Schumacher, Gottlieb Samuel

Von: Eisler, Jakob

Gottlieb Samuel Schumacher, Architekt, Kartograf und Archäologe

Gottlieb Schumacher

Archiv der Tempelgesellschaft

* 21.11.1857 Zanesville/Ohio USA
+ 26.11.1925 Haifa/Palästina

Gottlieb Schumacher gilt als einer der bedeutendsten Palästina-Deutschen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er stammte ursprünglich aus einer in Tübingen alteingesessenen, einflussreichen Familie. Bis heute zählt er zu den bedeutendsten Palästina-Forschern und trug wesentlich zum Aufbau des Landes bei. Sein Vater Jacob Friedrich Schumacher wanderte im Revolutionsjahr 1848 in die USA aus. 1851 siedelte sich der Vater in Zanesville/Ohio an und heiratete drei Jahre später die Witwe Juliana Christina Dorn aus Wüstenrot/Württemberg, die eine Tochter, Maria, in die Ehe mitbrachte. Am 21. November 1857 wurde das einzige Kind dieser Ehe – Gottlieb Samuel – geboren.

In Zanesville hatte Jacob Schumacher sich einer Gemeinde angeschlossen, die seit 1855 mit Christoph Hoffmann (1815–1885), dem Sohn des Begründers Korntals, in brieflichem Kontakt stand. 1859 schloss er sich Hoffmanns Bewegung für eine ‚Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem’ – den Templern – an. Chr. Hoffmann wollte in Jerusalem den geistigen Tempel der Gesellschaft gründen, weswegen seine Anhänger zunächst auch „Jerusalemsfreunde“ genannt wurden.

Anfang der 1860er Jahren wurde der Plan gefasst, eine Templergemeinde in den USA zu gründen. Mit vier Jahren zog Gottlieb mit seinen Eltern in die Nähe von Buffalo im Staate New York wo sein Vater zum Vorsteher der neuen Templergemeinde in „Maresa“ ernannt wurde. Nach einigen Jahren verließen die Schumachers diese Siedlung wieder und zogen 1865 nach Buffalo, wo sie bis August 1869 lebten. Dort verbrachte Gottlieb seine ersten Schuljahre.

Zwischenzeitlich hatten die Tempelvorsteher Württembergs, Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg (1812–1879), mit der Auswanderung vom Kirschenhardthof nach Palästina begonnen.

1869 wurde mit dem Bau der württembergischen Kolonie Haifa begonnen. Die Tempelleitung am Kirschenhardthof bei Marbach bat die amerikanischen Templer, die beiden Familien Schumacher und Oldorf nach Palästina zu schicken. 12jährig kam Gottlieb Schumacher im Oktober 1869 in Haifa an.

Hier erlebte Gottlieb Schumacher die schweren Anfänge der Templer-Ansiedlung in Palästina. Zunächst besuchte er die arabische Schule in Haifa, wo er schnell arabisch lernte. In der deutschen Schule in Haifa schließlich erlernte er bei seinem Lehrer Traugott Frei (1846–1891) neben der englischen Muttersprache französisch und deutsch. Zudem unterstützte er seinen Vater bei Entwürfen für Bauten in Haifa, Nazareth und bei verschiedenen Bildhauerarbeiten. Von 1876 bis 1881 studierte er an der technischen Hochschule in Stuttgart Ingenieurwesen (Hoch- und Tiefbau) und Architektur. In Stuttgart besuchte er oft seinen Vetter Ministerialdirektor v. Dorn und konnte dadurch Kontakte zu den führenden Kreisen in Württemberg knüpfen. 1882 kehrte er ins elterliche Haus in Haifa zurück. Seine erste eigene Arbeit war die Planung einer neuen Friedhofsanlage für die deutsch-französische evangelische Gemeinde in Beirut. Darauf folgte die Vermessung der Strecke zwischen Haifa und Damaskus für die Bahnlinie einer Beiruter Gesellschaft, die jedoch erst Jahre später (1905) in ähnlicher Form von einer englischen Gesellschaft realisiert wurde.

 


Gottlieb Schumacher in seinem Arbeitszimmer

Aus dem Nachlass von Professor Dr. Alex Carmel, Haifa

Schumacher war mehrere Jahre Bezirksingenieur in Akko, der Hauptstadt von Nordpalästina, und war dort für den Brücken- und Straßenbau zuständig. In dieser Zeit wurden z.B. die Brücken am Kisonfluss gebaut, Karten von Haifa gezeichnet und weitere Vermessungsarbeiten durchgeführt. Schumachers Initiative ist es zu verdanken, dass der Name der Stadt Haifa, deren Schreibweise in lateinischen Buchstaben auf 17 verschiedene Arten vorkam ab 1886 nun die einheitliche Schreibweise 'Haifa' bekam. Er entwarf viele staatliche Bauten im Bezirk Akko und führte eine große Zahl von Baumaßnahmen entlang der Küste und in Galiläa durch. So plante er das Krankenhaus der schottischen Mission in Tiberias, den Komplex der Londoner Judenmissionsgesellschaft in Safed sowie das Regierungsgebäude (Serail) am selben Ort. Er übernahm die Bauleitung am russischen Hospiz in Nazareth. Für Haifa plante er ein neues Regierungsgebäude und eine Hafenanlage; beide wurden jedoch nicht gebaut. In Haifa selbst wurden lediglich die Verlängerung des russischen Landungsstegs (1890), der Landungssteg der Deutschen Kolonie (genannt Kaiserdamm, 1898) und seine Planung des Kaiserdenkmals am Karmelberg (1910) realisiert. Für die neu gegründeten jüdischen Kolonien plante er mit Unterstützung von Baron Edmond de Rothschild unter anderem die Weinkellereien in Sichron Jakob am Karmelberg und die Kellereien in Rischon le Zion bei Jaffa. Als die deutsche Himmelsfahrtkirche am Ölberg in Jerusalem gebaut werden sollte, übertrug man Gottlieb Schumacher die gesamte Bauaufsicht dieses größten Bauprojekts im Palästina der Osmanischen Zeit.

