Sohn eines Schulmeisters geboren. Der Vater starb früh, weshalb die Mutter froh war, dass ihr Sohn die kostenlose Ausbildung zum württembergischen Theologen machen konnte. Nach dem Examen war der junge Flattich zunächst Vikar in Hoheneck bei Ludwigsburg, 1742 wurde er Garnisonsprediger auf dem Hohenasperg, worauf er sich umgehend mit Christiana Margareta Groß, einer Pfarrerstochter, verheiratete. Das Ehepaar hatte im Laufe der Jahre 14 Kinder, wovon jedoch nur sechs das Erwachsenenalter erreichten. Die beiden Söhne wurden Pfarrer. Eine der vier Töchter, Beata, wurde die zweite Ehefrau des Mechanikerpfarrers Philipp Matthäus Hahn.


Pfarrer und Erzieher

Schon auf dem Asperg begann Flattich damit, junge Leute in Kost und Wohnung zu nehmen, die er unterrichtete und erzog. Flattich verstand es, die Schüler zum selbständigen Lernen zu bringen, indem er ihnen den Stoff in überschaubaren Portionen darbot. Durch diese individuelle Methode entlastete er sich selbst und hatte damit so viel Erfolg, daß ihm stets Schüler zugeschickt wurden. 1747 wurde er nach Metterzimmern versetzt, 1760 nach Münchingen. Für das dortige Pfarrhaus ließ er auf eigene Kosten einen Anbau errichten, der einen Arbeitsraum und Schlafräume für die Schüler bot. Dieses Internat im Pfarrhaus bedeutete eine große Arbeitslast für die Pfarrfrau. Als sie 50jährig starb, hat ihr Flattich einen bewegenden Nachruf gewidmet.

Prediger, Seelsorger und Ratgeber

Neben seiner "Information", wie er seinen Unterricht nannte, versah Flattich sein Pfarramt. Von 1777 bis zu seinem Tod wurde er darin nacheinander von seinen beiden Söhnen, die Vikare bei ihm waren unterstützt. Flattich war ein gesuchter Prediger, viele Leute kamen von auswärts, um ihn zu hören und sich von ihm seelsorgerlich beraten zu lassen. Leider ist keine seiner Predigten erhalten, doch haben wir eine Anzahl seiner Briefe.

Vor allem lag ihm das "Hausen" am Herzen, das richtige Wirtschaften und Haushalten. Sparsamkeit war in der Mangelgesellschaft des 18. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit zum Überleben. Wenn man wenig braucht, so Flattich, muß man wenig erwerben und sich um so weniger Sorgen machen. Seine eigene Lebenshaltung war äußerst bescheiden, er hat dann aber auch ein ansehnliches Vermögen hinterlassen.

Bis zum heutigen Tag werden Flattich-Anekdoten erzählt, die vielleicht den Geist Flattichs atmen, aber ansonsten meist erfunden sind. Einer seiner Söhne hat jedoch 1825 Regeln der Lebensklugheit im Volkston herausgegeben. Es ist dies eine Blütenlese aus Flattichs Briefen über das Thema des Hausens. Dieses Büchlein über das richtige Haushalten wurde im 19. Jahrhundert in zahlreichen Auflagen gedruckt und ist somit Flattichs Vermächtnis an die Nachwelt.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Gauger, Joseph

Von: Lächele, Rainer

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Johann Martin Gauger (5.2.1816-3.9.1873), Lehrer am Erziehungsheim Paulinenpflege

M Pauline Christine geb. Schmid (+ 1897)

G 10, u.a. die Schwestern Luise, Heinrike und Maria (Ehefrau des Direktors Heinrich Ziegler, Wilhelmsdorf), Bruder Samuel Gauger (13.11.1859-29.5.1941), Dekan in Ludwigsburg

∞ 1898 Emeline Gesenberg

2: Biographische Würdigung

Joseph Gauger, geboren am 2. April 1866 in Winnenden, entstammte dem württembergischen Pietismus. Geprägt durch den Vater fand er selbst schon früh Anschluss an pietistische Gruppen wie der Hahnschen Gemeinschaft. Die zeitlebens enge Verbindung Gaugers zur Inneren Mission begann mit seiner Tätigkeit als Lehrer an der bekannten „Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen“ in Großheppach. Sein pädagogisches Talent war schon hier deutlich zu spüren. 1889-1893 studierte er zunächst die Rechte, dann die evangelische Theologie in Tübingen. 1898 wurde er sTadtpfarrverweser in Giengen an der Brenz. Noch im selben Jahr verließ er die Württembergische Landeskirche, um in die Dienste der „Evangelischen Gesellschaft“ in Elberfeld zu treten. Damit ging er gewissermaßen vom württembergischen zum niederrheinischen Pietismus über. Die „Evangelische Gesellschaft“, die sich seit 1848 der Mission in Deutschland widmete, hatte als Ziel die Sammlung der „Kerngemeinde“ entschiedener Christen unabhängig von der verfassten Kirche, wenn auch in die Kirche wirkend. Hier war Gauger für die Verlagsarbeit und die so genannte Schriftenmission zuständig. Die bedeutete ein starkes Engagement für die Erbauungszeitschriften der „Evangelischen Gesellschaft“ wie „Licht und Kraft“ und die „Mitteilungen“, doch vor allem für das Blatt „Licht und Leben“, das den Horizont der Gemeinschaftsleute erweiterte und ihn in ganz Deutschland bekannt machte. Darüber hinaus fand seit 1923 Gaugers Monatsblatt „Gotthardbriefe“ mehrere tausend Leserinnen und Leser. In ihnen wurden die brennenden politischen Fragen der Zeit von einem christlich-konservativen Standpunkt aus betrachtet. Der musikalisch begabte Gauger trat darüber hinaus mit christlichen Liedsammlungen hervor, wie etwa dem „Evangelischen Psalter“ von 1930. Zentrale Themen in der Publizistik der „Evangelischen Gesellschaft“ waren die charismatischen Bewegungen seiner Zeit, die liberale Theologie insbesondere im Fall des Kölner Pfarrers Karl Jatho und die Bedeutung des Bekenntnisses in der Kirche. Gauger faszinierte seine Zeitgenossen mit Berichten über seine Reisen, die ihn nach Italien und Ägypten, aber auch nach Palästina führten. In diesen bebilderten Bändchen y schwärmte er etwa von Rom, das allerorten Kunst und Geschichte im Überfluss biete, aber auch vom „Morgenland“, das sich ihm in Ägypten darbot. Er bot Blicke auf die ägyptische Moderne mit einer Schilderung des Staudamms von Makwar, aber auch den Pyramiden Tribut zollte.Politisch engagierte sich Gauger in Wuppertal mit der Gründung der „Freien Evangelischen Wahlvereinigung“ im Jahre 1930, die bei der Kommunalwahl in Wuppertal 13.000 Stimmen auf sich vereinigte und als Fraktion in das Stadtparlament einziehen konnte. Schon 1932 warnte Gauger vor dem Nationalsozialismus, weil er „durch seinen Rassebegriff seine Religion und seine Weltanschauung bestimmen lasse“. Die eindeutige Stellungnahme Gaugers für die Bekennende Kirche nach 1933 führte zu schweren Konflikten mit dem nationalsozialistischen Regime. Seine offene Rede in „Licht und Leben“ brachte ihm Haussuchungen, Verhaftungen und weitere Schikanen ein. Er wurde aus dr Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen. 1938 wurde „Licht und Leben“ verboten. Am 1. Februar 1939 starb Gauger in Elberfeld.

Erstabdruck in: Württembergergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band I. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Gmelin, Julius

Von: Butz, Andreas

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Friedrich August G. (1821-1894), Kaufmann M Wilhelmine, geb. Windecker (1832-1866). G 7. ∞ 21.9.1884 (Cannstatt) Elise, geb. Kriech (26.7.1858-4.5.1935), Tochter des Georg Kriech, Pfarrer K Wilhelm (1888-1912); Anna (1889-1920); Max (1890-1910); Eugenie (1891-1944); Elise (1891-1971); Adolf (1893-1917); Johanna (1895-1951); Karl (1896-1916); Lina (*1897); Antonie (1899-1953); Thusnelde (1900-1946)

2: Biographische Würdigung

Julius Gmelin (1859-1919)

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 3330

In Ludwigsburg am 28. April 1859 geboren, verlor er bereits mit sieben Jahren seine erst 34jährige Mutter. Als Vermächtnis hinterließ sie ihm zur Konfirmation einen Brief, worin sie unter anderem schrieb: „Wenn du den geistlichen Stand erwählst, stehen Dir nochmals besondere Verheißungen zur Seite. Wenn du aber ein träger Hirte bist, nutzest Du weniger als der schlechteste Taglöhner und versperrst nur anderen den Platz …“. Einen großen inneren Halt gab ihm sein Patenonkel Moriz Gmelin, Archivrat in Karlsruhe, aufgrund dessen Anregung er neben der Theologie auch Geschichte studiert hat. Der Vater verzog 1875 nach Frankfurt am Main.

Seine Frau lernte G. als Vikar in Plattenhardt kennen. Sie war die Tochter des dortigen Pfarrers. Nach seiner Versetzung als Diakon in Waldenberg bei Öhringen konnte er mit ihr seinen Hausstand gründen.

Mit seiner Zeit als Pfarrer in Großaltdorf begann eine Zeit von großer geistiger Produktivität. Gmelin war ein kritischer und engagierter Geistlicher, der in seiner frühen Schrift „Evangelische Freiheit“ bereits zahlreiche Anregungen zu geben versuchte, wie sich die Kirche seiner Meinung nach in der damaligen Gegenwart positionieren sollte und wie sie sich weiterentwickeln könne. Er sah sich als Streiter für dogmatische Freiheit und eine durchgreifende Neuordnung der evangelischen Kirche.

Sein Gerechtigkeitssinn schlug sich in seinen Forschungsinteressen nieder, und er ging deshalb gerne einer Anregung durch Professor Bernhard Kugler nach, durch eine sorgfältige Arbeit die Arbeit von Hans Prutz über die Prozesse gegen den Templerorden zu widerlegen.

Während seiner Zeit in Großgartach verfasste er auch seine „Hällische Geschichte“, die erste umfangreiche Lokalgeschichte dieser bedeutenden Reichsstadt, allerdings – entgegen des ursprünglichen Vorhabens - mit deutlichem Schwerpunkt auf dem Mittelalter und der Reformationszeit. Wie er selber einleitend bekannte, wollte er damit ein wissenschaftlich fundiertes, aber auch für eine breite Leserschaft geeignetes Werk vorlegen.

Während seiner Amtszeit als Pfarrer in Großgartach stellte er seine Kräfte in den Dienst der Errichtung eines neuen Gemeindehauses mit Kindergarten, und setzte sich in besonderem Maße für die Verbesserung des dortigen Kirchengebäude ein, das er bei Amtsantritt in schlechtem Zustand vorfand, und das dann nach Plänen von Prof. Martin Elsässer 1912-1913 im so genannten Stuttgarter Jugendstil grundlegend vergrößert und erneuert werden konnte. Straßen in Großgartach und in Schwäbisch Hall tragen heute seinen Namen. In seiner Freizeit befasste er sich mit Geschichte, Familien- und Völkerkunde, und mit dem Gesangbuchwesen. Seine Losungen waren „Frei und Fromm“ und „Streiten ist nicht gefährlich, aber Schlafen“. In Großgartach gründete er die Zeitung „Warte vom Heuchelberg“, um die geistige Verbindung seiner Gemeindeglieder untereinander und eines Kreises darüber hinaus zu stärken.

Als eifriger Förderer nationalliberaler Einheitsbestrebungen stand er dem Reichstagsabgeordneten Friedrich Naumann nahe, den er übrigens nur um wenige Tage überleben durfte. Häufig in der Neckar-Zeitung deren Redaktion von dem G. politisch nahe stehenden Theodor Heuss geleitet wurde, aber auch in anderen Blättern, richtete er sich in engagierten Artikeln, Erklärungen und Protesten an die Öffentlichkeit, zu Fragen, die aus seiner Sicht die Freiheitlichkeit der Evangelischen Kirche berührten, etwa die Dienstentlassungen der Pfarrer Christoph Schrempf, Friedrich Steudel, Maienfels, und Gottfried Traub, Dortmund. Auch in Bezug zu der seiner Ansicht nach verfehlten Praxis der Veranstaltung von Kirchenbau-Lotterien äußerte er sich kritisch. In politischer Hinsicht war es ihm ein Anliegen, die Öffentlichkeit über – wie er es sah - Mängel bei der Wahlreform aufzuklären. Er sah es als seine Pflicht an, sich kritisch zu äußern, und sich mit seiner Sicht der Dinge nicht unterzuordnen. Damit setzte er sich immer wieder in Gegensatz zu seiner vorgesetzten Behörde, weshalb er mehrfach in disziplinarische Verfahren verwickelt und zu Geldstrafen verurteilt wurde.

Wegen einer 1902 gehaltenen Osterpredigt, in welcher er zum Ausdruck gab, dass er nicht an die leibliche Auferstehung glauben könne, wurde er vom Konsistorium geahndet. Dieser Fall wurde von der nationalen Presse mit Aufmerksamkeit verfolgt.

1911 war er führend an der Gründung der Vereinigung „Freunde evangelischer Freiheit in Württemberg“ beteiligt.

In seiner Schrift „Warum wir nicht siegen durften“ schildert er unter anderem, dass ihm 1917 von der militärischen Zensurbehörde der Abdruck von zwei für das Gemeindeblatt geplanten Aufsätzen, der erste über das Thema „Buße“, der zweite ein Abdruck seiner Predigt zum „Glockenabschied“, verboten wurden. Im weiteren Verlauf, in welchem er auch Informationen über einen als geheim gekennzeichneten, an die Pfarrer gerichteten Erlass an die Presse weitergab, verhängte das Konsistorium gegen ihn zwei Geldstrafen. G. war ein entschiedener Gegner der Zensur. Seine sehr kritische Kenntnisnahme des Völkermordes an den Armeniern brachte ihn in Konflikt mit der Zensurbehörde, und führte auch zur Entfremdung von politischen Freunden. Trotz seiner patriotischen Einstellung war er nicht blind für die Fehlentwicklungen des Ersten Weltkrieges und äußerte sich vor allem kritisch zu den Auswüchsen des Militarismus.

Die Trennung von Staat und Kirche lag ihm besonders am Herzen.

Seinen elf Kindern war er ein liebevoller Vater, und es war ein schwerer Schicksalsschlag, dass er sämtliche vier Söhne früh verlor. Sein Sohn Max, erlag nur wenige Tage nach seiner Auswanderung nach Brasilien in Manaos dem gelben Fieber. Der angehende Tierarzt Wilhelm machte seinem Leben als 20jähriger selber ein Ende. Die beiden weiteren Söhne des pazifistisch eingestellten Pfarrers wurden beide ein Opfer des ersten Weltkrieges, einer davon durch eine in Galizien erhaltene Verwundung, der ältere genau ein Jahr darauf nach einem gefährlichen Einsatz als Fliegeroffizier an der Aisne.

Schon vor Beginn des ersten Weltkrieges war bei ihm ein Herzfehler festgestellt worden, den er nicht genügend beachtete. G. verstarb am 29. August 1919 im Alter von nur 60 Jahren in Großgartach unerwartet an einem nächtlichen Herzschlag.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Hardegg, Georg David

Von: Eisler, Jakob

Georg David Hardegg (1812–1879)

Georg David Hardegg (1812-1879)

Aus: Hans Brugger, Die deutschen Siedlungen in Palästina, Bern 1908.

Georg David Hardegg wurde am 2. April 1812 als Sohn eines Gastwirts in Eglosheim bei Ludwigsburg geboren. Er absolvierte eine Kaufmannslehre und ging 1830 nach Belgien, wo er von den Ideen der dortigen Revolution ergriffen wurde. Als er 1832 nach Ludwigsburg zurückkehrte und die Ideen einer „Deutschen Republik“ verbreitete, wurde er als „Revolutionär“ zu 14 Jahre Haft verurteilt, die er später z.T. in Verbannung in der Schweiz verbrachte. 1844 wurde Hardegg begnadigt und kehrte nach Ludwigsburg zurück. Während seiner Inhaftierung auf dem Hohen Asperg (1832–1840) hatte Hardegg lediglich Zugang zu Schriften von Bengel und die Bibel. Daher rührte seine Beziehung zur Religion und zur Mystik.

Über das Buch Christoph Hoffmanns „Stimmen der Weissagung über Babel und das Volk Gottes“ lernten sich Hoffmann und Hardegg kennen. Gemeinsam entwickelten sie den Gedanken, ein „Volk Gottes“ zu gründen, dass sie in das Heilige Land führen wollten. Hardegg ergänzte Hoffmann optimal, indem er Hoffmanns eher weltfremden Plan, nach Jerusalem zu ziehen, energisch in die Praxis umsetzen wollte. Bald formierte sich um Hoffmann und Hardegg eine Gruppe namens „Jerusalemsfreunde“, später Tempelgesellschaft oder Templer genannt.

Im Jahre 1857 beschlossen die Templer eine Erkundungsgruppe ins Heilige Land zu senden. Im Januar 1858 reisten Hoffmann und Hardegg als Vorsteher der Gemeinde mit Joseph Bubeck, einem diplomierten Winzer, nach Palästina. Hoffmann interessierte sich - seinem idealistischen Naturell nach - eher für die heiligen Stätten, während der realistische Hardegg alle praktischen Details gründlich erforschte. Die unfreundliche Haltung der Bevölkerung und der türkischen Regierung bewog sie allerdings, ihren Anhängern eine vorläufige Aufschiebung der Siedlungspläne zu empfehlen. 1861 erfolgte aufgrund der religiösen Aktivitäten der Tempelgesellschaft der Bruch mit der evangelischen Landeskirche von Württemberg.

1868 entschlossen sich die Vorsteher, die Auswanderung endgültig in Angriff zu nehmen. Die Tempelgesellschaft legte eine Missions- und Ansiedlungskasse an. Eine Kommission hatte zu entscheiden, wer wann auswandern durfte. Hoffmann und Hardegg, die als erste nach Palästina auswanderten, reisten zunächst nach Konstantinopel und versuchten dort, einen Ferman (Erlaubnis) zu erhalten. Obwohl dies misslang; setzten sie ihre Reise nach Palästina fort. Am 30. Oktober 1868 erreichte Hardegg Haifa wo er den „Vorposten und Empfangsstation“ für künftige Einwanderer errichtete.

1869 wurde die Kolonie Haifa gegründet und Hardegg wurde ihr Vorsteher. Zur selben Zeit knüpfte Hardegg auch Kontakte mit dem Gründer der Religion der Bahai. Bereits seit Beginn der Kolonisierung herrschte zwischen den beiden Vorstehern der Templergemeinde, Hoffmann und Hardegg, Spannungen. Der Konflikt verschärfte sich, als sich Hardegg eigenmächtig über die Finanzierung eines Projektes für eine Landwirtschaftsschule aus der Templerkasse entschied.

Im Jahre 1874 trat Hardegg aus der Gesellschaft aus, gleichzeitig mit ihm ein Drittel der Kolonisten aus Haifa sowie einige aus Jaffa/Sarona. Zwölf Jahre blieb die Splittergruppe um Hardegg ohne Status und finanzielle Unterstützung. Sämtliche andere protestantische Gemeinden und Missionsgesellschaften in Europa darunter auch die englische „Church Missionary Society“ verweigerten Hardeggs Bitten um Hilfe. Im Jahre 1878 gründete Hardegg mit den anderen ausgetretenen Templern den Tempelverein, später der „Reichsbrüderbund“. Nach Hardeggs Tod im folgenden Jahr schwand der Zusammenhalt seiner Anhänger. Über das letzte Jahr Hardeggs in Haifa wird berichtet, dass: „von der Bogenhalle seines Hauses in Haifa aus schaute er lang und gerne über die Meeresweite. Suchte er wohl in überirdischer Ferne, was ihm im Leben nicht gewährt worden – die Menge des Volkes, das seinem Ruf hätte folgen sollen…“

Georg David Hardegg starb am 10. Juli 1879 in Haifa und wurde auf dem Templerfriedhof begraben. Sein Grab kann bis heute in Israel besucht werden.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Hedinger, Johann Reinhard

Von: Schöllkopf, Wolfgang

Johann Reinhard Hedinger

Johann Reinhard Hedinger

gemeinfrei (Quelle: Württembergische Landesbibliothek)

Er übertrug zu Beginn des 18. Jahrhunderts die frühe pietistische Theologie Philipp Jakob Speners nach Württemberg und verfasste als Hofprediger wichtige Lehrbücher zu den kirchlichen Handlungsfeldern im Geist des Pietismus.

