Schumacher, Jakob

Von: Eisler, Jakob

Der Werdegang des Steinmetz Jacob Schumacher (1825–1891)

Jakob Schumacher

Archiv der Tempelgesellschaft

Von Tübingen über Buffalo (U.S.A.) nach Palästina

Jacob Friedrich Schumacher wurde am 16. April 1825 in Tübingen als zweiter Sohn von Carl Christoph Schumacher und seiner Frau Marie Magdalene, geb. Sinner, geboren. Einen Tag später wurde er in der Tübinger Stiftskirche von Pfarrer Johann Gottfried Pressel (1789–1848), dem späteren Tübinger Dekan, getauft.(1) Die Familie Schumacher war eine alteingesessene Steinmetz- und Maurerfamilie in Tübingen. In den örtlichen Kirchenbüchern finden sich bereits im 17. Jahrhundert erste Aufzeichnungen über sie.

Ab seinem achten Lebensjahr besuchte er die Latein-, später die Realschule in Tübingen. Am 5. Mai 1839 wurde Jacob Schumacher konfirmiert.(2) Nach seiner Konfirmation begann er bei seinem Vater in Tübingen eine Lehre als Steinmetz. Er arbeitete einige Zeit unter Anleitung seines Vaters, später als selbstständiger Bauführer am neuen Universitäts-Krankenhaus. Über weitere Bauten in Tübingen, die er sicherlich mit seinem Vater ausführte, fehlen leider sämtliche Informationen.

Als Bauführer zog er später nach Stuttgart und beaufsichtigte dort unter anderem die Errichtung der Villa der Familie Heinrich von Prieser (1797–1870) und war an verschiedenen anderen Bauten beteiligt.

Im Revolutionsjahr 1848 entschloss er sich mit seinen zwei Brüdern Jakob Christof und Carl Wilhelm zur Auswanderung nach Amerika, wohin ihm die Eltern ein Jahr später nachfolgten.(3) Durch Vermittlung von württembergischen Emigranten kam er nach Wheeling in West-Virginia und heiratete dort die aus Stuttgart stammende Wilhelmine Wörner. Sie war eine sehr fromme Frau und veranlasste Jacob Schumacher, sich mit Religionsfragen auseinanderzusetzen. Beide begnügten sich jetzt nicht mit dem sonntäglichen Kirchenbesuch, sondern suchten nach einer Gemeinschaft, in welcher das „Sehnen des Herzens Befriedigung fände“ – wie Schumacher es später bezeichnete.(4) Ohne aus ihrer Kirche auszutreten, besuchten sie einige Versammlungen der Methodisten und anderer religiöser Richtungen, fanden aber nirgends rechte Befriedigung. Wilhelmine starb nach kurzer, außerordentlich glücklicher aber kinderloser Ehe.(5)

Schumachers erste Arbeit in Wheeling war der Bau einer Brücke über den Ohio. 1851 siedelte er nach Zanesville/Ohio über und heiratete drei Jahre später die Witwe Julie Dietle geborene Dorn (1819–1888) aus Wüstenrot/Württemberg, die eine Tochter, Maria, in die Ehe mitbrachte. Im Jahre 1857 wurde der Sohn Gottlieb geboren.

Über die Anfänge Schumachers in den U.S.A. und seine Verbindung zu den Templern berichtet posthum der Nekrolog:

