Lutherbilder in württembergischen Kirchen

 

Im Rahmen des Ausstellungsprojektes der Evangelischen Landeskirche in Württemberg „Luther und Württemberg. Berührungen, Wirkungen und Bilder" zum 500. Reformationsjubiläum tauchte die Frage auf, ob und in welchem Maße Luther auch in den hiesigen Kirchen bildlich präsent wurde.

Lutherbilder in württembergischen Kirchen

Von: Kittel, Andrea

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Bilder im kirchlichen Raum nach der Reformation
  2. 2: Lutherbilder
  3. 2.1: Attribute und Luthers Aussehen
  4. 2.2: Das bildprägende 19. Jahrhundert
  5. 2.3: Das 20. Jahrhundert
  6. 3: Lutherbilder und Identität
  7. Anhang

Martin Luther gehört zu den am häufigsten dargestellten Personen der Weltgeschichte. Allein zu Luthers Lebzeiten sollen rund 500 Bilder entstanden sein. Vielfältige Lutherdarstellungen sind auch heute noch in Museen und Kirchen zu besichtigen. Im Rahmen des Ausstellungsprojektes der Evangelischen Landeskirche in Württemberg „Luther und Württemberg. Berührungen, Wirkungen und Bilder" zum 500. Reformationsjubiläum tauchte die Frage auf, ob und in welchem Maße Luther auch in den hiesigen Kirchen bildlich präsent wurde – und wenn ja: Wie sehen diese Bilder aus? Wann und in welchem Zusammenhang wurden sie gefertigt?

Erste Antworten ließen sich in der Datenbank der Kircheninventarisation finden, die vom Landeskirchlichen Archiv Stuttgart ausgehend die liturgische und bauliche Ausstattung der Kirchen erfasst. Bislang wurde jedoch lediglich ein Fünftel aller Kirchenbezirke aufgenommen. Also konnte hier nur ein kleiner Ausschnitt sichtbar werden.

So kam die Idee auf, direkt auf die einzelnen Kirchengemeinden zuzugehen und sie nach „ihrem" Lutherbild zu fragen.(1) Verbunden war damit die Hoffnung, auf diese Weise wichtige Daten, aber auch Hintergrundinformationen zu sammeln und damit die Gemeinden vor Ort in das Ausstellungsprojekt in der Stuttgarter Schlosskirche einzubeziehen. In einem Rundschreiben an die 1312 württembergischen Kirchengemeinden wurden die Verantwortlichen gefragt, ob sich in ihren kirchlichen Räumen irgendwo ein Lutherbildnis befinde – sei es ein Gemälde, eine Skulptur, ein Fenster, eine Druckgrafik oder Sonstiges. In einem beigefügten Fragebogen sollten Technik, Künstler, Größe und Standort eingetragen werden. Um eine Fotografie des Werkes wurde gebeten. Die gemeldeten Bilder sollten als visuelle Installation in der Stuttgarter Ausstellung zum Reformationsjubiläum präsentiert werden.

Nach und nach trafen die Rückläufe ein und bald wurde deutlich, dass die Bandbreite der Lutherdarstellungen in württembergischen Kirchen riesig ist. Informationen kamen von kleinen Dorfkirchen genauso wie von prächtigen Stadtkirchen sowie aus Pfarr- und Gemeindehäusern. Die künstlerische Qualität der Werke reichte von beachtlich bis originell, hin und wieder auch seriell. Der Platz der Bildnisse ist häufig prominent im Kircheninneren, nicht selten jedoch auch in der Abstellkammer, verborgen unter Spinnweben. Die mitgelieferten Fotos waren ebenfalls von unterschiedlicher Qualität. Aber immerhin: die Beteiligten taten ihr Bestes, was Licht- und Größenverhältnisse in den Räumlichkeiten zuließen.

Insgesamt 81 Ölgemälde, 9 Wandmalereien, 23 Skulpturen und Reliefs, 8 Kirchenfenster und 38 Druckgrafiken kamen zusammen. Ganz sicher sind nicht alle existierenden Bildnisse zur Meldung gekommen. Die eingesandten Werke können daher nicht als repräsentative Gesamtschau vorgestellt werden. Dennoch lassen sich ungefähre Beobachtungen anstellen, was diese Bilder partikulär macht oder vereint. So finden sich durch all die Jahrhunderte wiederkehrende Bildzusätze wie etwa Inschriften mit bekannten Lutherworten oder auch die Lutherrose, die einst als Wappen und Siegel genutzt, heute zum Symbol für Luther und die lutherische Kirche geworden ist.(2) Bei der Durchsicht des eingesandten Bildbestandes ist darüber hinaus eine Tendenz herauszulesen: Der Großteil der Lutherdarstellungen in den Kirchen entstand im 19. Jahrhundert. Diese Tatsache lässt erahnen, wie stark die Bilder dieser Zeit unsere Vorstellung von Luther geprägt haben.