Am 7. September 1664 wurde Hedinger in Stuttgart als Sohn eines Hofjuristen und einer Prälatentochter geboren. Nach den Klosterschulen Hirsau und Bebenhausen kam er 1681 zum Studium ins Tübinger Stift. Anschließend machte er eine große Bildungsreise, auf der er auch die Pflanzstätten sowie die Begründer der pietistischen Bewegung, Philipp Jakob Spener in Frankfurt und August Hermann Francke in Halle besuchte. Danach wurde er Reise- und Feldprediger des württembergischen Herzoghauses. 1694 verheiratete er sich mit Christina Barbara, geb. Zierfuß (1674 – 1743), aus Kirchheim/Teck. Im gleichen Jahr ging Hedinger als Professor für Naturrecht nach Gießen, bevor er 1699 zum Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart berufen wurde. Seine besondere Stellung am Hof, bei der er Zugang zu allen Ständen hatte, nutzte er zu seelsorgerlicher Arbeit und deutlicher Kritik am Herzog und seiner aufwändigen Hofhaltung. In seiner Antrittspredigt rief er dem Herzog zu: „Rette, Fürst, deine Seele!“


Praktischer Theologe

Hedinger verfasste die ersten praktisch-theologischen Werke des württembergischen Pietismus: In seiner Predigtlehre mahnte er ein gründliches Bibelstudium an und lehnte rhetorische Kunststücke des Barock ab: „Ist denn der Heilige Geist eine Taube oder ein Papagei?“ Weiter entwickelte er eine eindrückliche Seelsorgelehre, in der er auch sensibel auf das Krankheitsbild der Depression einging. Er setzte durch, dass ein Stuttgarter Hofmusiker nach seiner Selbsttötung ordentlich bestattet wurde. Seine Katechetik enthält außergewöhnliche pädagogische Einsichten in die Entwicklung des Kindes und eigene Lehrpläne für die Mädchen. Die Einführung der Konfirmation in Württemberg 1723 folgte einem gottesdienstlichen Entwurf Hedingers von 1701, in dem die Segnung der Jugendlichen im Vordergrund steht. Da er auch als Liederdichter und Bibelkommentator tätig war, kann er als erster praktischer Theologe des württembergischen Pietismus gelten.

Seine Lebenszeit zwischen der Pracht des Barock und dem Geist des frühen Pietismus war kurz: Hedinger starb mit vierzig Jahren am 28. Dezember 1704 in Stuttgart. Lange noch wurden die Anekdoten von seinem Glaubensmut vor Fürstenthronen im Land weitererzählt und seine theologischen Werke als Unterrichtsbücher für Theologen verwendet.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Hiller, Philipp Friedrich

Von: Schnürle, Joachim

Philipp Friedrich Hiller (1699-1769)

Wikimedia Commons

Der Liederdichter Philipp Friedrich Hiller ist mit seinen Werken heute nach wie vor im Evangelischen Gesangbuch präsent. Sein Himmelfahrtslied „Jesus Christus herrscht als König" ist eines der bedeutendsten Lieder der deutschsprechenden Christenheit zu diesem Kirchenfest. Es ist eines von insgesamt über 1000 Liedern aus seiner Feder – 1070 wurden gezählt und als „großer Hiller"(1) auch gesammelt gedruckt.

Geboren wurde Hiller am 6. Januar 1699 als Pfarrerssohn in Mühlhausen an der Enz und starb mit 70 Jahren am 24. April 1769 in Steinheim bei Heidenheim. Bis auf eine kurze Periode 1729 bis 1731 in Nürnberg, hat er Zeit seines Lebens im Schwabenland verbracht. Früh wurde der Junge Halbwaise – als er noch nicht zwei Jahre alt war, starb der Vater. Der Stiefvater ermöglichte ihm den Besuch der Lateinschule in Vaihingen an der Enz und anschließend ab 1713 der Klosterschule Denkendorf.In Denkendorf kam es zur Begegnung mit Johann Albrecht Bengel (1687-1752), der fortan der väterliche Freund und Ratgeber von Philipp Friedrich wurde. Schon dort in der Klosterschule fiel der Pfarrerssohn durch seine musikalische und dichterische Begabung auf. Nach der weiteren Station auf dem Weg zum Theologiestudium in der Klosterschule in Maulbronn 1716, konnte er ab 1719 über das Stift-Stipendium in Tübingen evangelische Theologie studieren.

Nach einer Vikariatszeit in Schwaigern, kam dann das Intermezzo im fränkischen Ausland, als Hauslehrer in Nürnberg von 1729 bis 1731. In dieser Zeit beschäftige sich Hiller mit dem Gebetbuch des Johann Arndt (1555-1621) – daraus entstand das erste gedruckte Werk von Philipp Friedrich: Johann Arndts Paradiesgärtlein geistreicher Gebeter und Lieder. Die Gebete Arndts sind in 301 Lieder umgeformt.

Ende 1731 kam Hiller dann als Vikar nach Hessigheim am Neckar. Die dortige Pfarrerstochter wurde im Folgejahr 1732 seine Frau. Hiller war dann als Pfarrer in Neckargröningen, seinem Geburtsort Mühlhausen an der Enz und seit 1748 in Steinheim bei Heidenheim. In diesen Jahren kam es nur zu einer weiteren Veröffentlichung: Gott=geheiligte Morgen=Stunden zur poetischen Betrachtung des Thaues, nach etlichen Sprüchen heiliger Schrift angewendet, Tübingen, Löffler, 1748 – mehr Zeit blieb wahrscheinlich nicht, was im Zusammenhang mit seinen pastoralen Aufgaben als Gemeindepfarrer und der Gründung einer Familie zu sehen ist.

Persönliche Leiderfahrungen

Manche familiäre Not begegnete dem Dichterpfarrer. Seine Frau, die Mutter von sieben Kindern war, wurde mehrmals so schwer krank, dass man nicht mit ihrem Überleben rechnen konnte. Hiller selbst traf 1751 ein schwerer Schlag: Infolge eines Halsleidens verlor er innerhalb kurzer Zeit trotz aller ärztlichen Bemühungen seine Stimme. Er konnte nicht mehr predigen, was ihm eine große innere Not bereitete. Eine leichte Besserung führte dazu, dass er im Folgejahr wieder aus der Nähe verstanden werden konnte. Zur Predigt jedoch blieb er untüchtig.(2) Die Pfarrstelle konnte er nur dadurch weiter behalten, weil ihm ein Vikar zu Seite gestellt war, der für ihn die Predigttätigkeit übernahm. Seelsorgerliche Kontakte besorgte Hiller weiterhin selbst. Zudem nutzte er die Zeit zu vertieftem Bibelstudium und zu seinem dichterischen Arbeiten.

In den nächsten Jahren hat er mehrere theologische Ausarbeitungen drucken lassen, die eine intensive Auseinandersetzung mit dem Alten Testament bekunden: Das Leben Jesu Christi, des Sohnes Gottes, unsers Herrn, in gebundener Schreibart nach den einstimmigen Schriften der heiligen Evangelisten verfasset (1752), und Neues System aller Vorbilder Jesu Christi durch das ganze Alte Testament: in ihrer vollständigen Schriftordnung und verwunderlichen Zusamenhang nach den beeden Oekonomiezeiten, zur Verehrung der göttlichen Weisheit; aufgestellt in sechs Schattenstücken samt einem Anhang und Beleuchtung (1758).

 

Liederkästlein. Ausgabe von 1831

Landeskirchliches Archiv. Museale Sammlung. Inv.-Nr. 93.937

Das Geistliche Liederkästlein

Das Geistliche Liederkästlein, die bekannteste Schrift von Philipp Friedrich Hiller ist in seiner „sprachlosen" Zeit entstanden. Der theologische Inhalt ist sicher im Hinblick auf das körperliche Gebrechen, das mit der Behinderung bzw. Verhinderung der Sprache das wesentliche Organ der Berufsausübung des Pfarrers betraf, zu sehen. Die geistliche Dichtung Hillers in dieser letzten Lebensphase kann auch verstanden werden als eine Therapie an der eigenen Seele. Sie kann vom Glauben her verstanden werden als Seelsorge Gottes an der Seele dieses Pfarrers, dessen Wirken trotz allen Leidens in Freude, Lob Gottes und Anbetung mündet. Es kann eine Parallelität zu den Leidenspsalmen Davids gesehen werden, der in der Anrufung Gottes und im Klagen durchdringt zu Lob und Anbetung. Auch bei Hiller ist eine weitere Bestimmung des Anteils der eigenen „Leidensarbeit" und dem göttlichen Wirken als Antwort auf die Anrufung Gottes an der gewonnen Zuversicht schwer möglich. Im ersten Teil des Liederkästleins, der 1762 erschienen ist, schreibt der Dichter in der Vorrede: „Mir ist‘s eine Freude, an dem Wort Gottes auf besondere Weise zu dienen, da ich es öffentlich nun nicht mehr tun kann. - Ich vermeinte, dass wir an solchen Liedern, die eigentlich vom Lob Gottes handeln, in Gesangbüchern und sonst keinen Überfluss haben."(3)

Je einem Bibelvers folgt ein kurzer Gedanke dem ein Lied meist mit zwei bis sieben Strophen folgt, die hauptsächlich auf die Anbetung Gottes, auf das Lob seiner Eigenschaften sowie seine Worte und Wohltaten gerichtet sind. Der zweite Teil erschien 1767, also zwei Jahre vor dem Tod des damals 68-jährigen. Der Hauptinhalt ist das Erwarten der Zukunft des Heilandes Jesus Christus. Wiederum ist er aufgebaut aus einem Bibelvers mit kurzer Bemerkung und einem Lied. Fern ist dieser Teil jedoch von einem lebensmüden Jenseitshoffen, einer depressiven Sehnsucht nach dem Tod. Vielmehr wird der Blick auf das Wiederkommen des Herrn gerichtet, was das Heil vollkommen macht, und auch dem körperlich Angefochtenen, den Blick auf die Endlichkeit von Krankheit und Leid verdeutlicht. Darin sind Hauptthemen der biblischen Botschaft und des biblischen Trostes aufgenommen, die auch heute noch Aktualität haben. Am Ende enthält das Liederkästlein je ein Morgen- und Abendgebet nach den sieben Bitten des Vaterunsers für jeden Wochentag.

Liederkästlein. Ausgabe von 1904

Landeskirchliche Zentralbibliothek. Sign.: A 13, 751

Verbreitung des Geistlichen Liederkästleins

In der letzten Ausgabe von Hillers Geistliches Liederkästlein aus dem Jahre 2009 wird diese als 17. Auflage ausgegeben. Doch schon bei der orientierenden Durchsicht der Bibliographie von Gottfried Mälzer zu Drucken der württembergischen Pietisten finden sich bereits 40 Ausgaben des Geistlichen Liederkästleins - und diese hat nicht alle Drucke erfasst.(4) Neben den Stuttgarter Ausgaben des 18. Jahrhunderts lassen sich dann im 19. Jahrhundert mehrere Druckorte eruieren. So wurden weiterhin in Stuttgart bei dem Verlag Macklot und später bei der Evangelischen Bücherstiftung sowie bei Ernst Rupfer Ausgaben des Liederkästleins gedruckt, aber auch in Reutlingen, der Hochburg des Nachdrucks im 19. Jahrhundert finden sich Drucke von den Verlagen Christoph Jakob Friedrich Kalbfell, Lorenz, Carl Fischer Jun., B. G. Kurz, Rupp & Baur und schließlich Enßlin & Laiblin. Letztere hatten keine Auflagen oder Druckjahre angegeben, so dass man bis 1924 nur eine Mindestzahl der Auflagen schätzen kann, die in Reutlingen alleine 25 Auflagen betrug, wahrscheinlich aber eher um 30 Auflagen liegen müsste bei fehlender Kennzeichnung durch Enßlin & Laiblin. In Stuttgart wurden im 18. und 19. Jahrhundert mindestens 22 Auflagen gedruckt, wobei vom Verlag Rupfer ebenfalls keine Druckjahre oder Auflagen angegeben wurden und von einer höheren Auflagenzahl auszugehen ist.

Nach dem 2. Weltkrieg finden sich erneut Drucke in Reutlingen, von der Philadelphiabuchhandlung August Fuhr in den Jahren 1950, 1958, 1965, die dann abgelöst wurden vom Verlag Ernst Franz in Metzingen in den Jahren 1976, 1982, 1986 und 1994 und der aktuellen Auflage in Bad Wildbad von 2009. Insgesamt sind somit mindestens 55 Auflagen gedruckt worden, wahrscheinlich aber eher über 60 Auflagen.

Das Geistliche Liederkästlein gewann seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert anhaltende Bedeutung, indem seine Texte Eingang in die Erbauungsstunden der Gemeinschaften des schwäbischen Pietismus fanden. Die Pregizer Gemeinschaft machte es zu ihrem Gesangbuch und bei vielen frommen Auswanderern war es neben der Bibel eines der wenigen Bücher im Gepäck, das sie auf die Reise nach Amerika, Russland Bessarabien, Georgien, Ungarn oder Israel mitnahmen. So wurde das Geistliche Liederkästlein zum Trostbuch für viele Menschen in aller Welt. Ins offizielle Kirchengesangbuch wurden Hillers Lieder erst 1842 auf Initiative von Pfarrer Albert Knapp (1798-1864) aufgenommen. Heute enthält das Evangelische Gesangbuch vier Lieder mit Texten von Hiller.

 

Aktualisiert am: 16.08.2016

Hoffmann, Christoph

Von: Eisler, Jakob

Christoph Hoffmann (1815-1885)

Christoph Hoffmann (1815-1885) mit seiner Frau Pauline, geborene Paulus

Archiv der Tempelgesellschaft Stuttgart

Christoph Hoffmann, Sohn des Gründers der Korntaler Brüdergemeinde Gottlieb Wilhelm Hoffmann, wurde am 02. Dezember 1815 in Leonberg geboren. Hoffmann selbst gründete dann später die Tempelgesellschaft, die aus der pietistischen Bewegung Württembergs hervorging. Hoffmanns religiöse Erziehung in Korntal und sein Theologiestudium an der Tübinger Universität prägten nachhaltig seine Vorstellungen von Glauben, Gesellschaft und Kirche(1). Nach Beendigung seines Studiums arbeitete Hoffmann mehrere Jahre als Lehrer im „Salon“ in Ludwigsburg, der Erziehungsanstalt der Gebrüder Paulus.(2). Der „Salon“ sollte die angeblich irreführenden Lehren der evangelischen Kirche bloßlegen und einen reinen und einfachen Glauben im ursprünglichen Sinne Jesu vermitteln. Man glaubte streng an das geschriebene Wort der Bibel und daran, dass das „Volk Gottes“ Jerusalem als Zentrum eines neuen Reiches Gottes aufbauen werde. Um diese Idee gegen die Position der etablierten evangelischen Presse zu verbreiten, gründete man eine eigene Zeitung: „Die Süddeutsche Warte, religiöses und politisches Wochenblatt für das deutsche Volk“(3).

Hoffmann wurde im Jahre 1848 im Oberamt Ludwigsburg als Abgeordneter in die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main gewählt. Nach zehn Monaten legte er, unzufrieden mit den Realitäten des politischen Alltags, sein Mandat in der Pauluskirche nieder.

Hoffmann gewann – nach seinem kurzen Intermezzo als Politiker – bald entscheidenden Einfluss auf das Publikationsorgan „Warte“. Zusammen mit Georg David Hardegg (1812–1879) entwickelte er darin den Gedanken, das „Volk Gottes“ in das Heilige Land zu führen. Hoffmann hatte ähnliche Ideen schon in seinem Buch „Stimmen der Weissagung über Babel und das Volk Gottes“ dargelegt. Hardegg ergänzte Hoffmann optimal, indem er Hoffmanns eher weltfremden Plan energisch auch in die Praxis umsetzen wollte. Bald formierte sich um Hoffmann und Hardegg eine Gruppe namens „Jerusalemsfreunde“(4).

Im Jahre 1852 zogen sich die Gebrüder Paulus von der Leitung der „Warte“ zurück, da die die Zeitung fortwährenden scharfen Angriffen seitens der evangelischen Kirche ausgesetzt war. Hoffmann wurde daraufhin Alleinherausgeber und die „Warte“ damit gleichzeitig das Organ der Jerusalemsfreunde(5). Hier entwickelte er seine Idee, seine Anhänger könnten durch beispielhafte Frömmigkeit, Bescheidenheit und Demut zum auserwählten „Volk Gottes“ avancieren. Mit diesen Auserwählten wollte er nach Jerusalem ziehen und dort einen geistigen Tempel gründen – daher der spätere Name Templer(6).

Die schwere wirtschaftliche Krise in Württemberg Anfang der 1850er Jahre erleichterte es Hoffmann, mit seinen Ideen großen Widerhall in der Bevölkerung zu finden. Von einer Auswanderung ins Gelobte Land erhoffte man sich Besserung der materiellen Lebensverhältnisse.

Um Unterstützung für die Realisierung seiner Auswanderungspläne zu gewinnen, nahm Christoph Hoffmann mit Christian Friedrich Spittler, dem einflussreichen Vorsitzenden der Basler Pilgermission St. Chrischona, Kontakt auf. Hoffmanns Engagement ging so weit, dass er sich 1853 als Inspektor der Pilgermission anstellen ließ, um einen Fuß in die etablierte (und finanziell besser abgesicherte) Missionsarbeit in Palästina zu bekommen. Aber nach zweijähriger Arbeit in Basel musste er einsehen, dass die Pilgermission ihm kaum behilflich sein konnte(7). Daraufhin gründete er in Württemberg 1856 eine Knaben- und Mädchenschule im Kirschenhardthof (einem Gehöft bei Marbach), wo er die Jugend im Geiste des „Tempels“ erziehen wollte. Aus ihrem Kreis sollten künftig Sendlinge für das Heilige Land rekrutiert werden(8).

Im Jahre 1857 beschlossen die Templer, mit Hilfe gesammelter Gelder eine Erkundungsgruppe nach Palästina zu entsenden. Im Januar 1858 reisten Hoffmann und Hardegg als Vorsteher der Gemeinde sowie Joseph Bubeck (ein diplomierter Winzer) nach Palästina. Der idealistische Hoffmann interessierte sich dort eher für heilige Stätten, während der realistische Hardegg alle praktischen Details gründlich erforschte. Die unfreundliche Haltung der Bevölkerung und der türkischen Regierung bewog sie allerdings, ihren Anhängern eine vorläufige Aufschiebung der Siedlungspläne zu empfehlen(9).

Erst 1868 sollten die Templer ins Heilige Land aussiedeln. Zu dieser Entscheidung trugen die Entwicklungen in Württemberg entscheidend bei. Auf dem Kirschenhardthof hatte Hoffmann 1859 eine Gruppe von Jugendlichen eigenmächtig konfirmiert, obwohl die Landeskirche es ihm verboten hatte. Daraufhin wurde Hoffmann aus der württembergischen Landeskirche ausgeschlossen. Aus Protest traten im Jahre 1861 alle Mitglieder der Templergemeinde aus der Landeskirche aus. So wurde der „Deutsche Tempel“ zu einer selbständigen religiösen Bewegung mit Hoffmann als „Bischof“ und Hardegg als Vorsitzendem(10). Die evangelische Kirche versuchte in den folgenden Jahren mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, die Anhänger der Templer zu bekämpfen, aber ohne Erfolg(11).

Hoffmann und Hardegg reisten mit ihren Familien 1868 nach Palästina, wo an ihrem Ankunftsort Haifa die erste Ansiedlung entstand; Im Jahre 1869 folgte Jaffa, 1871 Sarona und 1873 die Kolonie in der Rephaim-Ebene vor den Stadttoren Jerusalems. Landwirtschaftliche Siedlungen in unmittelbarer Nachbarschaft von Städten und gute Schulen bildeten die Grundlage. Die eschatologischen Hoffnungen wichen bald nüchterneren Erkenntnissen. Der ursprüngliche Gedanke die Welt zu erneuern, wurde von vorbildlicher christlich-sozialer Siedlungsarbeit verdrängt. Hoffmann zog 1869 nach zunächst nach Jaffa und erst 1877 „wagte er den Schritt nach Jerusalem zu gehen“. Dort wurde das Tempelstift gegründet, das Hoffmann bis zu seinem Tod am 8. Dezember 1885 leitete. Sein Grab findet sich noch heute auf dem Templerfriedhof in Jerusalem.

Zwar konnte Hoffmann seine Ideen innerhalb der christlichen Kirche nicht umsetzen, das Siedlungswerk der Templerkolonien jedoch hatte großen Impact auf die spätere Entwicklung des Heiligen Landes und aller seiner Bewohner.            

Aktualisiert am: 27.06.2016

Mader, Friedrich Wilhelm

Von: Lächele, Rainer

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biografische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Philipp Friedrich Mader (*24.4.1832 + 3.6.1917), Pfarrer in Nizza

M Mathilde Luise Mader, geb. Moser

G 4

∞ 1894 Martha Fischer (22.6.1874-12.7.1945), Tochter des Pfarrers Karl Fischer in Eberstadt

K 6 (Else 1895-1913, Karl *1897, Friedrich *1900, Hedwig *1906, Marie Theres *1910, Elisabeth *1916)

2: Biografische Würdigung

Friedrich Wilhelm Mader (1866-1945)

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 3637. Fotograf: W. Hornung, Tübingen

Der am 8. September 1866 in Nizza in Südfrankreich in eine Pfarrerfamilie hineingeborene Mader war von Kind auf „schüchtern und unbeholfen im Umgang mit Menschen und litt zeitlebens an einem Mangel an Selbstvertrauen“. Er wuchs heran in einem national geprägten Elternhaus, umso mehr, als das Umfeld nicht eben deutschfreundlich gesinnt war. Die schwache gesundheitliche Konstitution bringt Mader früh schon zum Lesen: als Achtjähriger schrieb er seine ersten Märchen. Später entdeckte er seinen Hang zur Dichtung. Eine Fülle seiner Gedichte wurde für die Jugendbewegung vertont. Erste Prosastücke entstanden in der Tübinger Studienzeit. In Tübingen war er auch Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter“ München  und der „Moggendorfer Blätter“. Dem 1. theologischen Examen folgten Lehr- und im wörtlichsten Sinne Wanderjahre: für ein kurzes Vikariat beim Vater in Nizza wanderte er in sechs Wochen von Balingen in die südfranzösische Stadt.