„In Zanesville gelang es ihm sehr bald, sich einen weiten Berufskreis zu eröffnen; mit großem Vertrauen wurde ihm die Leitung öffentlicher und privater Bauten übertragen, auch widmete er sich eingehend der Bildhauerei und verfertigte eine Anzahl schöner Kunstwerke in Marmor. Auch in religiöser Hinsicht entfaltete Schumacher bald eine Tätigkeit in Zanesville und sammelte ein kleines Häuflein um sich, mit dem er sonntäglich Erbauungsstunden hielt. Das von ihm gelesene Wochenblatt ‚Weltbote’ gab als Beiblatt ‚Die Zeichen der Zeit’ heraus. Dieses Blatt wurde auch von den Brüdern in Buffalo gelesen, und durch dasselbe wurde Schumacher mit den Buffaloer Brüdern bekannt. Letztere standen schon seit 1855 mit Christoph Hoffmann (1815–1885) in brieflichem Verkehr und lasen die ‚Süddeutsche Warte’ und andere Tempelschriften, die Schumacher nun auch kennen lernte. Er machte 1859 einen Besuch in Buffalo und schloss sich der Bewegung für eine ‚Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem’ an“.(6) Die Bewegung der Tempelgesellschaft entnahm ihre Glaubensgrundsätze dem im 17. Jahrhundert entstandenen Pietismus. Der Vorsteher Christoph Hoffmann wollte im Heiligen Land den geistigen Tempel der Gesellschaft gründen. Deshalb wurden die Templer zunächst „Jerusalemsfreunde“ genannt. Der Bewegung, die damals noch nicht außerhalb der Landeskirche stand, schlossen sich viele Tausend Württemberger an. Unter ihnen waren viele, die in dieser Zeit in den Kaukasus auswanderten.(7)

In Amerika wurde der Plan gefasst, eine Gemeinde von Templern in den USA zu gründen. In der Nähe von Buffalo wurde ein Stück Land erworben. Nachdem Jacob Schumacher sein Haus in Zanesville verkauft hatte, siedelte er im Februar 1860 nach Buffalo über. Die Besiedlung des gekauften Landes wurde begonnen, und Schumacher wurde zum Vorsteher der neuen „Maresa“ Gemeinde ernannt. Er plante die Siedlung, zeichnete die Grundrisse und sogar die Pläne der Wohnhäuser. In kurzer Zeit waren sechs Häuser in Cheektowaga außerhalb von Buffalo erbaut. Da am Anfang die finanziellen Mittel fehlten, entschloss man sich, für ein Jahr aus einer gemeinschaftlichen Kasse zu leben („gemeinsame Arbeit und gemeinsamer Tisch“).(8) Für den Lebensunterhalt wurden auch die ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen bebaut.(9)

Erst im März 1862 kaufte Jacob Schumacher ein Grundstück für seine Familie in der neuen Siedlung Maresa (Grundstück Nr. 58). Da er in den Besiedlungsjahren für die Gemeinde arbeitete, übernahm diese die Kosten für den Erwerb. Leider wuchs die Siedlung nicht wie geplant, so dass in Maresa insgesamt nur 40 Personen lebten. Nach einigen Jahren verließen auch die Schumachers die Siedlung und zogen 1865 wieder nach Buffalo, wo sie bis August 1869 wohnten.(10)

Zwischenzeitlich hatten die Tempelvorsteher Württembergs, Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg (1812–1879), eine Reise nach Palästina unternommen. Sie kamen am 30. Oktober 1868 in Haifa an und wollten dort „Vorposten und Empfangsstation“ für künftige Palästina-Einwanderer errichten.(11) Aus den Erfahrungen einer gescheiterten amerikanischen Kolonie in Jaffa und der misslungenen Versuche der Templer-Zöglinge in der Jesreel-Ebene hatte Hoffmann gelernt, dass eine strenge Auswahl unter den Einwanderungskandidaten vorgenommen werden musste. Er meinte, dass „es kein sichereres Mittel gäbe das angefangene Werk in diesem Lande zu Grunde zu richten, als wenn man den Armen die Reise hierher erleichterte, ohne zugleich für ihren Unterhalt hier sorgen zu können“.(12)

Hardegg und Hoffmann waren sich einig, dass Haifa der geeigneteste Platz für die Ansiedlung der Templer war. Einfach war die Entscheidung nicht, da Palästina damals ein Teil des osmanischen Reich war. Die Provinz war vernachlässigt und die heimischen Einwohner den Fremden gegenüber negativ eingestellt.(13)


Templerkolonie Haifa 1877, Zeichnung von Jakob Schumacher

Archiv der Tempelgesellschaft

Allen Widerständen zum Trotz wurde 1869 mit dem Bau der württembergischen Kolonie Haifa begonnen. Die Tempelleitung bat die amerikanischen Templer, die beiden Familien Schumacher und Oldorf nach Palästina zu schicken. So kam Schumacher im Oktober 1869 als einer der ersten Ansiedler nach Haifa.

