Waldenser

Protestantische Waldenser, die ihre Heimat in den Alpentälern zwischen Savoyen und Piemont hatten, wurden Ende des 17. Jahrhunderts vom Herzogtum Württemberg als Glaubensflüchtlinge aufgenommen. Man wies ihnen Siedlungsflächen im Nordwesten Württembergs zu.

Die Waldensergemeinden in Württemberg

Von: Lange, Albert de

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Hugenotten und Waldenser
  2. 2: Herkunft der württembergische Waldenser
  3. 3: Die Vorgeschichte 1685-1698
  4. 4: Die Ansiedlung 1699-1701
  5. 5: Im 18. Jahrhundert
  6. 6: Eingliederung in die württembergische Landeskirche 1823
  7. 7: Waldensische Identität 19.-21. Jahrhundert
  8. Anhang

  • Waldenserkolonien, gegründet 1699: 1. Großvillars (heute Ortsteil von Oberderdingen) mit Filiale Kleinvillars (heute Ortsteil von Knittlingen); 2. Pinache mit Filiale Serres (heute Ortsteile von Wiernsheim); 3. Perouse (heute Ortsteil von Rutesheim)
  • Hugenottensiedlungen von 1699: 1. Dürrmenz-Welschdorf (heute Ortsteil von Mühlacker) mit den neu gegründetenen Filialen Schönenberg, Sengach und Corres (heute Ortsteile von Ötisheim); 2. Wurmberg-Lucerne (heute Wurmberg)
  • Waldenserkolonien, gegründet 1700: 1. Neuhengstett (heute Ortsteil von Althengstett); 2. Nordhausen (heute Ortsteil von Nordheim)
  • Waldenserkolonien, gegründet 1701: 1. Palmbach (heute Ortsteil von Karlsruhe) mit Filiale Untermutschelbach (heute Ortsteil von Karlsbad)
  • Besonderheit: von 1699 bis 1823 französischsprachige reformierte Minderheit in Württemberg

Im Mai 1699 kamen mehr als 1500 Waldenser und Hugenotten in Dürrmenz bei Mühlacker an. Sie sollten, auch wenn die Aufnahmebedingungen noch nicht ganz geklärt waren, vor allem in das Oberamt Maulbronn angesiedelt werden. Es sollte allerdings zuerst den Unterschied zwischen Waldenser und Hugenotten erläutert werden.

1: Hugenotten und Waldenser

„Lux lucet in tenebris“ (Das Licht scheint in die Finsternis). Das „sehr alte Wappen der Täler“ belegt den Anspruch der Waldenser, dass sie schon lange vor der Reformation „evangelisch“ gewesen seien.

Mit „Hugenotten“ sind die Mitglieder der reformierten Kirche in Frankreich gemeint. Diese Kirche wurde 1559 gegründet und war von dem Genfer Reformator Johannes Calvin geprägt. Die Hugenotten durften ihre Religion seit 1598 auf Grund des Ediktes von Nantes öffentlich ausüben. Als König Ludwig XIV. 1685 dieses Edikt aufhob, flohen mehr als 100.000 Hugenotten illegal aus ihrer Heimat. Ungefähr 400 Hugenotten, die zuvor im Piemont gelebt hatten, kamen 1699 zusammen mit den Waldensern nach Württemberg.

Mit „Waldenser“ sind die Mitglieder einer Bewegung gemeint, die auf Waldes (besser bekannt als Petrus Waldus) zurückgeführt wird, der seit 1173 als Laienwanderprediger auftrat. Er und seine Anhänger wurden 1184 als Ketzer verurteilt. In Spätmittelalter waren die Waldenser auf die Cottischen Alpen zurückgedrängt. Hier gründeten sie zwischen 1555-1564 eine eigene reformierte Kirche calvinistischer Prägung. 1561 bekamen die Waldenser im Piemont das Recht auf öffentliche Ausübung ihrer Religion innerhalb der Tälern. Wegen ihrer mittelalterlichen Herkunft betrachteten die Waldenser sich als „Mutter der Reformation“. 1698 wurden 3.000 Waldenser aus dem Piemont vertrieben. Die meisten von ihnen fanden zwischen 1699-1701 Aufnahme in Württemberg.

2: Herkunft der württembergische Waldenser

Die Waldensertäler im 17. Jahrhundert. Die Grenze zwischen Frankreich und Savoyen-Piemont bis 1713 und die heutige Grenze (schwarz). Das 1630-1696 französisch besetzte linke Ufer des Chisonetales ist rot gefärbt.