Nach den üblichen Jahren im unständigen Pfarrdienst wurde er 1897 zum Pfarrer von Eschelbach ernannt. Im dortigen Pfarramt begann das Wirken des Jugendschriftstellers Mader, der ausschließlich für Jungen schrieb. Darüber hinaus verfasste er mehrere Dramen und Schwänke in schwäbischem Dialekt. Maders Verlag, der Unionverlag wurde mit ihm zum erfolgreichsten Jugendbuchverlag zwischen 1890 und 1930.

Die Erzählungen Maders orientieren sich stark an Jules Verne und Karl May und sind geprägt von geographischen Schilderungen, die Mader mühsam erarbeitete. Titel wie „Nach den Mondbergen. Eine abenteuerliche Reise nach den rätselhaften Quellen des Nils“ (1920) oder  „Am Kilimandscharo. Abenteuer und Kämpfe in Deutsch-Ostafrika“ (1941) sprechen für sich. Der Burenkrieg stellte ein wichtiges Thema dar, das er in mehreren Romanen beleuchtete.

Ein anderer Schwerpunkt seiner Arbeiten lag auf pädagogischen Fragen. 1902 schlug er in einem Zeitungsartikel vor, die geistliche Schulaufsicht aufzuheben, was ihm einen Tadel des Stuttgarter Konsistoriums einbrachte. Ein Jahr später beschäftigte er sich mit „Züchtigungspflicht und Züchtigungsrecht“ und griff 1914 mit der Schrift „Die Prügelstrafe in der Schule“ (1914) die prügelnden Volksschullehrer seiner Zeit an. Mader schilderte in diesem Buch seine Erfahrungen in Frankreich, wo die Prügelstrafe in der Schule verboten war. Zudem gelte der Deutsche in Frankreich aufgrund seiner „Prügelwut“ als Halbbarbar.

Aufsehen erregte Mader auch 1911 mit seinem Science-fiction-Roman „Wunderwelten“. Dieser Roman wurde 1987 als einzige unveränderte Neuauflage von Maders Werken nach 1945 wieder veröffentlicht.

Weniger nationalistisch als vielmehr seelsorgerlich fielen Maders „Geistlichen Kriegslieder“ aus, die 1915 erschienen und eine Verbreitung von über 30.000 Exemplaren fanden. Auf Dauer ging das Nebeneinander von Pfarramt und Schriftstellerei nicht gut.  Daher ließ sich Mader 1917 in den Ruhestand versetzen und zog nach Stuttgart.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren für Mader schwierige Jahre. Sein eigener Verlag kostete mehr Arbeit, als er einbrachte. So war es keine Frage, ab 1922 mit der „Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart“ zusammen zu arbeiten. Langsam, aber sicher wuchs der Erfolg von Maders Schriften. Zugleich rief er mit etlichen seiner Schriften Kopfschütteln und scharfen Widerspruch hervor. So auch, als er 1924 das Buch „Die Gefahren der Enthaltsamkeit“ veröffentlichte. Hier rechnete er mit „fanatischen Alkoholfeinden“ „vom biblisch-christlichen Standpunkte“ ab.

Seit Mitte der 30er Jahre kamen Maders Schriften aus der Mode. Trotz größter Bemühungen wurden seine Arbeiten kaum noch gedruckt. Offenbar hatte sich der Geschmack der Jugend verändert. Die letzten Jahre seines Lebens waren von dauernden finanziellen Problemen bestimmt. Kurz vor dem Einmarsch der französischen Truppen starb Mader am Karfreitag, 20.April 1945.

Nach 1945 wurden nur noch einzelne Erzählungen Maders gekürzt und um anstößige nationalistische Anklänge bereinigt wieder aufgelegt wie etwa „Die  Flucht aus dem Sudan“ von 1952. Vielfach wurden alle belehrenden und religiösen Aspekte beseitigt. In den 50er Jahren kam es nochmals zu einer kleinen Mader-Renaissance. In den 80er Jahren erschien im Heyne Verlag München nochmals sein Science-fiction-Roman „Wunderwelten“, einst der bemerkenswerteste Roman dieses Genres im Kaiserreich. Der englische Gelehrte und Astronom Lord Charles Flitmore reist in einem Raumschiff zum Mars, Jupiter und Saturn, entdeckt in einem anderen Sonnensystem einen erdähnlichen Planeten und kehrt dann zur Erde zurück.

Mader verstarb am 30. März 1945 in Bönnigheim.

Erstabdruck in: Württembergergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band I. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Oetinger, Friedrich Christoph

Von: Ising, Dieter

Friedrich Christoph Oetinger

Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782), Kupferstich

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 2425

Evangelischer Theologe, württembergischer Pfarrer und Prälat, geboren in Göppingen 2.(oder 6.)Mai 1702, gestorben in Murrhardt 10. Februar 1782. 1722–1727 Studium im Tübinger Stift, 1729–1730, 1733–1735 und 1735–1737 ausgedehnte Reisen u.a. nach Halle und Herrnhut, 1731–1733 und 1737–1738 Repetent, 1738 Pfarrer in Hirsau, 1743 in Schnaitheim, 1746 in Walddorf, 1752 Dekan in Weinsberg, 1759 Dekan in Herrenberg, 1766 Prälat in Murrhardt.

Ein junger Mann, Klosterschüler in Bebenhausen und kurz vor dem Übergang ins Tübinger Stift, steht vor einer bedeutsamen Weichenstellung. Er, der hochbegabte Friedrich Christoph Oetinger, eine strahlende Erscheinung, hat sich zu entscheiden zwischen der Laufbahn eines Juristen, die ihm den Weg in hohe politische Ämter verspricht, und dem geistlichen Stand. Seine ehrgeizige Mutter liegt ihm in den Ohren, den weltlichen Weg zu gehen; der Vater bedroht ihn dagegen „mit einer Art des Fluchs“, sollte er die Ausbildung zum württembergischen Pfarrer abbrechen. Oetinger ist sich selbst nicht im Klaren. In der Not wendet er sich an seine Lehrer in Bebenhausen und den Onkel Elias Camerer, Professor der Medizin in Tübingen. Auch sie tendieren dazu, er habe „kein geistlich Fleisch“ und solle die geistliche Ausbildung verlassen (Oetinger Genealogie: 46 f.).

Oetinger tut das Richtige. Er hört auf seine innere Stimme und bemerkt in sich „eine viel grössere Neigung zur Gottseeligkeit, als der Aussenschein angibt“. In seiner Kammer fällt er auf die Knie, hält die weltliche Laufbahn und ihr Sozialprestige gegen ein Leben als Diener Gottes. Und da kommt es ihm: „Deo servire Libertas“ – Gott dienen ist Freiheit. „Auff dieses rieff ich Gott von ganzem Herzen an, mir alle Absichten auf die welt aus der Seele zu nehmen, und das geschahe so gleich.“ Von da an ist er ein anderer Mensch. Galante Kleidung bedeutet ihm nichts mehr; den Cicero legt er beiseite und greift zur Bibel (Oetinger Genealogie: 47 f.).

Der Oetinger, der 1722 ins Stift einzieht, hat sich seine Entscheidung erkämpfen müssen. Er hat den befreienden Gott erlebt, nicht einen Gott, der Kadavergehorsam fordert. Und so bleibt er – auf seiner neuen, geistlichen Basis – ein Gottsucher, der seine Lehrer und sich selbst fordert. Den „Grund der theologischen warheiten“ will er wissen. Leidenschaftlich setzt er sich verschiedenen Begegnungen aus, etwa mit den Inspirierten um Friedrich Rock, deren prophetische Aussagen er anhand der biblischen Prophetie prüft und sich schließlich von Rock lossagt. Aber nicht nur das, was Gott mit seiner Schöpfung vorhat, treibt Oetinger um, sondern auch, wie Schöpfung geschehen ist und geschieht. Georg Bernhard Bilfingers Vorlesungen über die Philosophie von Leibniz und Christian Wolff imponieren ihm. In diese damals neuen Gedankengänge taucht er ein und hängt eine Zeitlang der Leibnizschen Monadenlehre an, wonach Gott als Urmonade Körper und Seele der Menschen schafft, die nur Anhäufungen metaphysischer Punkte sind und nicht aufeinander wirken können, es sei denn als Folge einer von Gott geschaffenen „praestabilierten Harmonie“. Dann wendet sich Oetinger der Philosophie von Nicholas Malebranche zu, die das Wechselspiel von Körper und Seele nur durch wiederholte Eingriffe Gottes erklären kann. Aber auch damit ist er nicht zufrieden und liest ruhelos im Neuen Testament.

Seine bekannte Begegnung mit Johann Caspar Obenberger, dem Betreiber der Tübinger Pulvermühle, findet etwa 1725 statt, fällt also in diese Zeit. Obenberger, ein Anhänger Jacob Böhmes, hat sich einen Schutzraum gegraben, um den für die nahe Zukunft erwarteten Fall Babels (Apk 18) zu überleben. „Babel“ ist für Böhme auch die Kirche seiner Zeit, und so treffen mit dem Stiftler Oetinger, der sich auf den Kirchendienst vorbereitet, und dem Anhänger Böhmes zwei Welten aufeinander. Obenberger redet Klartext: „Ihr Candidaten seyd gezwungene Leute, ihr dürft nicht nach der Freyheit in Christo studieren; ihr müßt studieren, wozu man euch zwingt“ (Oetinger Genealogie: 61). Er zeigt ihm eine Schrift von Jacob Böhme. Oetinger stutzt, leiht sich das Buch aus und ist von dessen dynamischer Schöpfungslehre begeistert. Oetinger verabschiedet sich von der aus Leibniz und Malebranche gezogenen Vorstellung, als ob Schöpfung durch das ewige Wort Gottes eine Matrix erzeugt habe, in welcher wie in einem Mutterleib alle künftig zu gebärenden Menschen „in Speculis monadicis in monadischen Abbildern stille stehen“. Schöpfung, wie sie Böhme versteht, ist dagegen ein göttlicher „actus purissimus“, ein dynamisches Geschehen, welche aus dem Gegenspiel von göttlichem Zorn, Liebe und Geist hervorgeht. Bei aller Faszination legt Oetinger jedoch Wert darauf, „kein Nachäffer“ Böhmes zu sein; dieser habe im Bemühen, unsagbare Worte zu sagen, auch Fehler gemacht (Oetinger, Genealogie, 63 f.). Oetingers Erstlingswerk würdigt Böhmes Entwurf unter dem Titel Aufmunternde Gründe zu Lesung der Schrifften Jacob Boehmens (1731).

Zumindest ist für ihn der Schritt vollzogen weg von einer atomisierenden Schöpfungslehre, die Gott als vollkommenen Intellekt definiert, der an die von ihm geschaffenen Naturgesetze gebunden sei (Christian Wolff). Hier kann die biblische Offenbarung nichts über die Vernunft hinaus lehren. Oetingers Magisterdisputation vom Mai 1725, die er unter dem Vorsitz des Professors für Metaphysik Christian Hagmajer hält, befasst sich mit Wolffs Satz vom hinreichenden Grund der Erkenntnis. Hagmajer hält Wolffs Ansicht für „mangelhaft“ (Oetinger Genealogie: 69), was Oetingers Zweifel bestärkt. In der Folgezeit studiert er die Bibel, die Kirchenväter und auch rabbinische Literatur. Seine Frage nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, hat sich vom Rationalismus gelöst und wird zur Frage nach den „letzten Begriffen“ bei Jesus und den Aposteln. Oetingers Resümee: Jesus hat die Grundbegriffe des Lichts und der Finsternis gebraucht (vgl. Mt 6,23; 10,27 u.ö.), und auch die Apostel haben ihr Erkennen so verstanden: „Gott, der das Licht aus der Finsterniß geruffen, hat einen hellen Schein in unser Herz gegeben [2 Kor 4,6]: das ist genug für uns.“ Man muss „der heiligen Schrift ihre Gränzen respectiren“ (Oetinger Genealogie: 77 f.).

Dabei will Oetinger die Bedeutung der Vernunft keineswegs herabwürdigen – im Gegenteil, sie ist für ihn ein äußerst effektives Werkzeug. Aber muss man Werkzeuge anbeten, indem man ihre Bedeutung absolut setzt? Was er in der Bibel, bei den Kirchenvätern und Rabbinen findet, sagt ihm übereinstimmend: Allem zugrunde liegt das Handeln Gottes als Schöpfer und Vollender der Welt; beides ist der Vernunft auf direktem Wege nicht zugänglich, sondern nur aufgrund göttlicher Offenbarung. Kein Irrationalist will Oetinger sein, sondern ein Ideologiekritiker der menschlichen Vernunft.

In den folgenden Jahren wird Oetinger hervorheben, dass die Vernunft – unbeschadet ihrer Grenzen – die Spuren göttlichen Handelns in der Schöpfung nachvollziehen könne. Dies geschehe, indem man die Bibel nicht auf rationalistische Weise in „leere und entkräftete Sätze verwandelt“, sagt er in der Lehrtafel der Prinzessin Antonia (1763). Stattdessen habe man Gottes in der Bibel geschilderten Naturwerke, die von ihm geschaffene belebte und unbelebte Welt, zu erforschen – nicht allein mit Verstand und Empirie, sondern auch mit Hilfe eines von Oetinger postulierten allgemeinen Wahrheitsgefühls aller Menschen, das er als sensus communis oder „Weisheit auf der Gasse“ bezeichnet. Dann werde das Lesen im Buch der Natur zur Verstehenshilfe für das Buch der Schrift. Beides gehöre zusammen und führe zu einem Gesamtsystem der Wahrheit, der „Heiligen Philosophie“ (philosophia sacra).

Im Herbst 1727 legt er das theologische Examen ab. Die Stiftszeugnisse bescheinigen ihm gute geistige Anlagen, Fortschritte vor allem im Studium der systematischen und praktischen Theologie sowie eine aus seinem Verhalten hervorleuchtende Frömmigkeit („e moribus elucet pietas“; zitiert nach Ehmann: 57).

Seine unter inneren Kämpfen gewonnene Erkenntnis verteidigt er auch in der Folgezeit mit Nachdruck. Als eine 1728 veröffentlichte Schrift seines früheren Bebenhausener Lehrers Israel Gottlieb Canz versucht, die Leibniz-Wolffsche Philosophie auf die Theologie anzuwenden, stellt er ihn zur Rede: „Ich gieng einmahl zu Prof. Canz und obtestirte beschwor ihn, ob er sich getraute, gewiß zu seyn, daß die Apostel und Jesus Christus eben diese lezte Begriffe gehabt wie er, und ob er nach dem tod sie eben so finden werde, als er es dreiste im Lehren vorgebe. Er sagte: Ja; ich aber sagte: Nein; er werde sie nicht so finden“ (Oetinger Genealogie: 74). In einem Brief vom 19. Januar 1728 an Johann Albrecht Bengel, als dessen Tübinger Korrespondent Oetinger seit 1727 fungiert, macht er seinem Ärger Luft: Das Werk von Canz sei eine „nova a Sacrae conceptibus Scripturae diversio“, eine neue Abweichung von den Gedanken der Heiligen Schrift (Bengel Briefe 1723–1731).

Das Amt dessen, der Bengel über Tübinger Vorkommnisse und neu erschienene theologische Literatur auf dem Laufenden hält, hat Oetinger 1727 vom zwei Jahre älteren Jeremias Friedrich Reuß übernommen, der als Hauslehrer nach Stuttgart geht. Diesem, dem ehemaligen Lieblingsschüler in Denkendorf, vertraut Bengel seine apokalyptischen Berechnungen an, welche die Zahl des in Apk 13 genannten widergöttlichen Tiers als 666 bestimmen: „Inveni numerum bestiae, Domino dante“ (Bengel an Reuß 22.12.1724, in: Bengel Briefe 1723–1731). Diese Eingebung vom 1. Advent 1724 arbeitet Bengel weiter aus und meint, einen Schlüssel gefunden zu haben, um vergangene und künftige Ereignisse in ein endzeitliches Schema einordnen zu können. Von Anfang an erhält Oetinger von Reuß Einsicht in die Bengelschen Briefe. Oetinger betrachtet Bengel als Autorität, wenn es um das rechte Verstehen der Bibel geht. Im April 1733 wird er in dem Bemühen, den Grafen Zinzendorf von Bengels System zu überzeugen, mit diesem einen Besuch in Denkendorf machen. Auch als Oetinger in den folgenden Jahren – wieder unter schweren Kämpfen – Zinzendorfs Bibelverständnis den Abschied gibt, ist ihm die vertraute Beziehung zu Bengel hilfreich.

Als examinierter Stiftler bleibt man, dem damaligen Brauch folgend, im Stift und kehrt nach Vikariaten oder Reisen wieder dorthin zurück, bis man eine feste Anstellung im Kirchendienst gefunden hat. Für Oetinger gilt diese Regel mit Einschränkungen, die von der Stiftsleitung offensichtlich gebilligt werden. Als seine Mutter am 19. Juli 1727 in Göppingen gestorben ist und ihn in einem Abschiedsbrief ermahnt hat, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, unterrichtet er nach dem Examen im Herbst 1727 seine drei Brüder in Tübingen, im Haus des herzoglichen Finanzbeamten Georg Gottfried Härlin. Im November 1728 werden Oetinger und seine Brüder krank und müssen sich ins heimatliche Göppingen begeben. Von dort kehrt er erst an Georgii (23. April) 1729 ins Stift zurück, um sich danach auf seine erste wissenschaftliche Reise zu begeben, die ihn nach Frankfurt am Main, Jena, Halle, Herrnhut und Berleburg führt. Seit Ende 1730 wieder in Tübingen, wird er 1731 Repetent am Stift (Oetinger Genealogie: 88–106). Es folgen zwei weitere längere Reisen in den Jahren 1733–1737. Danach unterrichtet Oetinger wieder als Repetent in Tübingen, bis ihm 1738 seine erste Pfarrstelle in Hirsau übertragen wird (Oetinger Genealogie: 108–127).

Hier ist nicht der Ort, die Erlebnisse und Begegnungen auf diesen Reisen zu schildern. Oetinger ist in seiner autobiographischen Genealogie der reellen Gedancken eines Gottes-Gelehrten ausführlich darauf eingegangen, auch auf die weiteren Lebensstationen als Pfarrer in Schnaitheim (1743) und Walddorf (1746), als Dekan in Weinsberg (1752) und Herrenberg (1759) sowie als Prälat in Murrhardt (1766). Darüber hinaus ist die Selbstbiographie eine wichtige Quelle für sein Verhältnis zu Zinzendorf, für Oetingers spätere alchemistischen Versuche, seine ambivalente Würdigung des Geistersehers Swedenborg und die Auseinandersetzungen mit dem Konsistorium. Ergänzendes Quellenmaterial bietet Oetingers Briefwechsel mit Bengel, Friedrich Christoph Steinhofer, Ludwig Friedrich Graf zu Castell-Remlingen und anderen (Auszüge in Ehmann: 429–836; vgl. Bengel Briefe 1723–1731).

Oetinger war mehr als ein aufmüpfiger Stiftler. Er hat sich dem zeitgenössischen rationalistischen Trend entgegengestellt, ohne die Bedeutung der Vernunft zu leugnen. Aus einem immensen theologischen und naturwissenschaftlichen Wissen schöpfend, hat er auf der Höhe seiner Zeit und in den Grenzen seiner Zeit einen Gegenentwurf formuliert, mutig und angesichts zahlreicher Kritiker, die ihm das Leben schwer machten. Wir haben Oetinger nicht zu kopieren, aber seinen Versuch einer Ideologiekritik der menschlichen Vernunft zu achten.

Zuerst veröffentlicht in: Volker Henning Drecoll, Juliane Baur, Wolfgang Schöllkopf (Hgg.), Stiftsköpfe. Tübingen: Mohr Siebeck 2012, S. 76–82. Mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Osiander, Lucas

Von: Schöllkopf, Wolfgang

Lucas Osiander der Jüngere

Lucas Osiander d.J.

gemeinfrei (Quelle: Professorengalerie der Universität Tübingen)

Fast wäre sein Leben schon zwei Jahre zuvor zu Ende gegangen, denn da wurde der Kanzler der Universität Tübingen auf der Kanzel der Stiftskirche mit einem Messer angegriffen. Wie konnte es soweit kommen?

Als Lukas Osiander der Jüngere am 6. Mai 1571 in Stuttgart geboren wurde, war der württembergische Reformator Johannes Brenz im Jahr zuvor gestorben und die Erben der Reformation stritten um die richtige Fassung der lutherischen Lehre. Der Aufbruch aus der Freiheit des Evangeliums drohte in Rechthabereien zu ersticken. Jacob Andreae wollte im Konkordienbuch die Eintracht (concordia) wieder herstellen. Osiander selbst sollte einen wesentlichen Beitrag zur polemischen Zuspitzung der konfessionellen Auseinandersetzungen leisten, die schließlich die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges mit heraufbeschworen.