Hier fand Schumacher sowohl in äußerer als auch in geistiger Hinsicht eine außergewöhnliche und spannende Tätigkeit. Er entwarf nach den Angaben Hardeggs den Plan für die Kolonie, machte die Pläne für die einzelnen Wohnhäuser, leitete oder überwachte wenigstens die einzelnen Bauten und Straßenanlagen, wie in der „Süddeutschen Warte“ berichtet wurde:

„Die Straße zwischen den Häusern ist zu einem beträchtlichen Teil fertig, die Plätze zwischen und hinter denselben sind zu Gärten verwandelt, deren jeder mit einer Steinmauer von ca. 4 Schuh Höhe umgeben ist. Im Westen der Kolonie an dieselbe anstoßend dehnt sich ein ebenes fruchtbares Ackerfeld aus …“(14)

Als Georg David Hardegg von den türkischen Behörden auch Teile des Karmelberges bekam, wurde Schumacher mit der Vermessung und Aufteilung dieses Areals beauftragt:

„Die Vermessung selbst, welche in zwei Tagen, gestern und heute, den 31. Januar 1871 und 1. Februar, vorgenommen wird, trägt so sehr den türkischen Charakter an sich, dass ich nicht umhin kann, dieselbe etwas zu schildern. Zwei arabische Geometer haben das Geschäft zu besorgen, Hr. Schumacher, Bruder Johann Wilhelm Gohl und Hr. David Hardegg sind von unserer Seite beigegeben … Hr. Schumacher zeigte den Türken nach dem Plan, den er aufgenommen hat, die Grenze des Stückes. Die Linie dieser Grenze wird nun von den türkischen Mathematikern mit ihrer Messschnur pünktlich gemessen …“(15)

In der Gemeinde musste Jacob Schumacher die Leitung der sonntäglichen Versammlungen übernehmen und auch sonst bei allen Fragen der inneren und äußeren Entwicklung der Kolonie mitberaten, soweit dies bei dem eigensinnigen Charakter Georg David Hardeggs möglich war.

Im Jahre 1872 wurde Jacob Schumacher das amerikanische Konsulat übertragen, was in der Kolonie für so wichtig erachtet wurde, dass ein Dankgottesdienst hierfür anberaumt wurde. Schumacher hat auch dieses Amt mit großer Treue und Sorgfalt verwaltet, obwohl die reiche amerikanische Republik den Dienst umsonst verlangte. Schumacher hoffte, dass von Seiten der in Haifa ansässigen amerikanischen Templerfamilien Investitionen fließen würden – aber ohne Erfolg.(16)

Hoffmann und Hardegg hatten verschiedene Ansichten bezüglich der Besiedlung Palästinas, was zu einem ernsthaften und langjährigen Streit zwischen den beiden Vorstehern der Templergemeinde in Palästina führte. Über das gespannte Verhältnis zwischen beiden Vorsteher wurde geschwiegen, da die Templerleitung sich Sorgen um die weitere Entwicklung des Siedlungsprozesses machte.(17)

Als durch die Spannung zwischen Hardegg und Hoffmann Haifa isoliert wurde, versuchte Schumacher zwischen Hardegg, der Tempelleitung und Hoffmann zu vermitteln. Dies scheiterte und Hardegg zog sich von seinen Ämtern in Haifa zurück. Schumacher wurde nun gebeten, als Vorsteher der Kolonie Haifa zu agieren, was er mit viel Gespür und Geschick bis zu seinem Tod auch tat.(18)