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Alle Waldenser, die 1699-1701 nach Württemberg kamen, stammen aus dem Chisonetal. Dieses Tal liegt im Piemont auf der italienischen Seite der Cottischen Alpen. Politisch war es allerdings jahrhundertelang zweigeteilt.

Die obere Talhälfte (auch bekannt als Pragelatal) kam erst 1713 zum Piemont. Vorher war sie Teil die Dauphiné, die 1354 von Frankreich gekauft wurde. Die untere Talhälfte dagegen war schon im Hochmittelalter Teil des Piemonts, das seit dem 11. Jahrhundert von den Grafen, später Herzögen von Savoyen regiert wurde. 1630 eroberte Frankreich das linke Ufer der unteren Talhälfte erobert und hielt es bis 1696 in Besitz.

Das Chisonetal bildete, zusammen mit dem Sankt Martinstal (heute Germanascatal) und das Lusernatal (heute Pellicetal), die „Waldensertäler“Waldensert. Zwischen 1555-1598 gehörten die sechs reformierten Kirchengemeindender oberen Talhälfte (Pragelato, Usseaux, Fenestrelle, Mentoulles, Roure und Meano) zur Waldenserkirche im Piemont. 1598 mussten sie diese unter Druck des Herzogs von Savoyen verlassen und schlossen sich nun der französisch-reformierten Kirchenprovinz Dauphiné an. Das linken Ufer der unteren Talhälfte, wo sich drei großen Waldensergemeinden (Villar, Pinache und Perouse) befanden, blieb auch während der französisch Besetzung Teil der Waldenserkirche im Piemont.

3: Die Vorgeschichte 1685-1698

Die Aufhebung des Ediktes von Nantes im Jahre 1685 betraf sowohl das obere Chisonetal, wie das von Frankreich besetzte untere Tal. Viele Waldenser flohen, andere bekehrten sich zum Schein. Im Jahre 1686 wurde auch die Waldenserkirche im Piemont verboten. 1687 ließ der Herzog von Savoyen beinah 3000 Waldenser, die weigerten katholisch zu werden, nach Genf deportieren. Allerdings dauerte ihr Exil nicht lang. Schon 1689 kehrten 1000 Waldenser und Hugenotten bewaffnet in das Piemont zurück und begannen einen Guerillakrieg. Der Herzog von Savoyen gewährte 1690 unter englischen und niederländischen Druck den Waldensern wieder Religionsfreiheit.

Viele Waldenser aus dem Chisonetal, die nach 1685 geflohen waren, zogen nun in die piemontesischen Waldensertälern, bald gefolgt von denen, die sich im Schein konvertiert hatten. Auch Hugenotten aus der Dauphiné zogen zu.

Lange dauerte die Gastfreundschaft nicht. Der Herzog von Savoyen ordnete am 1. Juli 1698 an, dass alle Waldenser, die als französischen Untertanen geboren waren, das Piemont verlassen mussten. Davon waren auch die Waldenser des unteren Chisonetales betroffen, obwohl Frankreich es ihm 1696 zurückgegeben hat. Auch die Hugenotten mussten gehen. Allein die Waldenser, die im Pellicetal, im Germanascatal oder am rechten Ufer des unteren Chisonetals geboren waren, durften bleiben; sie hielten hier die Waldenserkirche bis zum heutigen Tag am Leben. In September 1698 wurden 2300 Waldenser und Hugenotten in sieben „Brigaden“ nach Genf deportiert und verbrachten den Winter in der Schweiz.

4: Die Ansiedlung 1699-1701

Pieter Valkenier, niederländische Sondergesandte für die Ansiedlung der Waldenser in Deutschland.

Deutsche Waldenservereinigung

Dank der diplomatischer Unterstützung des niederländischen Sondergesandten Pieter Valkenier zeigten sich 1699 mehrere Fürsten in Südhessen und Herzog Eberhard Ludwig von Herzogtum Württemberg bereit, die Vertriebenen aufzunehmen. Die Ansiedlung der Waldenser erfolgte auf der Grundlage sogenannter „Privilegien“. Darin legten die Landesherren die Aufnahmebedingungen fest. Sie ermöglichten es den Waldensern „Kolonien“ zu errichten, also eigene Gemeinwesen mit korporativen Sonderrechten. In Württemberg gewährte Eberhard Ludwig in seinen Privilegien vom 4. September 1699 trotz des Widerstandes der lutherischen Theologen und Juristen den Waldensern das Recht auf freie und öffentliche Ausübung der reformierten Religion. Damit durchbrach er zum ersten Mal den lutherischen Homogenität von Württemberg.