Kanzel- und Kathederkarriere
Lukas Osiander stammte aus einer großen Theologenfamilie. Schon sein Vater gleichen Namens, der Herausgeber des ersten württembergischen Gesangbuchs, war Mitglied der Kirchenleitung. Sein älterer Bruder Andreas war bereits 1605 ebenfalls Kanzler der Tübinger Universität, die damals zum "lutherischen Spanien" wurde. Lukas Osiander wurde nach seinem Studium Stiftsrepetent, dann Pfarrer in Göppingen, Dekan in Leonberg sowie Prälat von Bebenhausen und Maulbronn. Ab 1618 lehrte er als Professor in Tübingen mit dem Schwerpunkt Kontroverstheologie und Polemik. In diesen Fächern ging es darum, das überlegene Luthertum gegen die anderen Konfessionen scharf abzugrenzen. Viel Schweiß der Edlen wurde für diese polemischen Auseinandersetzungen vergossen, dazu zuerst Tinte, dann auch Blut. Aus theologischen Entdeckungen drohten Richtigkeiten zu werden. Der scharfsinnige Theologe stritt gegen Calvinisten, Schwenkfelder, Wiedertäufer und Jesuiten. Auch am Streit mit den Gießener Theologen über die Person Christi wirkte er mit.

"Anti-Arndt"
Schließlich überspannte er fast den Bogen seiner Streitereien, als er vor den, gerade in Württemberg mit Interesse aufgenommenen Büchern Johann Arndt's "Vom wahren Christenthum" (1610) warnte. Er warf ihm eine mystische Position vor, die das innere dem äußeren Wort vorzog. Wieder waren seine Beobachtungen durchaus zutreffend, seine Abgrenzungen aber überzogen. Manche sagten gar, bei ihm sei der Heilige Geist ein Rabe und keine Taube!

Angriffe
Wer Wind sät, wird Sturm ernten (nach Hosea 8, 7). Die zunehmenden polemischen Abgrenzungen führten zu Aggressionen, die schließlich nicht nur den grausamen Konfessionskrieg beförderten, sondern auch auf Osiander persönlich zurückschlugen, als eines Sonntags der Spiritualist und selbsternannte Prophet Ludwig Friedrich Gifftheil aus Böhringen die Kanzel der Tübinger Stiftskirche erstürmte und den Kanzler erstechen wollte. Dieser aber überlebte auch diesen Angriff und starb eines natürlichen Todes am 10. August 1638 in Tübingen. Aber kann es scharfsinnige theologische Erkenntnis nicht auch ohne aggressive Abgrenzungen geben, oder, wie es der Straßburger Reformator Martin Bucer sagte, ohne Feindbild und Schmähung der anderen? Eine noch immer aktuelle Frage!

Aktualisiert am: 27.06.2016

Planck, Reinhold

Von: Butz, Andreas

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Karl Christian P. (17.1.1819-7.6.1880), Ephorus, Philosoph. M Auguste P., geb.  Wagner (20.12.1834-1925). G Karl (*31.5.1857-1899), Marie (*9.7.1858), Adelheid (*16.5.1860-1894), Mathilde (*29.11.1861-31.7.1955), Hermann (*21.11.1868-1932), Klara (*21.4.1873-1892). ∞ 1896 Anna, geb. Meyer (7.9.1869/nach russischer Zeitrechnung 26.8.1869-24.6.1946), Tochter des Hermann Mayer, Schieferölfabrikant. K Walter (7.10.1902-1937),  Margarete, verh. Reusch (*23.4.1908).

2: Biographische Würdigung

Als P. am 3. Februar 1866 geboren wurde war sein Vater Karl Christian Planck, der ein umfangreiches philosophisches Werk hinterlassen hat, Lehrer am Gymnasium in Ulm. 1869 zog die damals achtköpfige Familie nach Blaubeuren, wo der Vater am dortigen Seminar als Professor wirkte. An diesem Ort besuchte P. von seinem sechsten bis achten Jahr die Elementar-, von seinem achten bis 13. Jahr die Lateinschule. Der Vater, der 1879 Ephorus des Seminars Maulbronn wurde, verstarb bereits im Jahr nach dieser Ernennung. P. war zu diesem Zeitpunkt erst vierzehn Jahre alt. Kanzleirat Planck in Stuttgart nahm ihn als Pflegesohn an. So kam es auch, dass P. nach einem halben Jahr vom niederen theologischen Seminar in Maulbronn zu dem Gymnasium in Stuttgart wechselte, das er bis zu seinem 18. Lebensjahr besuchte. Nach bestandener Konkursprüfung studierte er ohne Unterbrechung am Tübinger Stift Theologie, um für den Beruf des evangelischen Pfarrers ausgebildet zu werden. Von der Militärpflicht als Einjähriger war er wegen Untauglichkeit befreit. Nach Abschluss dieses Studiums führte ihn der unständige Dienst als Vikar und als Pfarrverweser nach Eberdingen, Ensingen und Reichenbach. Unmittelbar nach Beendigung seiner Zeit in Reichenbach im Februar 1891 wurde er für ein halbes Jahr beurlaubt und nahm für diesen Zeitraum eine Anstellung als Privatlehrer in Oberstdorf in Bayern an. Im Oktober des Jahres wurde er Pfarrverweser in Bronnweiler bei Reutlingen, wo er im Pfarrhaus auch seine Mutter - und zeitweise auch seine Schwester - aufnehmen konnte, die ihm den Haushalt führten. Immer wieder musste er darauf achten, sich zu schonen, da er – konstitutionell bedingt – bei Überanstrengung zu nervöser Ermattung mit körperlichen Begleiterscheinungen neigte. 1895 wurde er in Bronnweiler, wo er bereits seit vier Jahren als Pfarrverweser tätig war, zum Pfarrer ernannt. Im Frühherbst dieses Jahres führte ihn eine mehrwöchige Studienreise nach Norddeutschland, unter anderem um an einer sozialistischen Tagung in Berlin teilnehmen zu können, ein Zeichen dafür, dass er sich bereits vermehrt mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzte. Nun, da durch die Pfarrerstelle die äußeren Verhältnisse gesichert waren, konnte eine Ehe geschlossen werden, und zwar 1896 mit einer Reutlinger Fabrikantentochter. Seine Tätigkeit in Bronnweiler ließ ihm noch Zeit zur wissenschaftlichen Weiterbildung. 1908 erfolgte der Wechsel auf die Pfarrstelle Winnenden, wo er fast ein Vierteljahrhundert wirken sollte. 1910 nahm er an dem „5. Weltkongress für ein freies Christentum und religiösen Fortschritt“ in Berlin teil, dem ersten interreligiösen Kongress in Deutschland, den liberale protestantische Theologen maßgeblich gestalteten. In den Folgejahren tat sich der denkerisch veranlagte Pfarrer auch als Vortragsredner zu christlichen und sozialen Themen hervor und äußerte sich vermehrt in publizistischen Beiträgen. Durch den Verlauf des Weltkrieges wurde P. zu einer vertieften Beschäftigung mit dem Werk seines Vaters inspiriert und war davon überzeugt, dass dessen Rechtsphilosophie für die Zeit des kommenden gesellschaftlichen Umbruches praktisch umsetzbare Antworten enthalte. Die Auseinandersetzung mit dem Rechtsbegriff in der Philosophie seines Vaters führte dazu, dass er im Jahr 1921 in Tübingen über dieses Thema promovierte. Im selben Jahr trat P. als Redner auf der ersten „christrevolutionären“ Tagung im Stuttgarter Sieglehaus auf. Für soziale Probleme hatte er lebhaftes Interesse und fühlte sich dem religiösen Sozialismus verbunden. Auch von der Persönlichkeit und dem Werk Friedrich Naumanns war er beeinflusst. Wie sein Dekan ihm 1923 bescheinigte, war P. ein Vertreter eines Christentums der Tat, im Gegensatz zu einem Christentum des Glaubensbekenntnisses. Durch das gesellschaftspolitische Engagement, das er nicht streng von seiner amtlichen Tätigkeit als Pfarrer trennte, entfremdete er sich zunehmend von Teilen seiner Gemeinde. Auch seine vorgesetzte Behörde sah sich aufgrund seiner vermehrten Aktivitäten nun immer öfter genötigt, sich mit seiner Person zu beschäftigen.

Seinen Ruhestand, der im Jahr 1931 eintrat, verbrachte er in Ludwigsburg. 1933 ließ er sich dort von der SPD als Kandidat für die Gemeinderatswahl aufstellen. Allerdings trat er noch vor der ersten Sitzung im April 1933 zurück, um die Kirche durch seine politische
Tätigkeit - gerade auch im Hinblick auf zu erwartende Konflikte mit den Nationalsozialisten -  nicht zu belasten.

Im Jahr 1935 gründete er gemeinsam mit seiner Schwester Mathilde, die sich wie er um die Verbreitung des geistigen Erbes des Vaters bemühte, die Karl-Christian-Planck-Gesellschaft, die in Ludwigsburg und in Stuttgart Mitglieder fand. Noch kurz vor seinem Tod versuchte er, die Nationalsozialisten für einen Teil der Philosophie seines Vaters zu gewinnen. Am 13. September 1936 verstarb er in Ludwigsburg nach längerer, schwerer Krankheit.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Scheffbuch, Rolf

Von: Schnurr, Jan Carsten

Rolf Scheffbuch (1931-2012)

Fotograf: Bernhard Weichel. Mit freundlicher Genehmigung

Den Grundstein für Rolf Scheffbuchs Entwicklung zu dem vielleicht wichtigsten Repräsentanten des württembergischen Pietismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts legte sein Elternhaus. 1931 in Calw geboren, wuchs er in Stuttgart auf. Der Vater, Adolf Scheffbuch, im Dritten Reich entschieden regimekritisch, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg leitender Mitarbeiter im Kultusministerium und CDU-Landtagsabgeordneter. Er vermittelte dem ältesten von sechs Kindern die Faszination für politische und kirchliche Mitgestaltung. Die Mutter, Maria Scheffbuch, und die Großmutter, Johanna Busch, entstammten einer traditionsreichen pietistischen Großfamilie und prägten ihren Sohn bzw. Enkel mit einer erwecklichen, zugleich bildungsbejahenden Bibelfrömmigkeit, die er als fröhlich und unverkrampft erlebte.(1) Großen Einfluss besaßen daneben die beiden Onkel und bekannten Evangelisten Wilhelm und Johannes Busch, deren Vorbild und seelsorgerlicher Begleitung Scheffbuch Entscheidendes für seine geistliche Entwicklung zugeschrieben hat.(2) Unter anderem vermittelten sie ihm die Vision für eine missionarische Jugendarbeit im Rahmen der Landeskirche oder des CVJM, wie sie auch in Stuttgart bald aufblühte. Von 1965 bis 1974 war Scheffbuch dann selbst Leiter des Evangelischen Jugendwerks (bis 1971: Evangelisches Jungmännerwerk) in Württemberg. Wissenschaftlich-theologische Anregungen hatte er während seines Studiums in Bethel, Tübingen und Bonn vor allem von Helmut Thielicke, Otto Michel und Adolf Köberle erhalten; eine bei Köberle in Tübingen begonnene Doktorarbeit blieb unvollendet.(3)

Die längste Zeit seines beruflichen Lebens lagen Scheffbuchs Aufgaben in der Gemeindearbeit. Zwischen 1959, dem Jahr seiner Eheschließung mit Sigrid Gutbrod, und 1965 war er dritter Pfarrer am Ulmer Münster. Ab 1975 lebte die inzwischen sechsköpfige Familie in Schorndorf, wo Rolf Scheffbuch 14 Jahre lang als Dekan und Gemeindepfarrer wirkte. Er besaß die Fähigkeit anschaulich zu predigen, aber auch Menschen auf einer persönlichen Ebene zu begegnen, Vertrauen zu gewinnen und zur Mitarbeit zu motivieren. 1989 bis 1995 kehrte er – nun als Prälat – ans Ulmer Münster zurück. Auch das Amt des Regionalbischofs verstand er als ein pastorales Amt der Begleitung und des Zuspruchs, diesmal für die etwa 500 Pfarrerinnen und Pfarrer seines Sprengels. Gerade die seelsorgerlichen Möglichkeiten seines Berufes waren ihm wichtig. „Es gehört zum besonderen Vorrecht eines Pfarrers, dass er Schwerstkranke und Sterbende begleiten darf“, meinte er etwa(4) und ermutigte dazu, mit Menschen, denen das Gebet fremd geworden ist, gemeinsam zu beten.(5)

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Rolf Scheffbuch jedoch als Kirchenpolitiker. Die Weichen hierfür hatte der württembergische Landesbischof Martin Haug gestellt, als er den jungen Theologen 1957 nach dessen Vikariat zu seinem persönlichen Referenten berief. Die drei Jahre auf dem Oberkirchenrat gaben Scheffbuch Einblick in die Möglichkeiten und Grenzen des kirchenleitenden Amtes. Von Haug ermutigt, kandidierte er 1965 für die württembergische Landessynode, wurde deren Mitglied und blieb bis 1989, als er wegen seiner Berufung ins Prälatenamt aus der Landessynode ausschied, eine ihrer prägenden Persönlichkeiten. Scheffbuchs kirchenpolitisches Engagement fiel in die Zeit, in der die nunmehr flächendeckend durchgeführte Urwahl zur württembergischen Landessynode(6) dem schwäbischen Pietismus neues Gewicht und damit unerwartete Möglichkeiten der Mitgestaltung brachte. Synodale, die dem Pietismus nahestanden, sammelten sich in dem Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ (bis 1971: „Bibel und Bekenntnis“), der in der Synode über eine relative, zeitweise sogar absolute Mehrheit verfügte. Von 1977 bis 1989 war Scheffbuch Sprecher des Gesprächskreises, daneben mehr als zwei Jahrzehnte lang auch Mitglied der Synode der EKD, in der er eine theologische Minderheitenposition repräsentierte. Als profilierter Kirchenpolitiker, dem viele auch ein hohes politisches Amt zugetraut hätten, wusste er eloquent und verbindlich aufzutreten, Mehrheiten zusammenzubringen und Kompromisse zu schließen. Er konnte aber auch polarisieren, Gegnern entgegentreten und Kompromisse ablehnen, wo er die Geltung von Bibel und Bekenntnis bedroht sah. Das „Kämpferische“, meinte er einmal im Rückblick, sei „eine Gabe Gottes auch, die er manchen Leuten verleiht, die nicht aus falscher Schüchternheit zurückstecken müssen, die stellvertretend für andere eintreten müssen, auch wenn sie schlaflose Nächte haben, ob’s denn richtig war, dass sie den Mund aufgemacht haben“.(7) Scheffbuch wusste, dass er in seiner Kirche nicht nur Freunde besaß.

In der Kritik stand er etwa, als der württembergische Synodalpräsident Oskar Klumpp im Vorfeld des Stuttgarter Kirchentages 1969 zurücktrat, nachdem ihm eine von Scheffbuch mitunterzeichnete Presseerklärung Indiskretionen bezüglich der Beteiligung des Pietismus an dem Großereignis vorgeworfen hatte.(8) Kontrovers war auch die langjährige Auseinandersetzung um die württembergische Haltung zur Genfer Ökumene.(9) Neue missionstheologische Ansätze, denen schon der junge Scheffbuch als Teilnehmer der Ecumencial Student Conference 1955/56 in Athens (Ohio) und als Jungdelegierter auf der Dritten Vollversammlung des ÖRK 1961 in Neu-Delhi begegnet war, hatten in den sechziger Jahren zu inhaltlichen Schwerpunktverschiebungen in der Ökumene geführt. Besonders augenfällig wurden diese in dem 1969/70 entwickelten Antirassismus-Programm mit seinem Sonderfonds zur humanitären Unterstützung verschiedener, auch militärisch operierender, Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika und in der um die Jahreswende 1972/73 durchgeführten Weltmissionskonferenz in Bangkok. Sie veranlassten Scheffbuch als Vorsitzenden des Synodalausschusses Diakonie/Ökumene/Mission gemeinsam mit Landesbischof Helmut Claß, ein Gesprächstreffen einer württembergischen Delegation mit Vertretern des Weltkirchenrates in Genf zu organisieren. Bei dem Treffen vom 16. bis 18. Juni 1974 legten die Württemberger einen Fragenkatalog vor,(10) der ihre Sorge widerspiegelte, der ÖRK habe binnen weniger Jahre sein biblisches Missionsverständnis durch eine (links-)politische Befreiungstheologie und ein teilweise synkretistisches Dialogverständnis ersetzt. Auch wenn Mission dem Bildungsbürger seit Lessing „als Glaubensfanatismus, als Intoleranz“ gelte, wie Scheffbuch wenig später vor der EKD-Synode konzedierte, gehörten nach seiner Auffassung sozialdiakonische Hilfe und das auf „Bekehrung Andersgläubiger“ zielende Glaubenszeugnis zusammen,(11) denn „eine Christenheit, die hilft, aber nicht redet, ist unsozial, lieblos. Mission ist unaufgebbar“.(12) Seine Initiative, die über die EKD bestehende Mitgliedschaft der württembergischen Landeskirche im ÖRK in eine „unmittelbare Mitgliedschaft“ umzuwandeln und diese dann vorerst ruhen zu lassen, scheiterte 1981 nur knapp.(13)

Rolf Scheffbuchs Bedeutung für den theologisch konservativ-pietistischen Flügel der Landeskirche lag allerdings nicht nur in seiner synodalen und kirchenleitenden Tätigkeit. Von dem Korntaler Pfarrer Fritz Grünzweig gefördert, war er schon Ende der 1960er Jahre zu einer treibenden Kraft auch in der 1951 als Evangelisch-Kirchliche Arbeitsgemeinschaft für Biblisches Christentum gegründeten württembergischen Ludwig-Hofacker-Vereinigung (heute: Christusbewegung „Lebendige Gemeinde“) geworden. Fast zwei Jahrzehnte lang, zwischen 1980 und 1999, stand er ihr vor. Als Netzwerk der alt- und neupietistischen Kräfte in der württembergischen Landeskirche wurde sie im Laufe der Jahre zu einem Forum und Impulsgeber für diverse missionarische und diakonische Initiativen, Aktionen und Werke. Hierzu zählten etwa die Hilfsorganisationen Hilfe für Brüder und Christliche Fachkräfte International, das Tübinger Albrecht-Bengel-Haus, die Jugendmissionskonferenzen und die Süddeutschen Missionswochen. Auf publizistischem Gebiet entstanden eine eigene Lesepredigtreihe für Lektoren bzw. Prädikanten, die Lutherbibel erklärt und die Zeitschrift Lebendige Gemeinde. Zentrale Veranstaltung blieb die seit 1956 jährlich an Fronleichnam stattfindende Ludwig-Hofacker-Konferenz (seit 1996: Christustag), die ein sprunghaftes Wachstum erlebte und seit den siebziger Jahren zumeist parallel an mehreren Orten abgehalten wurde.(14) Gemeinsam mit seinem Bruder Winrich, einem Stuttgarter Pfarrer, brachte Rolf Scheffbuch auch den von der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ 1973 in Dortmund veranstalteten evangelikalen Gemeindetag unter dem Wort nach Württemberg: Seit 1975 wurde die Ludwig-Hofacker-Konferenz in mehrjährigen Abständen (bis 2002 sieben Mal) zu einem für ganz Deutschland konzipierten Gemeindetag in Stuttgart ausgeweitet. Diese Großveranstaltungen, die die Württemberger – anders als Teile der Bekenntnisbewegung – von kirchenpolitischer Konfrontation mit der Landeskirche oder dem Deutschen Evangelischen Kirchentag freihalten und als glaubensstärkende „Feste des Volkes Gottes“(15) gestalten wollten, erreichten in den 1980er Jahren Besucherzahlen von jeweils fünfzig- bis sechzigtausend.(16)

Die Organisationsform, die Scheffbuch und seine Kollegen für ihr diakonisch-missionarisches Engagement bevorzugten, war das aus Spenden finanzierte, von landeskirchlicher Versorgung und Kontrolle unabhängige und auf die Mitarbeit von Laien zählende „freie Werk“. Dem Einwurf, hier würden evangelikale „Parallelstrukturen“ zu bestehenden kirchlichen Einrichtungen geschaffen, begegnete Scheffbuch mit dem Hinweis, in der Kirchengeschichte seien geistliche Impulse meistens durch private Initiativen entstanden. Sein Paradebeispiel war Christian Friedrich Spittler, der visionäre schwäbische Sekretär der Basler Christentumsgesellschaft, der mit der Gründung zahlloser pädagogischer, missionarischer und karitativer Einrichtungen die deutsche Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts mit in Gang gesetzt hatte und den er einmal als seine Lieblingsgestalt in der Kirchengeschichte bezeichnete.(17) „Wache Christen wie Spittler haben immer zusätzliche Aktionen ins Leben gerufen – nämlich wenn Notwendigkeit dazu bestand“, schrieb Scheffbuch. „Derselbe Spittler, der doch als Gründer der Baseler Mission gelten darf, hat auf der Chrischona ein weiteres Missionsausbildungsinstitut geschaffen, weil er Bedarf dafür sah. … Wir dürfen uns heute nicht allein mit der Pflege des Überkommenen begnügen!“(18) Umgekehrt wird man vermuten dürfen, dass die freien Werke und vielfältigen Aktionsformen der Ludwig-Hofacker-Vereinigung dazu beitrugen, zahlreiche erwecklich gesinnte Christen Württembergs, die sonst nach freikirchlichen Alternativen gesucht hätten, innerhalb der Landeskirche zu halten. Rolf Scheffbuch jedenfalls stand für ein landeskirchliches Christentum, auch wenn er mit großer Sympathie von den amerikanischen Freiwilligkeitskirchen sprechen und mit freikirchlichen Christen eng zusammenarbeiten konnte. Er erinnerte gerne an das Beispiel Johann Albrecht Bengels, der bei aller Kirchenkritik in seiner Kirche geblieben war und sie, so glaubte Scheffbuch, nachhaltig positiv verändert hatte.(19)

Die Kirchengeschichte spielte für ihn auch sonst eine wichtige Rolle. Seine Leidenschaft für die „Erforschung des Lebens ‚christlicher Väter und Mütter‘“(20) veranlasste Scheffbuch, in zahlreichen Vorträgen, Artikeln und Büchern dem schwäbisch-pietistischen Milieu ein Bewusstsein für seine Geschichte zu vermitteln. Hierzu zählten Figuren wie Bengel, Hofacker, Kapff und Blumhardt,(21) aber auch Frauen wie Sophie Zeller-Siegfried, Charlotte Reihlen oder Scheffbuchs Urgroßmutter Pauline Kullen(22) sowie die Dichter evangelischer Lieder quer durch die Jahrhunderte, die ihn nach eigener Einschätzung mehr geprägt hatten als alle theologischen Werke.(23) Ausführlich beschäftigte er sich mit der Geschichte Korntals, wo er nach seiner Pensionierung mit seiner Frau lebte und sich bis zuletzt mit Verkündigung und Seelsorge in die dortige Evangelische Brüdergemeinde einbrachte.(24) In Schriften, Vorträgen und Führungen erläuterte er Interessierten die weltweiten missionsgeschichtlichen Wirkungen, die von der kleinen, 1819 gegründeten pietistischen Siedlung ausgegangen waren. Dass Rolf Scheffbuch auch die von ihm selbst erlebte und mitgestaltete württembergische Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte historisch zu reflektieren vermochte, erlebte, wer sich mit ihm darüber unterhielt.