Jacob Schumacher plante und baute viele Bauwerke im Norden Palästinas; leider sind nur wenige Quellen erhalten geblieben. So plante und baute er z.B. mit anderen Templern das Mädchen-Waisenhaus der englischen Frauenmissionsgesellschaft in Nazareth. Darüber berichtet die „Süddeutsche Warte“:

„Miß Rose nahm den Plan, ein großes Waisenhaus zu bauen, ernstlich auf. Sie ließ den deutschen Architekten Hrn. Jacob Schumacher in Haifa den Plan machen, der in England gut geheißen und genehmigt wurde. Am 3. September 1872 kam Hr. Schumacher mit einigen Deutschen, um den Bau des Waisenhauses zu beginnen, der aber mehr Arbeit und Geld kostete als man am Anfang glaubte … Das Gebäude ist sehr stark und schön gebaut, eine Zierde für Nazareth … Am 19. November 1875 verließen die Deutschen den Bau, da er als fertig betrachtet werden konnte“.(19)

Jacob Schumacher versuchte, seinen Sohn Gottlieb für seinen Beruf zu begeistern, so wie es sein Vater auch bei ihm getan hatte. 1876 schickten die Schumachers ihren Sohn zum Studium des Architektur- und Ingenieurwesens nach Stuttgart. Um dessen Aufenthalt zu finanzieren, zeichnete Jacob Schumacher 1877 ein Panoramabild der Deutschen Kolonie Haifa. Er ließ es in den USA bei Sorg in New York drucken und vertreiben, weil er hoffte, dass es sich in den USA gut verkaufen ließ. Diese Hoffnung erfüllte sich, denn die Amerikaner unterstützten damals alles, was aus dem Heiligen Lande kam.(20)


Grab von Jakob Schumacher in Haifa

Fotograf: Jakob Eisler

Ebenso bemühte sich Jacob Schumacher insbesondere durch Artikel in den Zeitschriften die „Süddeutsche Warte“, „Aus Abend und Morgen“ und den „Weltboten“ und durch Privatkorrespondenz auf das Werk der Tempelgesellschaft aufmerksam zu machen. Im Jahre 1881 begleitete er zu diesem Zweck Christoph Hoffmann sen. auf einer Reise nach Amerika.(21)

Am 8. September 1888 starb Schumachers zweite Gattin, was ihn sehr traf. Als das Haifaer Gemeindehaus im Jahre 1890 vergrößert wurde, meißelte Jacob Schumacher seinen letzten Türsturz für die Gemeinde. Auf ihm darauf stand: „Bis hierher hat der Herr geholfen 1890“.(22) Seit Ende 1890 nahmen die Kräfte Jacob Schumachers ständig ab und jede Arbeit, die er unternahm, kostete ihn große Anstrengung. Am Morgen des 7. September 1891 starb er in seinem Haus in der deutschen Kolonie.

Jacob Schumacher hat in drei verschiedenen Erdteilen gelebt, und dabei in jedem ein Drittel seiner Lebenszeit verbracht; in Europa 23 Jahre, in Amerika 21 Jahre und in Palästina 22 Jahre. Welche Anerkennung ihm auch von der einheimischen Bevölkerung in Haifa und im Norden Palästinas entgegengebracht wurde, geht aus der Teilnahme an seiner Beerdigung hervor. Behörden und Bevölkerung nahmen daran in großer Zahl teil, wiesonst bei keiner Beerdigung eines Deutschen. Am Grabe sprachen die drei Ältesten der Tempelgemeinde, dann sprach der Konsul Friedrich Keller (1838–1913) in französischer Sprache, damit auch die Nichtdeutschen und namentlich die Konsule der verschiedenen Länder seine Ansprache verstehen konnten.(23)

Schumachers Grabstein in Obeliskenform, den er selbst für seine Frau und sich gemeißelt hatte, steht bis zum heutigen Tag auf dem Deutschen Friedhof in Haifa.

Aktualisiert am: 27.06.2016