Die Waldenser aus dem oberen Chisonetal wurden für Südhessen bestimmt, die Waldenser aus dem unteren Tal für Württemberg, wo sie 1699 die Kolonien Großvillars (mit Kleinvillars), Perouse und Pinache (mit Serres) gründeten, die sie nach ihre Herkunftsorten nannten. Die 400 Hugenotten, die mit den Waldensern nach Württemberg gelangten – wie der Pfarrer Henri Arnaud aus Embrun im Dauphiné – kamen 1699 in Dürrmenz (undin ihren etwas später gegründeten Filialen), bzw. in Wurmberg unter.

1700 und 1701 wanderten viele Waldenser aus Hessenweiter nach Württemberg, weil sie dort bessere Bedingungen vorfanden, und gründeten die Kolonien Nordhausen, Neuhengstett und Palmbach (mit Untermutschelbach). So entstanden sechs Waldenserkolonien in Württemberg, welche sich durch ihre planmäßige, „barocke“ Anlage von den mittelalterlichen Nachdörfern unterscheiden.

5: Im 18. Jahrhundert

Die Waldenser wurden in Württemberg als „Welschen“ bezeichnet, weil sie in Schule und Kirche französisch, im alltäglichen Leben okzitanisch sprachen. Sie blieben zunächst eine isolierte Minderheit, die in bittere Armut lebte und kaum im Stande war ihre Kinder aus zu bilden, wie Pfarrer Andreas Keller von Neuhengstett in seinem Geschichte der Waldensern (1796) zeigt. Die Waldenser hinterließen deshalb kaum Spuren in die damaligen württembergische Gesellschaft. Ihre Versuche, die Seidenkultur in Württemberg neu aufzubauen, blieben ohne Erfolg. Nur zur Verbreitung der Kartoffel könnten sie beigetragen haben.

6: Eingliederung in die württembergische Landeskirche 1823

Im neuen Königreich Württemberg verloren die waldensischen Kolonien ihre Sonderrechten. Davon war 1823schließlich auch ihr Recht auf die öffentliche Ausübung der reformierten Religion betroffen. Auf Wunsch des Königs wurden 1823 alle Waldensergemeinden in Württemberg in die lutherische Kirche integriert. Die Verwendung der französischen Sprache in Schule und Kirche wurde trotz ihrer Widerstand verboten. Jean Henri Perrot (1798-1853), der in Neuhengstett unterrichtete, könnte man als „letzte waldensische Schulmeister“ der Waldenser in Württemberg betrachten.

7: Waldensische Identität 19.-21. Jahrhundert

Das Henri-Arnaud-Haus, Sitz der Deutschen Waldenservereinigung. Es enthält ein ein Museum, ein Archiv und eine Bibliothek zur Geschichte und Gegenwart der Waldenser.

Deutsche Waldenservereinigung

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Waldenser in Württemberg assimiliert. Bald sprachen sie kaum mehr französisch oder okzitanisch und ihre Kirchenräume wurden allmählich lutherisch umgestaltet. Trotzdem nahmen sie 1899-1901 in großer Zahl an den Veranstaltung anlässlich des Zweihundertjahrfeiers ihrer Ansiedlung statt. Es zeigte sich eine Neubelebung ihrer „waldensischen“ Identität. Triebfeder waren die Erinnerung an der Glaubensmut der Vorfahren und die Pflege der Beziehungen zu den Waldensertälern im Piemont.

Seit 1899 blieben die Waldenser in Württemberg traditionsbewusst. 1936 kam es zur Gründung der Deutschen Waldenservereinigung, die das Haus des Pfarrers Henri Arnaud in Schönenberg als Sitz erwarb. Diese Neubelebung der „waldensischen“ Identität war zunächst lutherischen Pfarrern in den ehemaligen Waldenserkolonien zu verdanken, insbesondere Adolf Märkt (1861-1947) in Pinache und Ludwig Zeller (1889-1981) in Ötisheim. In den letzten Jahrzenten wurde die Pflege der eigenen Identität vor allem von Gemeindepartnerschaften zwischen den Waldenserkolonien in Württemberg und ihren (katholischen) Herkunftsorten im Chisonetal gefördert.

Aktualisiert am: 17.12.2014