So wichtig Scheffbuch seine schwäbischen Wurzeln waren, so sehr faszinierte ihn die weltweite Christenheit. Bereits 1955/56 hatte ein Studienjahr in den USA neue Verbindungen geschaffen und seinen kulturellen und kirchlichen Horizont erweitert. Hinzu kamen seine Teilnahme an wichtigen ökumenischen Treffen und das internationale Engagement im Rahmen der Missionswerke – aber auch Reisen, die sich aus Scheffbuchs weltweiten Kontakten ergaben.(25) Besonders wichtig wurde für ihn die Lausanner Bewegung für Weltevangelisation. Die Eindrücke, die er von dem Ersten Lausanner Kongress im Juli 1974 und der darin integrierten seelsorgerlich-evangelistischen Stadionveranstaltung mit Billy Graham mitnahm, hatten, wie er später schrieb, großen Einfluss auf die Gestaltung der Stuttgarter Gemeindetage unter dem Wort.(26) Mehrere „Lausanner“ Theologen aus dem globalen Süden, wie z.B. Bischof Festo Kivengere aus Uganda, Gottfried Osei-Mensah aus Ghana und Ajith Fernando aus Sri Lanka, traten später auch in Stuttgart als Redner auf. Scheffbuch knüpfte Kontakte zu Kirchen etwa aus der Ostafrikanischen Erweckungsbewegung, von denen er Impulse für das eigene kirchliche Leben erhoffte. Er beteiligte sich an weltweiten Konsultationstreffen, war Mitglied des Internationalen Lausanner Komitees und leitete mehrere Jahre lang dessen Europäischen Zweig. In dieser Funktion trat er angesichts weitreichender Säkularisierung für eine „Neu-Evangelisierung Europas“ ein.(27) So zählte er auch zu den Hauptverantwortlichen der 1993 mit Billy Graham, von 1995 an mehrmals mit Ulrich Parzany durchgeführten europaweiten Großevangelisation ProChrist.

Hinter all diesen Aktivitäten stand Scheffbuchs Überzeugung, dass Allein Jesus Christus, der Gekreuzigte – so der Titel seines letzten, posthum erschienenen Buches (28)– die Mitte evangelischer Theologie bilden dürfe. Er sei für den Glaubenden „der Einzige, der dann auch im Tode festhalten kann“.(29) Zu Scheffbuchs Gewohnheiten gehörte es, täglich vier Kapitel in der Bibel zu lesen. Dass Teile seiner Kirche die Verlorenheit des Menschen ohne Gott oder den stellvertretenden Opfertod Christi in Zweifel zogen, deutete er als „erschreckenden Abbruch der Brücken zwischen der Bibel und der Gegenwart“.(30) Auch sein eigenes konservativ-pietistisches Milieu empfand er in späteren Jahren manchmal als zu angepasst. Scheffbuch wollte seine Zeitgenossen „zur Sache“ rufen,(31) indem er sie an die reformatorischen Exklusivpartikel erinnerte: „Gott rettet allein durch Christus, allein durch seine Gnade, allein durch den Glauben an ihn. So rettet Gott, allein so!“(32) Diese Kritik zielte auf den liberalen Zeitgeist. Scheffbuch warnte aber auch vor einer frommen Selbstsicherheit und Siegermentalität, die er vor allem in der charismatischen Bewegung,(33) aber teilweise auch im Pietismus wahrnahm. „Mich stört der Unterton von Sicherheit“, schrieb er, „als ob denn auch nur einer von uns schon das himmlische Ziel erreicht habe.“(34)

Von solchen kritischen Urteilen nahm Rolf Scheffbuch sich selbst nicht aus. „Es war meist eigene Schuld mit dabei, wenn ich in großes Gedränge kam“, schrieb er 1996,(35) und zu seinem achtzigsten Geburtstag: „Im zerrinnenden Leben wird mir immer erschreckender bewusst, wie schwer ich durch meine Art Menschen … belastet habe.“(36) Besonders einige krisenhafte Momente, etwa die Vorbereitung einer Predigt über „Sündenvergebung“ im Winter 1962, die er als erschütterndes Bewusstwerden von eigenem Versagen erlebte, oder eine riskante Krebsbehandlung 2001 mit den sie begleitenden Ängsten und Selbstzweifeln hatten dieses Gefühl der eigenen Unvollkommenheit verstärkt.(37) Sie hatten Scheffbuch aber auch die paulinische Rechtfertigungslehre und die Aussage von der Christusgemeinschaft existentiell bedeutsam gemacht. Römer 4,5 („Gott macht Gottlose gerecht!“) wurde für ihn so zu einer Schlüsselerkenntnis,(38) Lukas 15,2 („Jesus nimmt die Sünder an“) ein „Zuspruch des unsichtbar gegenwärtigen Jesus an mich“.(39) So blickte Rolf Scheffbuch zuversichtlich in die Zukunft. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 2012 ist er verstorben. Er liegt auf dem Korntaler Friedhof begraben.

Erstabdruck in: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 2012 (Jg. 139/1), Gütersloh 2015, S. 136–143. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Aktualisiert am: 27.06.2016

Schempp, Paul

Von: Haag, Norbert

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Lebensdaten
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Lebensdaten

Paul Schempp (1900-1959)

Fotograf: Dieter Ehlermann

Eltern: Geb. am 4. Januar 1900 als fünftes von neun Kindern des altpietistisch geprägten Handwerkmeisters Andreas Schempp und seiner Ehefrau Anna, geb. Layer.

Ausbildung: Besuch des humanistisch geprägten Eberhard-Ludwig-Gymnasiums in Stuttgart, Abschluss als Klassenprimus. - Theologiestudium in Tübingen 1919-1920, Marburg 1920-1921 und wieder in Tübingen 1921. Im Rahmen einer Beurlaubung hörte er Vorlesungen Karl Barths in Göttingen; akademische Lehrer: Neutestamentler Adolf Schlatter (Tü), Kirchengeschichtler Müller (Tü), Religionswissenschaftler Friedrich Heiler (Ma), Karl Barth (Gö); Stiftler und Mitglied der akademischen Verbindung Nicaria; freundschaftliche Beziehungen zu Hermann Diem, Heinrich Fausel und Richard Widmann; während der Studienzeit Vf. eines Ms. mit dem Titel: Ave victi! – Gedanken und Bekenntnisse eines Heidenchristen, in der er die verkrusteten Kirchenstrukturen beklagt; machte die zweite Aufl. von Barths Römerbrief im Stift populär und entfachte damit „eine Revolution“.

Beruflicher Werdegang: Nach Vikariat Repetent am Stift 1925-1929; intensives Lutherstudium, Publikation seines ersten Buches Luthers Stellung zur Heiligen Schrift; Studienreisen nach Frankreich, Dänemark, Balkanländer, USA. Religionslehrer in Bad Cannstatt 1929-1931; Pfarrer in Waiblingen (April 1931-August 1931); Religionslehrer am Königin-Olga-Stift und Königin-Charlotte-Gymnasium in Stuttgart; Entlassung aus dem Schuldienst aus politischen Gründen (Sept. 1931-5. Sept. 1933); Pfarrverweser bzw. Pfarrer in Iptingen im Dienst der Landeskirche (Pfarrverweser Okt. 1933 -29. März 1933, dann Pfarrer), im Dienst der Gemeinde bis 29. Nov. 1943; Konflikte mit der Kirchenleitung insbes. wegen der Stellung zur Bekennenden Kirche; Austritt aus der Landeskirche kurz vor Weihnachten 1943; Nov. 1948 Aussöhnung mit Landesbischof Theophil Wurm, Wiedereinsetzung in seine Rechte als Prediger; Lehrer für evangelische Religion, Philosophie und Deutsch am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (ab 1949); Verleihung des Theologischen Ehrendoktors durch die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn 1955; Berufung zum Prof. für praktische und systematische Theologie ebd. zum WS 1958/59; Tod am 4. Juni 1959 nach schwerem Leiden.

Familie: 1929 Eheschließung mit Erika Siepmann, Lehrerin aus Westfalen. 

2: Biographische Würdigung

Seine theologische Prägung verdankt der hochbegabte Paul Schmepp neben seinem altpietistischen Elternhaus vor allem Karl Barth. Seine eigenen Interessen galten Martin Luther, dessen Theologie er für die theologische Existenz und den Beruf des Pfarrers für seine Zeit fruchtbar zu machen suchte. Strenge Bibelorientierung mit kritischer Wissenschaft zusammenzudenken war für Paul Schempp entscheidend bedeutsam: „Der Hörer soll nicht der Person oder dem Geiste des Pfarrers glauben, sondern seinem Wort, aber auch dies nicht, ohne es an der Schrift zu prüfen, und der Pfarrer soll sich auf Gottes Befehl und Wort berufen können, auch und gerade da, wo der eigene Glaube fehlt oder schwach ist“(1). Schempp engagierte sich seit 1929 in den entstehenden Kirchlich-Theologischen Arbeitsgemeinschaften, deren Lenkungskreis er angehörte, und bei der Überarbeitung der agendarischen Kirchengebete. Das kritische Wort württembergischer Pfarrer zur Gleichschaltung vom April 1933 wurde von ihm mit verfasst.

An seiner frühen und grundsätzlichen Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Staat und den Deutschen Christen kann kein Zweifel  bestehen. Im Lehrerkollegium seiner damaligen Schule war dies bekannt, spätestens, seit er eine heftige Diskussion mit den Worten beendet hatte: „Jetzt gehe ich zu meinen künftigen Kriegswitwen!“(2) Wilhelm Rehm, eine Schlüsselfigur der Deutschen Christen in Württemberg, griff in wegen seiner Haltung in einem Zeitungsartikel scharf an und evozierte damit die Intervention der Schulbehörde, die Schempp zur schriftlichen Stellungnahme aufgeforderte. Schempp bekannte offen, dass die Kirche das Evangelium nicht im Geiste des Dritten Reiches zu verkünden habe, „sondern im Geiste Gottes, und wer Nationalsozialismus und Christentum einfach gleichsetzt, deshalb weil der Nationalsozialismus eine religiöse Bewegung sei oder ist, der … verwechselt Religiosität und christlichem Glauben. Ein Christ wird gerade jetzt für die Freiheit dieser Verkündigung mit Ernst eintreten, damit nicht aus dem Evangelium für Gottes Reich unter der Hand ein solches vom dritten Reich wird“(3).

Am 5. September 1933 aus dem Schuldienst entlassen, „weil diese Worte in einem für die nationalsozialistische Bewegung verletzenden Sinn“(4) zu verstehen seien, übernahm Schempp im Oktober die Pfarrstelle in Iptingen, einer 600 Seelengemeinde im Dekanat Vaihingen (heute Mühlacker). Neben seiner Tätigkeit als Ortspfarrer engagierte er sich stark in den theologischen Debatten seiner Zeit: als Publizist – Schempp war Mitinitiator der Blätter zur kirchlichen Lage (die im April 1934 in der theologischen Zeitschrift der Bekennenden Kirche Evangelische Theologie aufgingen) –, als Mitglied der seit 1935 als Theologischen Sozietät firmierenden Theologengruppe, und als Teilnehmer der Bekenntnissynoden von Barmen (30./31. Mai 1934) und Berlin-Dahlem (20. Okt. 1934).

Dass die Kirchenleitung unter Landesbischof Theophil Wurm die Beschlüsse der beiden Bekenntnissynoden nicht den Gemeinden bekanntgab, führte zu einem ersten heftigen Zusammenstoß zwischen Schempp und seinem Landesbischof. Schmepps Drängen, die Auseinandersetzung mit den DC in die Gemeinden zu tragen und dort allein mit den Mitteln des Wortes auszufechten, wies Wurm als „töricht und anmaßend“ zurück; dass er die theologische Kompetenz eines Paul Schempp gleichwohl zu schätzen wusste, zeigt sich daran, dass er ihm im Juni 1935 die Aufgabe übertrug, die Rechtmäßigkeit der von den DC beherrschten Kirchenverwaltungen zu widerlegen – eine Aufgabe, die Schmepp virtuos meisterte.

In dem Maße, wie die württembergische Kirchenleitung eigene Wege jenseits der Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche einschlug, wuchsen die Spannungen zwischen ihr und jenen Gruppierungen innerhalb der württembergischen Pfarrerschaft, die sich an der Bekennenden Kirche orientierten, der Bekenntnisgemeinschaft in Württemberg und insbesondere der Theologischen Sozietät. Als sich der Lutherische Rat Ende Juli 1936 öffentlich von der Denkschrift der Zweiten Vorläufigen Kirchenleitung distanzierte und der Oberkirchenrat in Stuttgart ihre Verlesung im Gottesdienst untersagte, hielt Schmepp die Zeit gekommen, mit der württembergischen Kirchenleitung grundsätzlich ins Gericht zu gehen: Er könne, so der Vorwurf an den württembergischen Landesbischof im Brief vom 8. Sept. „den Verdacht nicht unausgesprochen lassen, daß es dem Oberkirchenrat im ganzen Kirchenkampf wesentlich um seine eigene Freiheit umd um seine Sorge für gesetzliche Ordnungen“ gegangen sei. „Wie sollte man sich sonst die Wendigkeit erklären, mit der man zwischen Bekennender Kirche und Staat ständig laviert ist“(5).

Der nun rasch eskalierende Konflikt, in dem Schempp dem Oberkirchenrat die geistliche Leitung der Kirche absprach, kulminierte 1938, als Theophil Wurm den Treueid auf Hitler als probates Mittel, um mit dem NS-Staat zu einem modus vivendi zu kommen, von den Geistlichen seiner Landeskirche einforderte. Gegen diesen „frivolen“ Willkürakt der Kirchenleitung verwahrte sich Paul Schempp mit 50 weiteren Angehörigen der Sozietät – öffentlich, vor der Gemeinde, wie auch nicht öffentlich in Schreiben an Dekan und Landesbischof. Unüberbrückbar wurde die Kluft weniger aufgrund weiterer inhaltlicher Differenzen – z.B. der Bußliturgie vom 30. Sept. 1938, dem Verhalten des Oberkirchenrats in den Fällen Otto Mörike und Julius von Jan – denn aufgrund der unversöhnlichen Hartnäckigkeit Paul Schempps. Denn dieser ließ nichts unversucht (und sei es aufgrund gezielter Provokationen), um den Oberkirchenrat zu zwingen, zu den an ihn herangetragenen kritischen Bemerkungen und Fragen vor Pfarrerschaft und Gemeinden Stellung zu beziehen. Als am 2. September 1939 das Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet wurde, mochte er sich am Ziel wähnen. De facto kam es jedoch nicht zur erhofften Auseinandersetzung in der Sache, sondern zur Amtsenthebung, weil Schempp die kirchliche Ordnung missachtet, seine vorgesetzten Dienststellen und ihre Träger beleidigt und in der Öffentlichkeit herabgesetzt sowie ihnen trotz Verpflichtung im Ordinationsgelübde den Gehorsam verweigert habe (Urteil vom 29. März).

Weil sich die Gemeinde in Iptingen aber mit ihrem Pfarrer solidarisch erklärte, wurde die gerichtlich festgestellte Entfernung aus dem Amt praktisch nicht vollzogen. Über Jahre vom Oberkirchenrat toleriert, führten beiderseitige Übergriffe auf den bisherigen status quo 1943 zum definitiven Bruch. Am 29. November 1943 legte Schempp in einem Schreiben an Wurm sein Pfarramt in Iptingen nieder und erklärte kurz vor Weihnachten seinen definitiven Austritt aus der Landeskirche.

Nach dem Krieg bestanden die alten Fronten zunächst fort. Zusammen mit Hermann Diem veröffentlichte Paul Schempp im Febr. 1946 eine Broschüre mit dem bezeichnenden Titel Restauration oder Neuanfang in der Kirche? In ihr präsentierten die beiden Sozietätler den Entwurf einer neuen Kirchenordnung, um aus den Lehren der Vergangenheit die richtigen Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Dazu gehörte auch, das Versagen auch der Bekennenden Kirche im Unrechtsstaat des Dritten Reiches deutlich zu benennen – weit deutlicher, als dies ursprünglich von der Evangelischen Kirche Deutschlands beabsichtigt und im Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Okt. 1945 schließlich erfolgt war.

Paul Schempp persönlich brachten die Jahre nach dem Krieg von Erfolg und Anerkennung. Nach Kriegsende zum Prediger der Reformierten Gemeinde in Stuttgart berufen, warb er als Leiter der Kirchlich-Theologischen Arbeitsgemeinschaft für Deutschland unermüdlich für das Anliegen der Bekennenden Kirche. Theologisch ungeheuer produktiv, war er als Redner und Publizist ein vielgefragter Mann. Im November 1948 kam es, vermittelt durch Hermann Diem, zur Aussöhnung mit Landesbischof Theophil Wurm. Schempp erhielt seine Rechte als Prediger des Evangeliums zurück und wurde am Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart erneut als Lehrer für die Fächer evangelische Religionslehre, Philosophie und Deutsch tätig. 1955 von der Theologischen Fakultät der Universität Bonn mit der Verleihung der theologischen Doktorwürde geehrt, nahm er ein Jahr später einen Ruf an die Bonner Universität als Professor für praktische und systematische Theologie an. Eine akademische Wirksamkeit blieb ihm jedoch durch seinen frühen Tod verwehrt.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Scheurlen, Paul

Von: Kienzle, Claudius

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Heinrich S. (1842-1921), Landgerichtskopist in Tübingen). M Friedericke, geb. Weber (1844-1920). G 8 (4 starben im Kleinkindalter. Namen der anderen: Christian Paul, Friedericke, Rosa Henriette Walpurga, Thekla Johanna Mina) °° Barbara Margarethe, geb. Gierich (1893-1983) K Eine Tochter, ein Sohn.

2: Biographische Würdigung

Der am 25.09.1877 in Königsbronn (OA Heidenheim) geborene S. besuchte in Tübingen die Elementarschule sowie die unteren und mittleren Gymnasialklassen, bevor er nach bestandenem Landexamen 1891 ins Seminar Maulbronn eintrat, wo er sich mit Hermann Hesse befreundete. Im Seminar Blaubeuren legte er 1895 die Konkursprüfung ab, die ihm im selben Jahr die Aufnahme des Theologiestudiums in Tübingen ermöglichte. Dort studierte er zunächst von seinem pietistischen Elternhaus im Heimatort Lustnau aus. Wenig später erhielt er einen Stipendienplatz im Evangelischen Stift. S. hörte vor allem beim Alttestamentler und Orientalisten Julius Grill (1840-1930), einem Vertreter der Religionsgeschichtlichen Schule, sowie bei dem Praktologen Johannes Gottschick (1847-1907) und dem Systematiker Theodor Haering (1848-1928), beide Ritschlianer.

Nach seiner Ordination in der Tübinger Stiftskirche durch Dekan Karl August Elsässer, entschloss sich S. zunächst vom Eintritt in den Pfarrdienst abzusehen und eine Hauslehrerstelle in Tempelberg bei Berlin anzunehmen. Die Arbeit an einer philosophischen Dissertation bei Erich Schmidt brach er ein Jahr später ab und ging nach Genua, wo er die Söhne des deutschen Generalkonsuls unterrichtete. Dort vertrat er gelegentlich den Gesandtschaftsprediger, dessen Nachfolger er zunächst werden sollte. Nach einem Todesfall in der Familie und aus gesundheitlichen Gründen kehrte er jedoch 1902 nach Württemberg zurück, wo er Vikar in Tailfingen (Dekanat Balingen) wurde.

Erst 1907 bekam er die dortige zweite Pfarrstelle übertragen. Bereits während seiner Vikarzeit publizierte S. im Bereich der Jugendliteratur. In den Folgejahren verfasste er für die Evangelische Gesellschaft Stuttgart Flugblätter über die in Württemberg verbreiteten religiösen Gemeinschaften und Bewegungen, die er 1912 in einem in der zeitgenössischen Terminologie so benannten „Sektenbüchlein“ zusammenfasste. Weitere Publikationen zu heimatkundlichen, religiösen und pädagogischen Themen folgten. Vergleichsweise früh gab er ein örtliches Evangelisches Gemeindeblatt heraus. Als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitervereins war er zudem um die Abgrenzung zur Sozialdemokratie und die gleichzeitige Integration von Fabrikarbeitern bemüht.