Besondere und größere Bedeutung erlangte er allerdings durch sein kartographisches Werk. Als im Jahre 1884 der Wiener Prof. Dr. Wilhelm Anton Neumann (1837–1919) den Golan und Ajlun bereiste, lernte er Schumacher kennen und schlug vor, dass Schumacher diese Region im Auftrag des „Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas“ kartographieren solle. Die Verhandlungen führten dazu, dass Schumacher und der von der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften unterstützte Dr. Friedrich Wilhelm Noetling (1857–1928) die topographische und kartographische Vermessung des Ostjordanlandes (heute Syrien und Jordanien) ab 1885 in Angriff nahmen. Die Vermessungen erstreckten sich vom Fuß des Berg Hermon bis an den Fluss Jabbok. Von Sommer 1894 bis 1902 reiste Schumacher alljährlich in das Ostjordanland, um Lücken in älteren Aufnahmen zu schließen und die Karten zu vervollständigen. Schumacher arbeitete auch für den „Englischen Verein zur Erforschung Palästinas“ (Palestine Exploration Fund). Viele seiner gedruckten Werke erschienen in London.


Gottlieb Schumacher bei der Ausgrabung von Meggido, am rechten Bildrand stehend

Familienarchiv von Familie Beilharz, Stuttgart

Schumacher entdeckte jüdische Grabhöhlen aus der Talmudischen Zeit in der Nähe von Haifa, dies sollte eine seiner ersten archäologischen Ausgrabungen werden. Die Ergebnisse zu diesem Fund veröffentlichte er in der „Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins“. 1903 bis 1905 hatte er die Leitung der Ausgrabungen in Tell el-Mutesellim (Megiddo) und arbeitete in Baalbeck mit Prof. Dr. Otto Puchstein (1856–1911) bei der Bestandsaufnahme zur Palastrestaurierung. 1908 arbeitete er für die Harward University bei Ausgrabungen in Samaria.

In Haifa war er Teilhaber der Export- und Importfirma Dück und Co. und der Zement und Ziegelfabrikation der Gebrüder Beilharz. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er Mitbegründer der Erdöl-Gesellschaft am Toten Meer. Bei Kriegsausbruch 1914 wurde Schumacher Chefingenieur der IV. kaiserlichen ottomanischen Armee und nach dem türkischen Rückzug gehörte er der 27. Vermessungsabteilung des deutschen Heeres an. Im Jahre 1918 zog er zu seinem Schwiegersohn Dr. Carl Lorch nach Schwäbisch Gmünd wo er mit der Fertigstellung der Karten des Ostjordanlandes für den Deutschen Palästina-Verein befasst war. Ende 1921 gingen alle Karten an einen Verlag in Leipzig und Mitte 1924 konnte der Druck vollendet werden.

Da Gottlieb Schumacher auf der schwarzen Liste der Engländer stand, wurde ihm – für ihn unbegreiflich - die Rückkehr nach Palästina zunächst verwehrt. Im Jahre 1922 erlitt er einen Schlaganfall. 1924 endlich erhielt er von der englischen Regierung die Genehmigung zur Wiedereinreise. Er starb ein Jahr später in seinem Sommerhaus am Karmelberg in Haifa.

An der Universität Haifa bemühte sich Prof. Dr. Alex Carmel (1931–2002), ein Institut zur Erforschung des christlichen Beitrages zum Aufbau des Landes zu gründen, das den Namen Gottlieb Schumacher trägt. Bundespräsident Dr. Richard von Weizäcker schrieb 1985 an Prof. Carmel darüber wie folgt:

„Schon aus landsmannschaftlicher Verbundenheit habe ich das segensreiche Wirken der württembergischen Templer von ihren Anfängen im vorigen Jahrhundert an mit großer Anteilnahme verfolg. Ich würde mich freuen…wenn durch Ihr eigenes persönliches Engagement es gelingen würde… einen Gottlieb-Schumacher-Lehrstuhl finanziell sicherzustellen.“… Im Jahre 1987 stiftete das Land Baden-Württemberg und der Autokonzern Daimler-Benz das nötige Geld für die Gründung des Gottlieb Schumacher-Instituts. Es wurde am 27. Oktober 1987 mit einem festlichen Akt an der Universität Haifa in Israel eingeweiht.

 

Aktualisiert am: 27.06.2016