Plakat des Evangelischen Hilfswerks Württemberg, 1948

Plakat des Evangelischen Hilfswerks Württemberg, 1948

Von: Kittel, Andrea

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Kirchliche Nothilfe nach dem zweiten Weltkrieg
  2. 2: Zustand und Restaurierung
  3. 3: Bildaufbau
  4. 3.1: Logo
  5. 3.2: Zerstörte Städte
  6. 3.3: Hilfesuchende und Heimatlose
  7. 3.4: Einrichtungen
  8. 4: Die dargestellten Einrichtungen nach Tätigkeitsfeldern
  9. 5: Der Gestalter des Plakats Curt Zeh (1919-2013)
  10. Anhang

1: Kirchliche Nothilfe nach dem zweiten Weltkrieg

In der Musealen Sammlung im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart befindet sich ein handgemaltes großformatiges Plakat des württembergischen Evangelischen Hilfswerks aus dem Jahr 1948 (Museale Sammlung, 18.074). Zusammen mit den Aktenbeständen des Diakonischen Werks Württemberg kam es ins Haus.
Auf einer Landkarte von Württemberg sind darauf sämtliche Einrichtungen und Initiativen des Hilfswerks zu sehen, die seit 1945 aufgebaut wurden und am 1.7.1948 noch bestanden.
Um in der unmittelbaren Nachkriegszeit akute Nothilfe zu leisten, war das Evangelische Hilfswerk am 23.8.1945 auf der Kirchenvertreterkonferenz in Treysa gegründet worden. Mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 war in Deutschland der Zweite Weltkrieg beendet. Das Land, das zuvor Völkermord und Zerstörung über Europa gebracht hat, lag in Trümmern. Traumatisierte und versehrte Menschen, Kriegswaisen, Heimatlose, Geflüchtete und Vertriebene benötigten Lebensmittel und Kleidung sowie eine erste Unterkunft. Die Evangelische Kirche reagierte auf diese Not mit der Gründung des Hilfswerks. Einen wesentlichen Anstoß dazu gab der württembergische Landesbischof Theophil Wurm. Mit dem Aufbau des Werks wurde auf EKD-Ebene Eugen Gerstenmaier (1906-1986) betraut, das Zentralbüro lag in Stuttgart. Die einzelnen Landeskirchen richteten eigene Hauptbüros ein, um über die regionalen kirchlichen Strukturen effektiv Hilfe leisten zu können. So auch in Württemberg. Unter der Leitung von Wilhelm Pressel (1895-1986) wurden landesweit Bezirksverantwortliche berufen und Bezirksbüros aufgebaut. Überall entstanden örtliche Kleiderkammern, Suppenküchen, Lebensmittelausgaben und Beratungsstellen – die Vorläufer der heutigen Diakonischen Bezirksstellen. Daneben errichtete das Hilfswerk Notaufnahmelager für Flüchtlinge und gründete verschiedene Heimeinrichtungen und Aufbaugilden.
Im Jahr 1975 wurde das Evangelische Hilfswerk gemeinsam mit der Inneren Mission zum neu gegründeten Diakonischen Werk vereint.

2: Zustand und Restaurierung

Das Plakat mit seinen Darstellungen einzelner Hilfseinrichtungen ist ein wertvolles Dokument für die Geschichte der freien Wohlfahrtspflege in Württemberg in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
In Tusche gezeichnet und koloriert hat es der Plakatmaler Curt Zeh (1919-2013), der 1947 beauftragt worden war, die Arbeit des Evangelischen Hilfswerks Württemberg zu Werbezwecken anschaulich darzustellen.
Das Plakat ist 197x136 cm groß. Jahrzehntelange Lagerung hatten dem Objekt zugesetzt: Zusammengerollt, geknickt, eingerissen und verschmutzt kam es im Archiv an. Mittlerweile wurden die Schäden durch den Restaurator behutsam repariert und das brüchige Papier entsäuert. Das empfindliche Werk wird nun unter den klimatisch erforderlichen Bedingungen sachgerecht in einem Planschrank im Magazin aufbewahrt.