S. heiratete 1915 Margarethe Gierich, mit der er zwei Kinder hatte. Nach etlichen vergeblichen Bewerbungen um besser dotierte und prominentere Stelle erhielt er 1918 zunächst die geschäftsführende Pfarrstelle in Tailfingen und wurde 1922 zum Dekan von Biberach ernannt. Dort setzte er mit der Herausgabe des Evangelischen Diasporaboten seine publizistische Tätigkeit fort. Er nahm 1925 als Korrespondent für kirchliche Presseorgane an internationalen und interkonfessionellen Kirchenkonferenzen in Skandinavien teil.

In den Auseinandersetzungen zwischen der württembergischen Kirchenleitung um Landesbischof Theophil Wurm und der Reichskirche im Herbst 1934 stellte sich S. zunächst positiv zu den reichskirchlichen Einigungsversuchen und distanzierte sich von Wurms Widerständigkeit. Nicht zuletzt um in dem katholischen Umfeld seines Diasporabezirks den Eindruck innerprotestantischer Uneinigkeit zu vermeiden, akzeptierte der weltanschaulich konservative Theologe als einer der wenigen württembergischen Dekane die deutschchristliche kommissarische Landeskirchenregierung. 

Nach der Behauptung der organisatorischen Selbständigkeit der württembergischen Landeskirche solidarisierte sich S. auf Druck der Kirchenleitung mit Wurm und verfolgte eine Strategie der „Befriedung“. Mit diesem Begriff umschrieb S. die Praxis, Veranstaltungen der aktiven Biberacher Gruppe der „Deutschen Christen“ in kirchlichen Räumen zu verbieten und gleichzeitig bekenntniskirchliche Kundgebungen zu dulden, ohne sich selbst kirchenpolitisch zu exponieren. Diese Haltung brachte ihn mehrfach in Konflikt mit nationalsozialistischen Stellen. Im September 1934 und Juni 1938 erbrachte S. die geforderten Eidesleistungen auf Adolf Hitler. In den 1930er Jahren veröffentliche er volkstümliche Lebensbilder von deutschen Protestanten, die seiner Ansicht nach Vorbildcharakter haben sollten.

Obwohl seine Gesundheit während der Kriegszeit zunehmend abnahm, konnte er im Januar 1947 sein 25jähriges Dienstjubiläum als Dekan feiern und trat im selben Jahr 70jährig nur zögerlich in den Ruhestand. S. verunglückte wenige Monate später am 13. Dezember 1947 auf einer Autofahrt, die er für das Evangelische Hilfswerk unternahm, tödlich.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Schmid, Eugen

Von: Butz, Andreas

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Karl S. (19.4.1828-7.1900), Rechnungsrat. M Pauline Katharine, geb. Litzenmayer (*22.11.1841). G Paul Ernst (1.11.1868-16.3.1869), Otto (*23.2.1870), Mathilde (*31.5.1871), Emil (*10.3.1873), Martha Luise (*11.11.1875), Karl Hermann (17.10.1876).  ∞ 24.4.1897 Cécile, geb. Hafner (1.4.1871-19.7.1955), Tochter des Bundesrichters Heinrich Hafner. K Otto (* 28.2.1899), Irene (*3.6.1901), Eugenie (*8.12.1903).

2: Biographische Würdigung

Eugen Schmid (1880-1960), um 1902

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 4210. Fotograf: C. Stichaner, Ulm

S. wurde am 18. Oktober 1867 als erstes von insgesamt sechs Kindern in Friedrichstal bei Baiersbronn im Schwarzwald geboren. Sein Vater war in der Verwaltung des dortigen Hüttenwerks beschäftigt, von wo er 1878 in das Werk zu Wasseralfingen versetzt wurde. Auch wurde ihm dann noch der Titel eines Rechnungsrats verliehen. Für S. bedeutete das den ersten Wohnortwechsel, sowie den Wechsel von der Baiersbronner Realschule auf die Lateinschule in Aalen. Nachdem er das Landexamen bestanden hatte besuchte er die niederen theologischen Seminare in Maulbronn und Blaubeuren. Er war nun zum Studium der Theologie und dem Beruf des Pfarrers bestimmt. Nach bestandener Konkursprüfung erhielt S. die staatliche Erlaubnis zum Studium der Theologie im Tübinger Stift. Dort leistete er von Herbst 1885 bis 1886 zunächst seinen militärischen Dienst als Einjährig-Freiwilliger und konnte sich dann seinen Studien widmen. Nach Abschluss seiner universitären Ausbildung wirkte er im unständigen Dienst als Vikar und als Pfarrverweser in Plattenhardt, Göttingen bei Ulm, Cannstatt, Weingarten, Essingen und in Friedrichshafen. Ihm wurde ein Staatsbeitrag für eine wissenschaftliche Reise gewährt, die ihn im Wintersemester 1892/1893 nach Berlin führte. Das Ziel dieser Reise war es vor allem, an Lehrveranstaltungen bei den damals bedeutenden Theologen Harnack und Kaftan teilzunehmen. 1896 promovierte er in Tübingen zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den württembergischen Philosophen Johann Christoph Schwab. Im Jahr darauf, als durch seine erste ständige Anstellung die äußeren Verhältnisse gesichert waren, verehelichte er sich mit seiner Frau, die aus Lausanne in der französischen Schweiz stammte. Nach Pfarrdiensten auf den zweiten Pfarrstellen in Brackenheim und in Heidenheim, wo er auch Bezirksschulinspektor war, erfolgte im Jahr 1908 seine Ernennung zum Dekan von Herrenberg. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1934 wirkte er auf dieser verantwortungsvollen Stelle. Allerdings versah er dort seinen Dienst auch noch über seine Versetzung in den Ruhestand hinaus bis Januar 1935 weiter. Seine letzten Jahre verbrachte er in seinem Haus in Vaihingen auf dem Fildern. Auch hier war er noch tätig, etwa als Aushilfslehrer an der dortigen Oberschule, sowie durch weitere schriftstellerische Arbeiten.

S., dessen Interesse zunächst eher der Philosophie galt, beschäftigte sich spätestens ab 1899 mit Fragen der württembergischen Schulgeschichte. Dieses Thema sollte sich zum Schwerpunkt seines Forschungsinteresses entwickeln und seine diesbezüglichen Arbeiten sind nach wie vor von Bedeutung. Seine ersten Aufsätze zu diesen Fragestellungen erschienen im Jahr 1900. Umfangreichere Veröffentlichungen folgten. Das erste größere Werk behandelte die Geschichte des Religionsunterrichts in der evangelischen Volksschule Württembergs im neunzehnten Jahrhundert. Nur zwei Jahre später erschien bereits der erste von zwei Bänden, die das württembergische Volksschulwesen umfassend darstellen sollten, und die von der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte herausgegeben wurden. Dieser Band schildert in großem Bogen die Entwicklung des Schulwesens in Altwürttemberg, ausgehend von seinen Anfängen im Mittelalter, über seine Beförderung im Reformationszeitalter bis hin zum Ende des alten Reiches 1806. In dem umfangreichen und detaillierten Folgeband stellte er die weitere historische und rechtliche Entwicklung bis 1910 dar, sowie auch die Einrichtung der verschiedenen nun entstehenden Lehrerseminare. Diese Arbeiten gelten heute noch als die „klassischen“ Werke zur Geschichte des deutschen Schulwesens in Altwürttemberg, und S. als ein ausgezeichneter Kenner der Quellenlage zu diesem speziellen Thema, auch wenn die Werke – trotz der offensichtlich umfassenden Arbeit an den Quellen - nicht allen wissenschaftlichen Standards genügen. Bereits 1936, ein Jahr nach seinem Umzug nach Vaihingen auf den Fildern, wo er seinen Ruhestand verbrachte, erschien die Ortsgeschichte Vaihingens aus seiner Feder. Als Motiv für die Arbeit an diesem lokalgeschichtlichen Werk, das nach wie vor die maßgebliche Veröffentlichung zur Geschichte dieses heutigen Stuttgarter Ortsteils ist, nannte er den Wunsch, so mit seinem neuen Wohnort bekannt und in ihm heimisch zu werden. Am 18. April 1949 verstarb er in Stuttgart-Vaihingen.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Schneller, Magdalena

Von: Eisler, Jakob


Magdalena Schneller

Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Jugend und Hochzeit

In Bezgenrieth wird am Neujahrstag 1821 dem Bäcker Joseph Böhringer und seiner Ehefrau Christina, geb. Schmid aus Heiningen eine Tochter Magdalena geboren. Das Ehepaar hatte noch zwei weitere Töchter. Im Jahr 1831 zieht die Familie nach Eschenbach und Joseph Böhringer übernimmt das Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit zum „Schwarzen Adler“.  Das Elternhaus ist sehr religiös und hier werden Magdalena die ersten christlichen Eindrücke vermittelt. Durch gute Lehrer, die auf sie eingingen und durch den Konfirmandenunterricht wurde sie selbstsicherer. Sie beendet die Volksschule in Eschenbach und soll einen Beruf ergreifen. Zuerst zieht sie aber für zwei Jahre zum Ortspfarrer Johann Christian Engel (1798-1877) und lebt dort als Hausgenossin. Sie wird wie eine eigene Tochter gehalten und geliebt und lernt einen Pfarrershaushalt kennen. Sie bekommt neue Anregungen und wird in die Literatur eingeführt. In vielen Gesprächen mit Pfarrer Engel und dessen Frau werden ihre religiös-schwärmerischen Gedanken gemäßigt. Gleichzeitig lässt ihr Tagebuch erkennen, welche Fragen sie in geistiger und geistlicher Hinsicht bewegen. Im Alter von 23 Jahren entwickelt sich bei ihr der Wunsch in der Mission zu arbeiten. Für ihre Eltern ist diese Idee genauso phantastisch wie die Ablehnung verschiedener Heiratsanträge, da sie ja eine gute Partie ist.-

Im nahen Dorf Ganslosen (heute Auendorf) arbeitet der beliebte Lehrer Johann Ludwig Schneller (1820-1896) und hält dort „Stunden“. Magdalena besucht mit anderen aus Eschenbach diese Vorträge und nutzt die Gelegenheit, Herrn Schneller auch zu ihren Heiratsanträgen zu befragen. Bei einigen rät er ihr sogar zu. Aber sie will noch nicht heiraten. In den „Stunden“ bekommt sie auch neue geistliche Anregungen und Hilfen. Sie arbeitet privat als Krankenpflegerin in verschiedenen Orten, dann als Aufseherin in der Göppinger „Rettungsanstalt“ und später als Aufseherin in Wilhelmsdorf bei Ravensburg, einer Anstalt für entlassene weibliche Gefangene.

Der Lehrer Schneller arbeitet inzwischen als Leiter einer Anstalt für entlassene jugendliche Gefangene in Vaihingen/Enz. Magdalena bleibt im Briefverkehr mit ihm und lässt sich in ihrem Glaubensleben von ihm beraten. Bei einem Besuch 1847 in ihrem Elternhaus vor seiner Abreise in die Schweiz als Leiter der Missionsschule St. Chrischona schreibt er in ihr Stammbuch die prophetischen Worte „Wir sollen in Jerusalem Bürger werden“. Ende 1853 verloben sie sich und werden am 8. August 1854 in Eschenbach von Pfarrer Engel getraut. Ein verheirateter Bruder ist für Christian Friedrich Spittler (1782-1867), dem Gründer von St. Chrischona, aber nicht akzeptabel. Deshalb bekommt Schneller von Spittler den Auftrag, das Brüderhaus der Pilgermission in Jerusalem zu leiten.

 Reise nach Jerusalem

Am 2. Oktober fährt Schneller mit Magdalena und 6 anderen Handwerkermissionaren auf einem Segelschiff von Marseille nach Jaffa. Die dramatische Überfahrt ist in dem Reisetagebuch Schnellers und dem Büchlein „Nach Jerusalem müssen wir fahren“ beschrieben. Am 25. November wird die Gruppe endlich in Jaffa ausgebootet und zieht am 29. November von der evangelischen Gemeinde herzlich empfangen in Jerusalem ein. Im Brüderhaus herrscht eine reine Männerwirtschaft. Magdalena versucht mit schwäbischer Gründlichkeit erst einmal das Haus in Ordnung zu bringen. Im Mai 1855 erfolgt die dramatische Totgeburt ihres 1. Kindes. Ein Jahr später erlebt sie eine völlig normale Geburt ihres Sohnes Theodor. Magdalenas Schwester, Christine Mühlhäuser aus Eschenbach, war die Taufpatin aus der Ferne. Weitere Kinder des Ehepaares Schneller waren Ludwig, Maria, Benoni und Johannes.-

Die Idee mit dem Brüderhaus in Jerusalem scheitert. Mit dem Erbteil von Magdalena beginnt das Ehepaar weit außerhalb von Jerusalem einen Hausbau und wohnt während dieser Zeit in Laubhütten. Sie werden mehrmals von Arabern überfallen und ausgeraubt. Eine Laubhütte brennt beim Kochen ab. Aber sie werden in allem bewahrt. Nach der Sicherung durch Polizeiposten können sie endlich doch in ihr eigenes Haus einziehen.

Leben und Wirken im Syrischen Waisenhaus

Magdalena kann jetzt in der Mission arbeiten und hat mit ihren eigenen ein Haus voller Kinder  und wird von allen voll Verehrung „Mama Schneller“ genannt. In der Leitung der wachsenden Anstalt unterstützt sie ihren Mann und ist gleichzeitig für die Führung des bald auf 40 Kinder angewachsenen Haushalts verantwortlich. Täglich drei Mahlzeiten, Kleidung waschen und flicken, Kinder trösten und erziehen. Sie trägt die ganze Last der Anstaltsleitung während einer monatelangen Krankheit Schnellers. Es werden immer mehr Waisenkinder aufgenommen. Ihre eigenen Kinder muss sie bald zur Schul- und Studienausbildung nach Deutschland abgeben und sieht sie erst viele Jahre später wieder. Auch als ihre Tochter Maria von einer Töchterschule in Göppingen zurück und andere Helferinnen dazu kommen, liegt die Verantwortung der Leitung des großen Haushalts weiter bei ihr.

Im 57. Lebensjahr stürzt sie auf dem Weg zur Kirche nach Jerusalem von ihrem Esel und erleidet einen Schenkelbruch, der nur langsam verheilt und ihr eine lebenslange Gehbehinderung einbringt. Von da an ist sie auf einen Stock und eine sitzende Lebensweise angewiesen. Ihrem arbeitsfreudigen Leben werden dadurch Zügel angelegt. Aber im Sitzen kann sie noch gepresste Blumen aus dem „Heiligen Land“ auf Karten kleben und verkauft diese an Touristen und Freunde des Syrischen Waisenhauses. Vom Erlös dieser Arbeit spendet sie sogar zwei Glocken für die Waisenhaus-Kirche. Weiterhin führt sie einen regen Schriftverkehr mit den Freunden und Spendern des Syrischen Waisenhauses sowie ehemaligen Mitarbeiterinnen.

 Lebensende

Magdalena Schneller erlebt den Ausbau des Syrischen Waisenhauses und das Wachsen der Familie mit Enkelkindern. Das zunehmende Alter macht sich jedoch bei ihr bemerkbar. Im Herbst 1896 stirbt Johann Ludwig Schneller nach kurzer Krankheit. Der Tod ihres geliebten Mannes macht sie einsam und sie erlebt das Witwenleid trotz aller Fürsorge und Liebe ihrer Kinder. Beim Besuch des deutschen Kaiserpaares 1898 in Jerusalem wird ihr von der Kaiserin Auguste Victoria das „Frauen-Verdienstkreuz am weißen Band“ für ihre große Lebensarbeit verliehen. Dann folgt ein schwerer Schicksalsschlag. Ihr jüngster Sohn, Dr. jur. Johannes Schneller (1865-1901), Vizekonsul in Kairo, stirbt plötzlich. Sie ist darüber untröstlich.

Ihre Schwäche wird größer und im Beisein ihres Sohnes Theodor und ihrer Tochter Maria schläft sie am 25. Mai 1902 still ein. Zwei Tage später wird sie auf dem Zionsbergfriedhof neben ihrem Mann begraben.

Aktualisiert am: 16.08.2016

Schoell, Jakob

Von: Lächele, Rainer

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biografische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Johannes Schoell, Bauer in Boehringen

∞ 1894 Emilie, geb. Hagenmayer (1867-?)

K Otto, Gerhard (*1899), Hedwig (*1902), Anna Luise (*1909)

2: Biografische Würdigung

Jakob Schoell (1866-1950)

Landeskirchliches Archiv, Bildersammlung, U1, Nr. 92 (Nr. 561)

Schoell wurde am 11. September 1866 in Böhringen auf der Schwäbischen Alb geboren. Von 1884 bis 1888 studierte er in tübingen als Stiftsangehöriger evangelische Theologie. 1889 erwarb er den Titel eines Dr. phil. 1888 war er als Vikar und Pfarrverweser in Walddorf tätig. 1890 bis 1892 übernahm er eine Vertretung am Gymnasium in Ulm. Im Spätsommer 1892 unternahm Schoell eine wissenschaftliche Reise nach Italien. Sie war gewissermaßen der Lohn für seine vorzüglichen Examina.

1905 wurde Schoell zum ersten Vorsitzenden des Landesverbandes der Evangelischen Arbeitervereine gewählt. Seit 1906 vertrat er Göppingen in der 7. Landessynode.

Seit 1918 wirkte Schoell als Prälat des Sprengels Reutlingen und wurde somit auch Mitglied der Kirchenleitung. Im Oberkirchenrat war Schoell zuständig für die Bereiche Schule und Religionsunterricht. Der Vertreter der liberalen, volkskirchlichen Richtung betätigte sich als aktives Mitglied der Freien Volkskirchlichen Vereinigung. Schoells Tätigkeit beschränkte sich jedoch keineswegs auf die Kirchenverwaltung. Er war vielmehr ein Mann der Öffentlichkeit, der gut schrieb und nicht zuletzt auch viel gelesen wurde. Die hohen Auflagen seiner zumeist knappen Bände sprechen für sich.

Als Beispiel dafür kann seine schmale Christenlehre stehen, die 1934 erschien und als „Unterweisung für Erwachsene“ verstanden wurde. Schoell wollte hier das Wesentliche des christlichen Glaubens formulieren, ohne jedoch dogmatisch zu reden. Der damaligen herrschenden Ideologie des Nationalsozialismus mussten Sätze wie „Kirche ist eine Gemeinschaft besonderer Art“ als Angriff auf das Ideal der „Volksgemeinschaft“ besonders anstößig erscheinen.

Gerade nach 1918 versuchte er mit Bänden wie „Vaterlandsliebe und Christentum?“, „Was ist's mit dem Eigentum?“ oder „Ist mit dem Tode alles aus?“ Antworten auf die allgegenwärtigen Sinnfragen nach dem verlorenen Krieg zu geben.

Eine wesentliche Rolle spielte Schoell auch im Evangelischen Volksbund für Württemberg, dem mitgliederstärksten protestantischen Verband Württembergs nach dem Ersten Weltkrieg. Schoell leitete 1919 den Gründungsausschuss des Evangelischen Volksbundes und bekleidete seit 1919 die Position des zweiten Vorsitzenden. 1923 bestand der Volksbund aus 750 Ortsgruppen und  225.000 Mitgliedern, und hatte somit 20 Prozent der erwachsenen evangelischen Bevölkerung Württembergs hinter sich.

Seine vielfachen Pflichten im Deutschen Kirchentag und im Deutschen Evangelischen Kirchenausschuss machten ihn weit über Württemberg hinaus bekannt. Der Ökumeniker Schoell unterhielt schließlich weltweite Kontakte als Teilnehmer an Weltkirchenkonferenzen und als Mitglied im Ökumenischen Rat. 1924 und 1929 trat Schoell bei den Wahlen zum Amt des Kirchenpräsidenten an. 1929 unterlag er dem späteren Landesbischof Theophil Wurm nach einem spannenden Abstimmungsduell.

Schoell verließ Ende 1933 des Oberkirchenrat und trat in den Ruhestand. Der 67-jährige Prälat hatte schon früh Skepsis an den Reichskirchenplänen der Deutschen Christen geäußert und öffentlich die durch den Nationalsozialismus beförderte Hinwendung kirchenfremder Menschen zur evangelischen Kirche bezweifelt. Obwohl er sofort ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst beantragte, wurde Schoell zum Bauernopfer, das die evangelische Kirchenleitung den dominierenden Deutschen Christen gegenüber brachte – als Beitrag zur „Verjüngung der Kirchenleitung“. Zwischen 1936 und 1940 übernahm Schoell zahlreiche Stellenvertretungen  an Stuttgarter Kirchengemeinden. Nach der Zerstörung seines Stuttgarter Hauses 1943 lebte Schoell bis zu seinem Tod am 2. Mai 1950 in seinem Geburtsort Böhringen. Im Rückblick wurde Schoells „nüchterner, schwäbischer Wirklichkeitssinn“ wie auch seine absolute Wahrhaftigkeit hervorgehoben

Aktualisiert am: 28.11.2016

Schumacher, Gottlieb Samuel

Von: Eisler, Jakob

Gottlieb Samuel Schumacher, Architekt, Kartograf und Archäologe

Gottlieb Schumacher

Archiv der Tempelgesellschaft

* 21.11.1857 Zanesville/Ohio USA
+ 26.11.1925 Haifa/Palästina

Gottlieb Schumacher gilt als einer der bedeutendsten Palästina-Deutschen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er stammte ursprünglich aus einer in Tübingen alteingesessenen, einflussreichen Familie. Bis heute zählt er zu den bedeutendsten Palästina-Forschern und trug wesentlich zum Aufbau des Landes bei. Sein Vater Jacob Friedrich Schumacher wanderte im Revolutionsjahr 1848 in die USA aus. 1851 siedelte sich der Vater in Zanesville/Ohio an und heiratete drei Jahre später die Witwe Juliana Christina Dorn aus Wüstenrot/Württemberg, die eine Tochter, Maria, in die Ehe mitbrachte. Am 21. November 1857 wurde das einzige Kind dieser Ehe – Gottlieb Samuel – geboren.

In Zanesville hatte Jacob Schumacher sich einer Gemeinde angeschlossen, die seit 1855 mit Christoph Hoffmann (1815–1885), dem Sohn des Begründers Korntals, in brieflichem Kontakt stand. 1859 schloss er sich Hoffmanns Bewegung für eine ‚Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem’ – den Templern – an. Chr. Hoffmann wollte in Jerusalem den geistigen Tempel der Gesellschaft gründen, weswegen seine Anhänger zunächst auch „Jerusalemsfreunde“ genannt wurden.

Anfang der 1860er Jahren wurde der Plan gefasst, eine Templergemeinde in den USA zu gründen. Mit vier Jahren zog Gottlieb mit seinen Eltern in die Nähe von Buffalo im Staate New York wo sein Vater zum Vorsteher der neuen Templergemeinde in „Maresa“ ernannt wurde. Nach einigen Jahren verließen die Schumachers diese Siedlung wieder und zogen 1865 nach Buffalo, wo sie bis August 1869 lebten. Dort verbrachte Gottlieb seine ersten Schuljahre.

Zwischenzeitlich hatten die Tempelvorsteher Württembergs, Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg (1812–1879), mit der Auswanderung vom Kirschenhardthof nach Palästina begonnen.

1869 wurde mit dem Bau der württembergischen Kolonie Haifa begonnen. Die Tempelleitung am Kirschenhardthof bei Marbach bat die amerikanischen Templer, die beiden Familien Schumacher und Oldorf nach Palästina zu schicken. 12jährig kam Gottlieb Schumacher im Oktober 1869 in Haifa an.

Hier erlebte Gottlieb Schumacher die schweren Anfänge der Templer-Ansiedlung in Palästina. Zunächst besuchte er die arabische Schule in Haifa, wo er schnell arabisch lernte. In der deutschen Schule in Haifa schließlich erlernte er bei seinem Lehrer Traugott Frei (1846–1891) neben der englischen Muttersprache französisch und deutsch. Zudem unterstützte er seinen Vater bei Entwürfen für Bauten in Haifa, Nazareth und bei verschiedenen Bildhauerarbeiten. Von 1876 bis 1881 studierte er an der technischen Hochschule in Stuttgart Ingenieurwesen (Hoch- und Tiefbau) und Architektur. In Stuttgart besuchte er oft seinen Vetter Ministerialdirektor v. Dorn und konnte dadurch Kontakte zu den führenden Kreisen in Württemberg knüpfen. 1882 kehrte er ins elterliche Haus in Haifa zurück. Seine erste eigene Arbeit war die Planung einer neuen Friedhofsanlage für die deutsch-französische evangelische Gemeinde in Beirut. Darauf folgte die Vermessung der Strecke zwischen Haifa und Damaskus für die Bahnlinie einer Beiruter Gesellschaft, die jedoch erst Jahre später (1905) in ähnlicher Form von einer englischen Gesellschaft realisiert wurde.

 


Gottlieb Schumacher in seinem Arbeitszimmer

Aus dem Nachlass von Professor Dr. Alex Carmel, Haifa

Schumacher war mehrere Jahre Bezirksingenieur in Akko, der Hauptstadt von Nordpalästina, und war dort für den Brücken- und Straßenbau zuständig. In dieser Zeit wurden z.B. die Brücken am Kisonfluss gebaut, Karten von Haifa gezeichnet und weitere Vermessungsarbeiten durchgeführt. Schumachers Initiative ist es zu verdanken, dass der Name der Stadt Haifa, deren Schreibweise in lateinischen Buchstaben auf 17 verschiedene Arten vorkam ab 1886 nun die einheitliche Schreibweise 'Haifa' bekam. Er entwarf viele staatliche Bauten im Bezirk Akko und führte eine große Zahl von Baumaßnahmen entlang der Küste und in Galiläa durch. So plante er das Krankenhaus der schottischen Mission in Tiberias, den Komplex der Londoner Judenmissionsgesellschaft in Safed sowie das Regierungsgebäude (Serail) am selben Ort. Er übernahm die Bauleitung am russischen Hospiz in Nazareth. Für Haifa plante er ein neues Regierungsgebäude und eine Hafenanlage; beide wurden jedoch nicht gebaut. In Haifa selbst wurden lediglich die Verlängerung des russischen Landungsstegs (1890), der Landungssteg der Deutschen Kolonie (genannt Kaiserdamm, 1898) und seine Planung des Kaiserdenkmals am Karmelberg (1910) realisiert. Für die neu gegründeten jüdischen Kolonien plante er mit Unterstützung von Baron Edmond de Rothschild unter anderem die Weinkellereien in Sichron Jakob am Karmelberg und die Kellereien in Rischon le Zion bei Jaffa. Als die deutsche Himmelsfahrtkirche am Ölberg in Jerusalem gebaut werden sollte, übertrug man Gottlieb Schumacher die gesamte Bauaufsicht dieses größten Bauprojekts im Palästina der Osmanischen Zeit.

Besondere und größere Bedeutung erlangte er allerdings durch sein kartographisches Werk. Als im Jahre 1884 der Wiener Prof. Dr. Wilhelm Anton Neumann (1837–1919) den Golan und Ajlun bereiste, lernte er Schumacher kennen und schlug vor, dass Schumacher diese Region im Auftrag des „Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas“ kartographieren solle. Die Verhandlungen führten dazu, dass Schumacher und der von der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften unterstützte Dr. Friedrich Wilhelm Noetling (1857–1928) die topographische und kartographische Vermessung des Ostjordanlandes (heute Syrien und Jordanien) ab 1885 in Angriff nahmen. Die Vermessungen erstreckten sich vom Fuß des Berg Hermon bis an den Fluss Jabbok. Von Sommer 1894 bis 1902 reiste Schumacher alljährlich in das Ostjordanland, um Lücken in älteren Aufnahmen zu schließen und die Karten zu vervollständigen. Schumacher arbeitete auch für den „Englischen Verein zur Erforschung Palästinas“ (Palestine Exploration Fund). Viele seiner gedruckten Werke erschienen in London.


Gottlieb Schumacher bei der Ausgrabung von Meggido, am rechten Bildrand stehend

Familienarchiv von Familie Beilharz, Stuttgart

Schumacher entdeckte jüdische Grabhöhlen aus der Talmudischen Zeit in der Nähe von Haifa, dies sollte eine seiner ersten archäologischen Ausgrabungen werden. Die Ergebnisse zu diesem Fund veröffentlichte er in der „Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins“. 1903 bis 1905 hatte er die Leitung der Ausgrabungen in Tell el-Mutesellim (Megiddo) und arbeitete in Baalbeck mit Prof. Dr. Otto Puchstein (1856–1911) bei der Bestandsaufnahme zur Palastrestaurierung. 1908 arbeitete er für die Harward University bei Ausgrabungen in Samaria.

In Haifa war er Teilhaber der Export- und Importfirma Dück und Co. und der Zement und Ziegelfabrikation der Gebrüder Beilharz. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er Mitbegründer der Erdöl-Gesellschaft am Toten Meer. Bei Kriegsausbruch 1914 wurde Schumacher Chefingenieur der IV. kaiserlichen ottomanischen Armee und nach dem türkischen Rückzug gehörte er der 27. Vermessungsabteilung des deutschen Heeres an. Im Jahre 1918 zog er zu seinem Schwiegersohn Dr. Carl Lorch nach Schwäbisch Gmünd wo er mit der Fertigstellung der Karten des Ostjordanlandes für den Deutschen Palästina-Verein befasst war. Ende 1921 gingen alle Karten an einen Verlag in Leipzig und Mitte 1924 konnte der Druck vollendet werden.

Da Gottlieb Schumacher auf der schwarzen Liste der Engländer stand, wurde ihm – für ihn unbegreiflich - die Rückkehr nach Palästina zunächst verwehrt. Im Jahre 1922 erlitt er einen Schlaganfall. 1924 endlich erhielt er von der englischen Regierung die Genehmigung zur Wiedereinreise. Er starb ein Jahr später in seinem Sommerhaus am Karmelberg in Haifa.

An der Universität Haifa bemühte sich Prof. Dr. Alex Carmel (1931–2002), ein Institut zur Erforschung des christlichen Beitrages zum Aufbau des Landes zu gründen, das den Namen Gottlieb Schumacher trägt. Bundespräsident Dr. Richard von Weizäcker schrieb 1985 an Prof. Carmel darüber wie folgt:

„Schon aus landsmannschaftlicher Verbundenheit habe ich das segensreiche Wirken der württembergischen Templer von ihren Anfängen im vorigen Jahrhundert an mit großer Anteilnahme verfolg. Ich würde mich freuen…wenn durch Ihr eigenes persönliches Engagement es gelingen würde… einen Gottlieb-Schumacher-Lehrstuhl finanziell sicherzustellen.“… Im Jahre 1987 stiftete das Land Baden-Württemberg und der Autokonzern Daimler-Benz das nötige Geld für die Gründung des Gottlieb Schumacher-Instituts. Es wurde am 27. Oktober 1987 mit einem festlichen Akt an der Universität Haifa in Israel eingeweiht.

 

Aktualisiert am: 27.06.2016

Schumacher, Jakob

Von: Eisler, Jakob

Der Werdegang des Steinmetz Jacob Schumacher (1825–1891)

Jakob Schumacher

Archiv der Tempelgesellschaft

Von Tübingen über Buffalo (U.S.A.) nach Palästina

Jacob Friedrich Schumacher wurde am 16. April 1825 in Tübingen als zweiter Sohn von Carl Christoph Schumacher und seiner Frau Marie Magdalene, geb. Sinner, geboren. Einen Tag später wurde er in der Tübinger Stiftskirche von Pfarrer Johann Gottfried Pressel (1789–1848), dem späteren Tübinger Dekan, getauft.(1) Die Familie Schumacher war eine alteingesessene Steinmetz- und Maurerfamilie in Tübingen. In den örtlichen Kirchenbüchern finden sich bereits im 17. Jahrhundert erste Aufzeichnungen über sie.

Ab seinem achten Lebensjahr besuchte er die Latein-, später die Realschule in Tübingen. Am 5. Mai 1839 wurde Jacob Schumacher konfirmiert.(2) Nach seiner Konfirmation begann er bei seinem Vater in Tübingen eine Lehre als Steinmetz. Er arbeitete einige Zeit unter Anleitung seines Vaters, später als selbstständiger Bauführer am neuen Universitäts-Krankenhaus. Über weitere Bauten in Tübingen, die er sicherlich mit seinem Vater ausführte, fehlen leider sämtliche Informationen.

Als Bauführer zog er später nach Stuttgart und beaufsichtigte dort unter anderem die Errichtung der Villa der Familie Heinrich von Prieser (1797–1870) und war an verschiedenen anderen Bauten beteiligt.

Im Revolutionsjahr 1848 entschloss er sich mit seinen zwei Brüdern Jakob Christof und Carl Wilhelm zur Auswanderung nach Amerika, wohin ihm die Eltern ein Jahr später nachfolgten.(3) Durch Vermittlung von württembergischen Emigranten kam er nach Wheeling in West-Virginia und heiratete dort die aus Stuttgart stammende Wilhelmine Wörner. Sie war eine sehr fromme Frau und veranlasste Jacob Schumacher, sich mit Religionsfragen auseinanderzusetzen. Beide begnügten sich jetzt nicht mit dem sonntäglichen Kirchenbesuch, sondern suchten nach einer Gemeinschaft, in welcher das „Sehnen des Herzens Befriedigung fände“ – wie Schumacher es später bezeichnete.(4) Ohne aus ihrer Kirche auszutreten, besuchten sie einige Versammlungen der Methodisten und anderer religiöser Richtungen, fanden aber nirgends rechte Befriedigung. Wilhelmine starb nach kurzer, außerordentlich glücklicher aber kinderloser Ehe.(5)

Schumachers erste Arbeit in Wheeling war der Bau einer Brücke über den Ohio. 1851 siedelte er nach Zanesville/Ohio über und heiratete drei Jahre später die Witwe Julie Dietle geborene Dorn (1819–1888) aus Wüstenrot/Württemberg, die eine Tochter, Maria, in die Ehe mitbrachte. Im Jahre 1857 wurde der Sohn Gottlieb geboren.

Über die Anfänge Schumachers in den U.S.A. und seine Verbindung zu den Templern berichtet posthum der Nekrolog:

„In Zanesville gelang es ihm sehr bald, sich einen weiten Berufskreis zu eröffnen; mit großem Vertrauen wurde ihm die Leitung öffentlicher und privater Bauten übertragen, auch widmete er sich eingehend der Bildhauerei und verfertigte eine Anzahl schöner Kunstwerke in Marmor. Auch in religiöser Hinsicht entfaltete Schumacher bald eine Tätigkeit in Zanesville und sammelte ein kleines Häuflein um sich, mit dem er sonntäglich Erbauungsstunden hielt. Das von ihm gelesene Wochenblatt ‚Weltbote’ gab als Beiblatt ‚Die Zeichen der Zeit’ heraus. Dieses Blatt wurde auch von den Brüdern in Buffalo gelesen, und durch dasselbe wurde Schumacher mit den Buffaloer Brüdern bekannt. Letztere standen schon seit 1855 mit Christoph Hoffmann (1815–1885) in brieflichem Verkehr und lasen die ‚Süddeutsche Warte’ und andere Tempelschriften, die Schumacher nun auch kennen lernte. Er machte 1859 einen Besuch in Buffalo und schloss sich der Bewegung für eine ‚Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem’ an“.(6) Die Bewegung der Tempelgesellschaft entnahm ihre Glaubensgrundsätze dem im 17. Jahrhundert entstandenen Pietismus. Der Vorsteher Christoph Hoffmann wollte im Heiligen Land den geistigen Tempel der Gesellschaft gründen. Deshalb wurden die Templer zunächst „Jerusalemsfreunde“ genannt. Der Bewegung, die damals noch nicht außerhalb der Landeskirche stand, schlossen sich viele Tausend Württemberger an. Unter ihnen waren viele, die in dieser Zeit in den Kaukasus auswanderten.(7)

In Amerika wurde der Plan gefasst, eine Gemeinde von Templern in den USA zu gründen. In der Nähe von Buffalo wurde ein Stück Land erworben. Nachdem Jacob Schumacher sein Haus in Zanesville verkauft hatte, siedelte er im Februar 1860 nach Buffalo über. Die Besiedlung des gekauften Landes wurde begonnen, und Schumacher wurde zum Vorsteher der neuen „Maresa“ Gemeinde ernannt. Er plante die Siedlung, zeichnete die Grundrisse und sogar die Pläne der Wohnhäuser. In kurzer Zeit waren sechs Häuser in Cheektowaga außerhalb von Buffalo erbaut. Da am Anfang die finanziellen Mittel fehlten, entschloss man sich, für ein Jahr aus einer gemeinschaftlichen Kasse zu leben („gemeinsame Arbeit und gemeinsamer Tisch“).(8) Für den Lebensunterhalt wurden auch die ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen bebaut.(9)

Erst im März 1862 kaufte Jacob Schumacher ein Grundstück für seine Familie in der neuen Siedlung Maresa (Grundstück Nr. 58). Da er in den Besiedlungsjahren für die Gemeinde arbeitete, übernahm diese die Kosten für den Erwerb. Leider wuchs die Siedlung nicht wie geplant, so dass in Maresa insgesamt nur 40 Personen lebten. Nach einigen Jahren verließen auch die Schumachers die Siedlung und zogen 1865 wieder nach Buffalo, wo sie bis August 1869 wohnten.(10)

Zwischenzeitlich hatten die Tempelvorsteher Württembergs, Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg (1812–1879), eine Reise nach Palästina unternommen. Sie kamen am 30. Oktober 1868 in Haifa an und wollten dort „Vorposten und Empfangsstation“ für künftige Palästina-Einwanderer errichten.(11) Aus den Erfahrungen einer gescheiterten amerikanischen Kolonie in Jaffa und der misslungenen Versuche der Templer-Zöglinge in der Jesreel-Ebene hatte Hoffmann gelernt, dass eine strenge Auswahl unter den Einwanderungskandidaten vorgenommen werden musste. Er meinte, dass „es kein sichereres Mittel gäbe das angefangene Werk in diesem Lande zu Grunde zu richten, als wenn man den Armen die Reise hierher erleichterte, ohne zugleich für ihren Unterhalt hier sorgen zu können“.(12)

Hardegg und Hoffmann waren sich einig, dass Haifa der geeigneteste Platz für die Ansiedlung der Templer war. Einfach war die Entscheidung nicht, da Palästina damals ein Teil des osmanischen Reich war. Die Provinz war vernachlässigt und die heimischen Einwohner den Fremden gegenüber negativ eingestellt.(13)


Templerkolonie Haifa 1877, Zeichnung von Jakob Schumacher

Archiv der Tempelgesellschaft

Allen Widerständen zum Trotz wurde 1869 mit dem Bau der württembergischen Kolonie Haifa begonnen. Die Tempelleitung bat die amerikanischen Templer, die beiden Familien Schumacher und Oldorf nach Palästina zu schicken. So kam Schumacher im Oktober 1869 als einer der ersten Ansiedler nach Haifa.

Hier fand Schumacher sowohl in äußerer als auch in geistiger Hinsicht eine außergewöhnliche und spannende Tätigkeit. Er entwarf nach den Angaben Hardeggs den Plan für die Kolonie, machte die Pläne für die einzelnen Wohnhäuser, leitete oder überwachte wenigstens die einzelnen Bauten und Straßenanlagen, wie in der „Süddeutschen Warte“ berichtet wurde:

„Die Straße zwischen den Häusern ist zu einem beträchtlichen Teil fertig, die Plätze zwischen und hinter denselben sind zu Gärten verwandelt, deren jeder mit einer Steinmauer von ca. 4 Schuh Höhe umgeben ist. Im Westen der Kolonie an dieselbe anstoßend dehnt sich ein ebenes fruchtbares Ackerfeld aus …“(14)

Als Georg David Hardegg von den türkischen Behörden auch Teile des Karmelberges bekam, wurde Schumacher mit der Vermessung und Aufteilung dieses Areals beauftragt:

„Die Vermessung selbst, welche in zwei Tagen, gestern und heute, den 31. Januar 1871 und 1. Februar, vorgenommen wird, trägt so sehr den türkischen Charakter an sich, dass ich nicht umhin kann, dieselbe etwas zu schildern. Zwei arabische Geometer haben das Geschäft zu besorgen, Hr. Schumacher, Bruder Johann Wilhelm Gohl und Hr. David Hardegg sind von unserer Seite beigegeben … Hr. Schumacher zeigte den Türken nach dem Plan, den er aufgenommen hat, die Grenze des Stückes. Die Linie dieser Grenze wird nun von den türkischen Mathematikern mit ihrer Messschnur pünktlich gemessen …“(15)

In der Gemeinde musste Jacob Schumacher die Leitung der sonntäglichen Versammlungen übernehmen und auch sonst bei allen Fragen der inneren und äußeren Entwicklung der Kolonie mitberaten, soweit dies bei dem eigensinnigen Charakter Georg David Hardeggs möglich war.