3: Bildaufbau

Die Illustrationen auf dem Plakat spiegeln die Nöte und Hilfsleistungen der ersten drei Nachkriegsjahre in Württemberg wider.
Die Gesamtkomposition und die einzelnen Motive sind vielgestaltig – wie bei einem Wimmelbild gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Das Plakat ist Schaubild und Stimmungsbild zugleich. Es will nicht nur informieren, sondern auch aufrütteln, sensibel machen für Problemfelder, vor allem aber Hoffnung vermitteln, dass die geleistete und zu leistende Hilfe wiederaufzurichten vermag, was zerstört wurde.
Mit dem Plakat zielte das Evangelische Hilfswerk Württemberg darauf ab, seine Leistungen vorzustellen, um letztendlich notwendige Gelder und Sachspenden zu akquirieren. In den ersten Jahren nach dem Krieg war der Bedarf an Mitteln für Notleidende enorm und die Werbung um Spenden machte einen Großteil der Arbeit des Hilfswerks aus.

3.1: Logo

Logo und Motto

Ganz oben links prangen Titel und Logo des Hilfswerks kombiniert mit einem biblischen Leitmotiv für christliches Handeln und Helfen: „Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich ich sage euch, was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Evgl. Matth. 25/40.“

3.2: Zerstörte Städte

Zerstörtes Stuttgart

Die Landkarte Württembergs wird rechts und links unten eingerahmt von zerstörten Städten. Ihre Wahrzeichen liegen in Trümmern. In ihren Ruinen sind sie sich merkwürdig ähnlich, so dass der Illustrator die Stadtwappen als erkennbare Insignien und Reste des einstigen Stolzes dazu gesellte.

Dargestellt sind die Städteauf der linken Bildseite:Böblingen, Friedrichshafen, Freudenstadt, Heilbronn, Heimsheim, Neckarsulm, Reutlingen, Stuttgart, Ulm; auf der rechten Bildseite: Crailsheim, Gaildorf, Löwenstein, Neuenstadt, Waldenburg, Weinsberg.

3.3: Hilfesuchende und Heimatlose

Flüchtlinge, oben

Am oberen und unteren Bildrand sind lange Reihen von Hilfesuchenden zu sehen: Alte, Junge, Versehrte, Kranke, Erschöpfte. Die Menschen oben entsteigen Zugwaggons - offensichtlich auf der Flucht -, bepackt mit Bündeln, Koffern und Kisten. Unten kommen sie zu Fuß, schleppen ihr Hab und Gut auf Handkarren oder auf von Ochsengespannen gezogenen Wägen. In diesen Szenen sind all diejenigen dargestellt, an die sich die Arbeit des Hilfswerks richtet.

Flüchtlinge, unten

Dazu wird deutlich: Der Arbeitsschwerpunkt lag bei den Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die sich vor und nach der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 auf den Weg in den Westen gemacht hatten. Die Probleme der Versorgung und Unterbringung, der Betreuung und Eingliederung – die Leib- und Seelsorge, waren für das Evangelische Hilfswerk in Württemberg eine immense Herausforderung.

3.4: Einrichtungen

Das zentrale bildbestimmende Motiv des Plakats ist die Karte von Württemberg. Unter anderem werden regionale Besonderheiten hervorgehoben: Wald-, Wiesen-, Jagd- oder Weinbaugebiete. Die Hauptinformation gilt jedoch den Orten, die Sitz einer Hilfseinrichtung sind. Eine Legende am rechten oberen Bildrand klärt auf, wo es sich um eine „Bezirksstelle“, eine „Einrichtung“ oder eine „Betreuungsstelle“ handelt. Kinderspeisungen gab es an so vielen Orten, dass sich der Illustrator mit dem Piktogramm eines essenden Kindes begnügt, das sich entsprechend wiederholt. Anders, bei Versehrteneinrichtungen wie in Isny und Oberstenfeld, wo einbeinige ehemalige Soldaten etwas individueller auf Krücken abgebildet sind. Das Altersheim in Lorch wird anschaulich durch zwei alte, gebückte Menschen auf einem Bänkchen darstellt. Jugenderholungs- und Freizeiteinrichtungen zeigen fröhliche junge Menschen, lesend, singend, musizierend.