Im Jahre 1872 wurde Jacob Schumacher das amerikanische Konsulat übertragen, was in der Kolonie für so wichtig erachtet wurde, dass ein Dankgottesdienst hierfür anberaumt wurde. Schumacher hat auch dieses Amt mit großer Treue und Sorgfalt verwaltet, obwohl die reiche amerikanische Republik den Dienst umsonst verlangte. Schumacher hoffte, dass von Seiten der in Haifa ansässigen amerikanischen Templerfamilien Investitionen fließen würden – aber ohne Erfolg.(16)

Hoffmann und Hardegg hatten verschiedene Ansichten bezüglich der Besiedlung Palästinas, was zu einem ernsthaften und langjährigen Streit zwischen den beiden Vorstehern der Templergemeinde in Palästina führte. Über das gespannte Verhältnis zwischen beiden Vorsteher wurde geschwiegen, da die Templerleitung sich Sorgen um die weitere Entwicklung des Siedlungsprozesses machte.(17)

Als durch die Spannung zwischen Hardegg und Hoffmann Haifa isoliert wurde, versuchte Schumacher zwischen Hardegg, der Tempelleitung und Hoffmann zu vermitteln. Dies scheiterte und Hardegg zog sich von seinen Ämtern in Haifa zurück. Schumacher wurde nun gebeten, als Vorsteher der Kolonie Haifa zu agieren, was er mit viel Gespür und Geschick bis zu seinem Tod auch tat.(18)

Jacob Schumacher plante und baute viele Bauwerke im Norden Palästinas; leider sind nur wenige Quellen erhalten geblieben. So plante und baute er z.B. mit anderen Templern das Mädchen-Waisenhaus der englischen Frauenmissionsgesellschaft in Nazareth. Darüber berichtet die „Süddeutsche Warte“:

„Miß Rose nahm den Plan, ein großes Waisenhaus zu bauen, ernstlich auf. Sie ließ den deutschen Architekten Hrn. Jacob Schumacher in Haifa den Plan machen, der in England gut geheißen und genehmigt wurde. Am 3. September 1872 kam Hr. Schumacher mit einigen Deutschen, um den Bau des Waisenhauses zu beginnen, der aber mehr Arbeit und Geld kostete als man am Anfang glaubte … Das Gebäude ist sehr stark und schön gebaut, eine Zierde für Nazareth … Am 19. November 1875 verließen die Deutschen den Bau, da er als fertig betrachtet werden konnte“.(19)

Jacob Schumacher versuchte, seinen Sohn Gottlieb für seinen Beruf zu begeistern, so wie es sein Vater auch bei ihm getan hatte. 1876 schickten die Schumachers ihren Sohn zum Studium des Architektur- und Ingenieurwesens nach Stuttgart. Um dessen Aufenthalt zu finanzieren, zeichnete Jacob Schumacher 1877 ein Panoramabild der Deutschen Kolonie Haifa. Er ließ es in den USA bei Sorg in New York drucken und vertreiben, weil er hoffte, dass es sich in den USA gut verkaufen ließ. Diese Hoffnung erfüllte sich, denn die Amerikaner unterstützten damals alles, was aus dem Heiligen Lande kam.(20)


Grab von Jakob Schumacher in Haifa

Fotograf: Jakob Eisler

Ebenso bemühte sich Jacob Schumacher insbesondere durch Artikel in den Zeitschriften die „Süddeutsche Warte“, „Aus Abend und Morgen“ und den „Weltboten“ und durch Privatkorrespondenz auf das Werk der Tempelgesellschaft aufmerksam zu machen. Im Jahre 1881 begleitete er zu diesem Zweck Christoph Hoffmann sen. auf einer Reise nach Amerika.(21)

Am 8. September 1888 starb Schumachers zweite Gattin, was ihn sehr traf. Als das Haifaer Gemeindehaus im Jahre 1890 vergrößert wurde, meißelte Jacob Schumacher seinen letzten Türsturz für die Gemeinde. Auf ihm darauf stand: „Bis hierher hat der Herr geholfen 1890“.(22) Seit Ende 1890 nahmen die Kräfte Jacob Schumachers ständig ab und jede Arbeit, die er unternahm, kostete ihn große Anstrengung. Am Morgen des 7. September 1891 starb er in seinem Haus in der deutschen Kolonie.

Jacob Schumacher hat in drei verschiedenen Erdteilen gelebt, und dabei in jedem ein Drittel seiner Lebenszeit verbracht; in Europa 23 Jahre, in Amerika 21 Jahre und in Palästina 22 Jahre. Welche Anerkennung ihm auch von der einheimischen Bevölkerung in Haifa und im Norden Palästinas entgegengebracht wurde, geht aus der Teilnahme an seiner Beerdigung hervor. Behörden und Bevölkerung nahmen daran in großer Zahl teil, wiesonst bei keiner Beerdigung eines Deutschen. Am Grabe sprachen die drei Ältesten der Tempelgemeinde, dann sprach der Konsul Friedrich Keller (1838–1913) in französischer Sprache, damit auch die Nichtdeutschen und namentlich die Konsule der verschiedenen Länder seine Ansprache verstehen konnten.(23)

Schumachers Grabstein in Obeliskenform, den er selbst für seine Frau und sich gemeißelt hatte, steht bis zum heutigen Tag auf dem Deutschen Friedhof in Haifa.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Seiz, Johann Ferdinand

Von: Eisler, Jakob

Johann Ferdinand Seiz

Er setzte sich für die allgemeine Schulpflicht ein, wollte die Armut abschaffen und war ein strenger Pfarrer. Außerdem gilt Johann Ferdinand Seiz als „Dichter des Pietismus.

Johann Ferdinand Seiz wurde laut Taufregistereintrag am 7. Januar 1738 als Sohn des Pfarrers Georg Seiz in Lombach bei Freudenstadt geboren. Im frühen Kindesalter bekam er Unterricht bei seinem Vater in Adelberg zusammen mit dem späteren Theologen und Dichter Karl Friedrich Harttmann (1843–1815). Im Jahre 1752 wurde er in die Klosterschule von Denkendorf aufgenommen und lernte dort unter Prälat Philipp Heinrich Weissensee (1673–1767). Zwei Jahre später wechselte er nach Maulbronn. Im Theologischen Stift  in Tübingen trat er am 10. September 1756 ein, wo er 1766 Repetent wurde. Seine erste Stelle trat er 1768 als Diakon in Besigheim an und heiratete im gleichen Jahr in Murrhardt die jüngste Tochter von Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782), Eberhardine Sophie (1748–1802). Oetinger wurde somit nicht nur sein Geistiger Vater, sondern auch sein Schwiegervater.  Von den zehn Kindern dieser Ehe kamen nur drei ins Erwachsenenalter und überlebten den Vater.
Johann Ferdinand Seiz zog bei seinen Predigten oft das Prophetische Wort des Alten und Neuen Testaments heran und warnte vor Abweichungen dieser Schriften.

Laut Eduard Emil Kochs Einschätzung war Seiz‘ erklärtes Ziel: "daß der Bettel abgeschafft werde, und daß, worauf auch schon in Besigheim sein unermüdliches Bestreben gerichtet war, das Schulwesen in Aufnahme [allgemeine Schulpflicht]  kam.  Dabei handhabte er, so weit es damals noch möglich war, mit allem Eifer die Kirchenzucht."

Nur wenige Predigten aus seiner Feder wurden gedruckt so z.B.: Predigt von der heilsamen Gewissensprüfung bei groben Ausbrüchen der Sünde, Tübingen 1771, oder: Zwei Predigten von der christlichen Kirchenzucht der Gemeinde des Herrn in Besigheim, Tübingen 1783. Er wurde auch durch seine Lieder und Gedichte bekannt. Sein bekanntestes Stück ist: "Warten wird nie gereuen" - ein Aufmunterungslied.

Im Jahre 1790 wurde Seiz Stadtpfarrer in Sindelfingen, wo er nur drei Jahre bis zu seinem Tod am 23. September 1793 wirken konnte.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Spittler, Ludwig Timotheus

Von: Grützmacher, Johannes

Ludwig Timotheus Spittler

Ludwig Timotheus Spittler

Quelle: Württ. Landesbibliothek

Am 11. November 1752 wird Ludwig Timotheus Spittler als Sohn eines Stiftskirchendiakons und späteren Prälaten in Stuttgart geboren. Der hochbegabte und ehrgeizige Spittler gilt heute als einer der bedeutendsten und vielseitigsten Kirchen- und Profanhistoriker des 18. Jahrhunderts, der zugleich stets politisch wirkte.
Schon im Elternhaus wird er vom heiß diskutierten Konflikt zwischen württembergischem Herzog und Landständen früh politisiert. Er ist ein Aufklärer, aber beileibe kein Revolutionär – die alte ständische württembergische Verfassung bleibt ihm zeitlebens ein Ideal.
1770 beginnt er als Stiftsstipendiat das Theologiestudium in Tübingen. Eine wissenschaftliche Reise führt ihn nach Norddeutschland, wo ihn vor allem die Begegnung mit Lessing nachhaltig prägt. Dessen Stil eifert er später ebenso nach wie seiner aufklärerischen Theologie. 1777 wird er Stiftsrepetent, und schon zwei Jahre später erhält er einen Ruf an die Göttinger Universität.
Dort befasst er sich zunächst mit der Kirchengeschichte und veröffentlicht 1782 einen „Grundriss der Geschichte der christlichen Kirche“ – ein schmales, meinungsfreudiges Werk, dem großer Erfolg beschieden ist. Am Schluss dieses Werks entwirft Spittler die Vision einer ökumenischen Überwindung der Kirchenspaltung in einer aufgeklärten Kirche.
In den folgenden Jahren wandte Spittler sich der politischen Geschichte zu. Er verfasst bedeutende Werke über die Geschichte Württembergs und Hannovers und schließlich seinen großen „Entwurf der Geschichte der europäischen Staaten“. Spittler gilt aber auch als ein Meister der historischen Miniatur und der Kritik. Schon bald hat er seine berühmten Göttinger Kollegen an Ansehen übertroffen. Zunächst unsicher im Vortrag, entwickelt sich Spittler bald zu einem begnadeten Vortragsredner, dessen Vorlesungen weithin großen Anklang finden.
Spittler selbst hat in seiner Württembergischen Geschichte geschrieben, der Wechsel vom Katheder ins Kabinett sei noch den wenigsten gut geraten. Selbst will der ehrgeizige Professor aber diesen Schritt wagen und nimmt seine alten Beziehungen nach Württemberg wieder auf – mit Erfolg: Herzog Friedrich Eugen ernennt ihn 1797 zum Wirklichen Geheimen Rat. Als der Herzog aber noch im selben Jahr stirbt und der despotische Friedrich II. ihm nachfolgt, verdüstern sich die Aussichten Spittlers, reformerisch tätig sein zu können. Als Geheimer Rat ist er unter anderem für die Hochschulen tätig, und die Universität Tübingen hat ihm einiges zu verdanken. Auch seine äußere Karriere verläuft glänzend: Spittler wird zum Staatsminister und zum Freiherrn ernannt. Aber es gehört zur Tragik von Spittlers Leben, dass er, der scharfsinnige Historiker und Anhänger der altwürttembergischen Verfassung als Praktiker der Macht so wenig in der Lage war, Reformimpulse zu geben. Spittler litt darunter. Nach langer Krankheit starb er am 14. März 1810 in Stuttgart.

Aktualisiert am: 27.06.2016

Umfrid, Hermann

Von: Kienzle, Claudius

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Familienverhältnisse
  2. 2: Biographische Würdigung
  3. Anhang

1: Familienverhältnisse

V Otto Umfrid (1857-1920), Pfarrer, Publizist, Pazifist, Vizepräsident der Deutschen Friedensgesellschaft. M Julie Karoline, geb. Reischle (1861-1936). G Johanna Mathilde Charlotte; Margarete Paula Ottilie ∞ Prälat Karl Hartenstein; Ruth Else Irene. ∞ Irmgard geb. Silcher. K Vier Töchter.

2: Biographische Würdigung

Hermann Umfried als Mitglied der Studentenverbindung Nicaria

Landeskirchliches Archiv, Bildersammlung, Nr. 4864

Der am 20. Juni 1892 in Stuttgart geborene U. wuchs als ältestes von vier Geschwistern im Pfarrhaus des Vizepräsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft, Otto U., auf. Der christlich begründete Pazifismus des Vaters, sein Einsatz für die Lösung der sozialen Frage, seine Arbeit für die Völkerverständigung und sein Kampf gegen Militarismus und Imperialismus, prägten U. stark.

Nach dem Abitur studierte er ab 1910 zunächst zwei Semester Jura an der Universität Tübingen und wechselte dann zur evangelischen Theologie. Er belegte Veranstaltungen bei dem Systematischen Theologen Theodor Haering, dem Kirchengeschichtler Karl Müller und dem Neutestamentler Adolf Schlatter, denen er allesamt kritisch gegenüberstand. Darüber hinaus belegte U. auch weiterhin nichttheologische Veranstaltungen. Er schloss sich der akademischen Verbindung Nicaria an, wo er sich den späteren religiösen Sozialisten und Amtsbruder Gottfried Schenkel zum Mentor auserkor. Im Laufe seines Studiums hatte er verschiedene Verbindungsämter inne. Zum Sommersemester 1914 wechselte er an die Universität Marburg, nicht zuletzt um Wilhelm Heitmüller, einen Vertreter der Religionsgeschichtlichen Schule, und den Kulturprotestanten Martin Rade zu hören.

Trotz seiner pazifistischen und antiimperialistischen Überzeugung meldete er sich bereits wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus vaterländischer Gesinnung als Kriegsfreiwilliger. Bald geriet er in englische Gefangenschaft. In den Lagern Frith Hill und Handforth organisierte U. in einer Lagerschule wissenschaftliche, kulturelle und seelsorgerliche Veranstaltungen. Nach einem kurzzeitigen Aufenthalt in einem Repressalienlager in Le Havre wurde er aus gesundheitlichen Gründen im Dezember 1916 in die Schweiz ausgetauscht. In Zürich setzte er sein Studium fort, bis eine Einreise nach Deutschland möglich wurde. Während dieser Zeit studierte er bei dem religiösen Sozialisten Leonhard Ragaz, zu dem er Zeit seines Lebens Kontakt hielt.

Nach der ersten theologischen Dienstprüfung 1918 wurde er in Lorch, dem Wohnort des erblindeten und deswegen pensionierten Vaters, vom dortigen Pfarrer Karl Oelschläger ordiniert. In der revanchistischen Atmosphäre der Nach- und Zwischenkriegszeit waren die früheren pazifistischen Aktivitäten und Polemiken des Vaters ein Karrierehindernis für den Kriegsfreiwilligen Hermann Umfrid. Dass er während seines Vikariats bis zur Übertragung der ersten ständigen Pfarrstelle auf zehn verschiedenen Stellen eingesetzt wurde, entsprach durchaus den damaligen Gepflogenheiten. Auffällig ist hingegen, dass er auch nach seiner zweiten theologischen Dienstprüfung 1920 zwei Jahre lang nur mit Vertretungsdiensten beauftragt wurde und sich in dieser Zeit erfolglos um insgesamt 18 Pfarrstellen bewarb, ehe er zum Pfarrer von Kaisersbach ernannt wurde.

Etwa 1920 trat U. der konfessionellen Jugendreformbewegung „Bund der Köngener“ bei, zu deren führenden Mitglieder er bald zählte. In Vorträgen und Zeitschriftenbeiträgen sensibilisierte er den Bund für Pazifismus, Völkerverständigung sowie ethische und politische Verantwortung. Dabei changierte sein Verhältnis zur Landeskirche zwischen wohlwollender Kritik und distanzierter Treue. Ungeachtet seines Engagements für Toleranz, Freiheit und Menschenwürde vollzog auch U. die Orientierung des Bundes hin zu einer diffusen deutschen Religiosität. So las er die Edda, und seine prosaischen Dichtungen sind geprägt von einer Mischung aus naturmystisch-christlichen und nationalromantischen Motiven. Er nahm im Auftrag des Köngener Bundes an Tagungen der religiösen Sozialisten, dem Weltbund der Jugend sowie internationaler Friedens- und Völkerverständigungsorganisationen teil. Seine Verbundenheit mit der Jugendbewegung zeigte sich auch auf der habituellen Ebene, indem er bei öffentlichen Auftritten bisweilen die jugendbewegte Tracht der Köngener trug. Wenngleich bei U. eine Faszination für das Germanentum einerseits sowie eine thematische Affinität zu den religiösen Sozialisten andererseits erkennbar ist, bestand eine gewisse Nähe zur liberalen Theologie.

Ein Jahr nachdem er seine erste Pfarrstelle in Kaisersbach angetreten hatte, heiratete er 1923 Irmgard Silcher. In Kaisersbach war U. um den Ausgleich zwischen den verschiedenen religiösen Gruppierungen seines Gemeindebezirks bemüht. Zusätzlich übernahm er das Amt des Bezirksjugendpfarrers für den Kirchenbezirk Welzheim. Er entwickelte in seiner landwirtschaftlich geprägten Gemeinde neue kirchliche Angebote für Jugendliche, die trotz seines von Vorgesetzen als akademisch empfundenen Sprachduktus durchaus Anklang fanden. Er beteiligte sich an der aktuellen Debatte um eine zeitgemäße Interpretation der Konfirmation und warnte vor einer allzu dogmatischen Festlegung der Heranwachsenden auf die tradierten Glaubens- und Ritualformen. Durch öffentlich vorgetragene Habitus- und Lebensstilkritik am höheren Beamtentum und Teilen der Pfarrerschaft erregte er erhebliches Aufsehen. Obwohl ihm der Welzheimer Dekan riet, mehr Zurückhaltung walten zu lassen, schränkte U. seine kritischen Äußerungen nicht wesentlich ein.

Nach seinem Wechsel auf die Pfarrstelle im hohenlohisch-fränkischen Niederstetten achtete er auf ein gutes Verhältnis zu seinem katholischen Kollegen und zur dortigen jüdischen Gemeinde. Gleichwohl tauchten in seinen Predigten und öffentlichen Äußerungen antisemitische Stereotypen und Motive des christlichen Antijudaismus auf. Neben einer intensiven seelsorgerlichen Besuchstätigkeit bildete die Arbeit mit Jugendlichen einen weiteren Schwerpunkt seines Wirkens. Hier war seine Herkunft aus der Jugendbewegung deutlich erkennbar. Im freiheitlichen Geist des Bundes der Köngener gab er ungewöhnlicherweise in Schule und Konfirmandenstunde eine Art Sexualkundeunterricht. Tanznachmittage im Pfarrgarten konfligierten ebenfalls mit den zeittypischen kirchlichen Verhaltensnormen. Ungewöhnlich war ferner seine aktive Mitgliedschaft im Turnverein. Sein vielfältiges Engagement in der Gemeinde und im Bund der Köngener führten immer wieder zu psychischen Erschöpfungszuständen, die längere Erholungsphasen nötig machten.

Dem Nationalsozialismus begegnete U. aufgeschlossen. In speziellen Gemeindeveranstaltungen zeigte er seinen Gemeindemitgliedern Wege, mit nationalsozialistischen Ritualen und Ansprüchen positiv umzugehen. Dessen ungeachtet verweigerte er am „Tag von Potsdam“ das von Staat und Partei gewünschte Glockengeläut, weil ihn eine entsprechende Anweisung der Kirchenleitung nicht rechtzeitig erreicht hatte. Schließlich wurde das Geläut mit Billigung durch U. von örtlichen Parteivertretern durchgesetzt. Als wenige Tage später, am 25. März 1933, einem Sabbat, Niederstetter Juden durch auswärtige SA-Männer brutal misshandelt wurden, übermittelte er den Betroffenen umgehend seine Solidarität, protestierte in seiner Predigt am folgenden Sonntag scharf gegen das von der SA als „Polizeiaktion“ charakterisierte Pogrom und kritisierte es als Akt der Rechtlosigkeit und Willkür.

Die an sich der nationalen Begeisterung gewogene und die nationalsozialistische Machtübernahme würdigende Predigt erregte wegen ihrer eindeutigen Verurteilung der Ereignisse vom Vortag den Unwillen der örtlichen Parteieliten. Diese informierten die Gauleitung in Stuttgart, nachdem U. sich geweigert hatte, seine Predigtworte zu widerrufen und ein lokaler Schlichtungsversuch im Kirchengemeinderat, der ihn zunächst stützte, gescheitert war. U. versuchte seinerseits sich – unter Bezug auf ähnliche Stellungnahmen der Geistlichen im benachbarten Öhringen – des Rückhalts seines vorgesetzten Dekans, Otto Hohenstatt, zu versichern. Dieser legitimierte die Verweigerung des Glockengeläuts und gestand U. im Hinblick auf seine Predigt Handlungsfreiheit zu, folgte ihm aber inhaltlich nicht.

U. Eintreten für Rechtsstaatlichkeit, für das Gewaltmonopol des Staates und gegen individuelle Willkür war theologisch motiviert. Es war nach lutherischem Verständnis Sache der Obrigkeit, entsprechend des geltenden Rechtsbewusstseins zu handeln. Gegen dieses Rechtsbewusstsein war von den staatlich nicht legitimierten Schlägern eklatant verstoßen worden. Dass Oberkirchenrat und Dekan nach Prüfung seiner Predigt den theologischen Argumenten weder folgten noch diese anerkannten, sondern statt dessen die Predigt insgesamt – entlang der wohlwollenden Linie der Kirchenleitung gegenüber dem Nationalsozialismus – als zu politisch tadelten, stellte U. vor seinen Kritikern bloß. Hatte bereits sein Vater 36 Jahre zuvor wegen seines theologisch begründeten Pazifismus einen politisch motivierten, offiziellen Verweis der Oberkirchenbehörde erhalten, so verbitterte ihn die jetzige Zurechtweisung der Kirchenleitung. U. begegnete ihr mit Unverständnis und seine Position verlagerte sich ins Grundsätzliche. Vergeblich versuchte er seine Vorgesetzen bis hin zum Kirchenpräsidenten Theophil Wurm mit konkreten Vorschlägen, die er zusammen mit Kollegen des Köngener Bundes ausgearbeitet hatte, zu öffentlichen Stellungnahmen zu bewegen. Die Eingabe an Wurm wurde von der Kirchenbehörde ignoriert. Die äußerliche Situation in Niederstetten schien nach dem Eindruck, den der Dekan bei der folgenden Visitation aufnahm, bald befriedet gewesen zu sein. Innerlich eskalierte Umfrids psychische Labilität in depressive Zustände. Von der Passivität der Kirchenleitung enttäuscht und einer Reihe von Verhören, Drohungen und körperlichen Angriffen erschöpft, fügte er sich im am 21. Januar 1934 tödliche Verletzungen zu.

Ehemalige Mitglieder der jüdischen Gemeinde Niederstetten legten 1979 im Wald der Märtyrer in Yad Vashem einen „Umfrid-Gedenk-Garten“ an. Damit sollte an die „hohen Ideale dieses Kämpfers für Menschenrechte und Menschenwürde“ erinnert werden.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 27.06.2016