4: Die dargestellten Einrichtungen nach Tätigkeitsfeldern

* = Detailmotiv im Plakat

KINDERSPEISUNG

KINDERERHOLUNGSHEIM

KINDERGARTEN/KINDERHORT

Crailsheim*

Altmannshofen*

Göppingen

Backnang*

Hitzenlinde*

Heidenheim

Eutendorf*

Scheidegg*

Heilbronn

Göppingen*

 

Ludwigsburg

Heidenheim*

KINDERHEIM

 

Herrenberg*

Laufenmühle*

SCHÜLERTAGESHEIM

Ludwigsburg*

Ulm (Mädchenheim)*

Mergentheim

Mergentheim

 

Nagold*

HEIMSCHULE FÜR FLÜCHTLINGSWAISEN

Öhringen*

Kleinglattbach*

Ravensburg*

Waiblingen*

Weinsberg*

 

SIEDLUNG

WOHNHEIM FÜR HEIMKEHRER

FREIZEITHEIME

Backnang

Ludwigsburg*

Hohenzollern*

Oberurbach*

 

Stettenfels*

 

ERHOLUNGSHEIM /GENESUNGSHEIM

 

SIEDLERAUSBILDUNGSSTÄTTE

Großsachsenheim(für Heimkehrer) *

ALTERSHEIME

Kleinbottwar*

Honau

Lorch*

 

Oberstenfeld (für Heimkehrer)

Ludwigsburg

HILFSKRANKENHAUS

 

Stettenfels

Mergentheim

VERSEHRTENHEIM

 

 

Isny*

ALTENSPEISUNG

 

Oberstenfeld*

Stuttgart

 

STUDENTENHILFEN

ENTLASSUNGSLAGER

HAUPTLAGER

Reinerzau (Erholung) *

Malmsheim*

Stuttgart

Stuttgart (Hilfe)

Tuttlingen*

 

Tübingen (Speisung) *

Ulm*

AUSSENLAGER

 

 

Ludwigsburg

WERKSTÄTTEN

FLÜCHTLINGSLAGER

Tübingen (Zweigstelle)

Ludwigsburg

Unterkochen*

Ulm

Magstadt (Weberei und Töpferei) *

 

Waiblingen

Oberstenfeld

Waiblingen

 

ARBEITSGILDEN

Stettenfels*

Stuttgart-Burgholzhof

5: Der Gestalter des Plakats Curt Zeh (1919-2013)

Curt Zeh wurde in Podelwitz, im damaligen Kreis Leipzig geboren. Schon als Kind zeichnete er leidenschaftlich gern und viel. Den Krieg erlebte er hautnah mit. Als 20jähriger wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, kämpfte in Belgien, Russland und Ostpreußen, wurde mehrfach schwer verletzt, schloss sich einem Flüchtlingstreck an und kam schließlich in britische Kriegsgefangenschaft. Bei seiner Rückkehr nach Kriegsende fand er sein elterliches Haus in Leipzig zerbombt vor. In Oldenburg konnte er sich einige Zeit als Schriftenmaler über Wasser halten, indem er in einem Hangar auf dem ehemaligen Fliegerhorst für das britische Militär Grabkreuze der gefallenen britischen Soldaten beschriftete. Zeitenweise nahm er Zeichenunterricht bei den Oldenburger Malern Wilhelm Kempin und Heinz Liers, wo er Kontakt zu anderen regionalen Künstlern bekam. 1947 bewarb er sich erfolgreich an der Kunsthochschule in Hamburg. Weil er jedoch keine Unterkunft in Hamburg nachweisen konnte, durfte er den Studienplatz nicht antreten. Ab 1947 arbeitete er schließlich als Werbegestalter und machte sich einen Namen durch das Malen von großformatigen Kino- und Reklametafeln. In diesem Zusammenhang wurde das Evangelische Hilfswerk Württemberg auf ihn aufmerksam und erteilte ihm den Auftrag für das Plakat. Ab 1970 war Curt Zeh auch als freischaffender Künstler tätig, schuf Porträts und Landschaften. 2013 starb er in Oldenburg.

Aktualisiert am: 15.09.2020