1: Bilder im kirchlichen Raum nach der Reformation

Markgröningen, Ev. Stadtkirche, 1583

Foto: Manfred Simon

Die Anfänge der Reformation wurden begleitet von einer zuvor nicht gekannten Flut polemischer Druckerzeugnisse wie Karikaturen und Schmähschriften. Bilder wurden dabei gezielt als Propagandamedien eingesetzt und bekamen eine wesentliche Bedeutung.

In den Kirchenräumen begann man jedoch erst einmal zu entrümpeln. Nach Einführung der Reformation in Württemberg hatte Herzog Ulrich 1536 seine eigene Hofkapelle vollständig von Bildern räumen lassen. Mit diesem Schritt wollte er einen deutlichen Maßstab setzen, dass Bildnisse in evangelischen Gottesdiensträumen im Land künftig keine Rolle spielen sollten. Kurz darauf ließ er allerdings etwas einschränkend verkünden, es sollen nur die Bilder, die angebetet werden entfernt werden, „unärgerliche" Bilder aber seien zu dulden.(3) Den Reformatoren galten die Heiligen und ihre Anbetung als Götzendienst. Da viele Kirchenräume reich mit Heiligen- und Marienlegenden ausgeschmückt waren, forderten sie deren Entfernung. Luther war nicht für ein gewaltsames Vorgehen in dieser Sache.(4)Er selbst schätzte zwar das Wort gegenüber dem Bild höher ein, denn Bilder hatten für ihn keinen unmittelbar heilsrelevanten Charakter. In einem didaktischen Sinn befürwortete er aber Bilder mit biblischen Inhalten, die das in der Predigt Vermittelte den Zuhörern veranschaulichen und einzuprägen vermögen.} Markgröningen, Ev. Stadtkirche, 1583 (F: Manfred Simon)

Er selbst schätzte zwar das Wort gegenüber dem Bild höher ein, denn Bilder hatten für ihn keinen unmittelbar heilsrelevanten Charakter. In einem didaktischen Sinn befürwortete er aber Bilder mit biblischen Inhalten, die das in der Predigt Vermittelte den Zuhörern veranschaulichen und einzuprägen vermögen.} Markgröningen, Ev. Stadtkirche, 1583 (F: Manfred Simon)Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann sich in den württembergischen Kirchen allmählich eine eigene evangelische Bildtradition zu entwickeln. Vereinzelt wurden Kirchen mit einem mehr oder weniger umfangreichen Bildwerk ausgestattet. Der Schwerpunkt dieser Darstellungen liegt auf dem Christusgeschehen. Davon ausgehend, gruppieren sich biblische Szenen, die Anfang und Ende der Menschheitsgeschichte einschließen. Diese Bilder sollen nicht Zierrat, nicht Selbstzweck sein. Es sind „nützliche Bilder", die die Rückbesinnung des Luthertums auf die Bibel, verdeutlichen und den Blick auf Christus frei geben.

Die neue Art der lutherischen Christusfrömmigkeit, die die Liebe zur Bibel miteinschließt, zeigt sich vereinzelt auch in gemalten Bibelworten im Kirchenraum. Das früheste Beispiel ist die Stadtkirche von Markgröningen, deren biblische Inschriften auf das Jahr 1593 zurückgehen.

Vereinzelt finden sich seit dem 17. Jahrhundert auch Bekenntnisbilder, die an die Übergabe der Augsburger Konfession am 25. Juni 1530 erinnern und gottesdienstliche Handlungen abbilden, wie sie das Luthertum in dieser Zeit beging.(5)

Wer in den württembergischen Kirchen nach ausgesprochen kunsthistorischen Kostbarkeiten nachreformatorischen Ursprungs sucht, wird enttäuscht werden. Künstler von überdurchschnittlicher Bedeutung waren so gut wie nirgends am Werk. Meist waren es Maler aus der unmittelbaren Umgebung, deren Namen kaum bekannt waren. Ein großer Teil der Bildnisse verdankt sein Entstehen Impulsen der Ortsgemeinden, was unschwer an den Stifterinschriften zu erkennen ist. Die herzogliche Kirchenverwaltung war auf Sparsamkeit bedacht, und Ausgaben dieser Art hatte man genehmigungspflichtig gemacht.(6)

2: Lutherbilder

Crailsheim, Ev. Liebfrauenkapelle, 1578

Foto: Foto Schlossar

Bereits die Reformatoren setzten Lutherbildnisse bewusst als Mittel zur Verbreitung ihrer Anliegen ein. Die mediale Abbildung eines Zeitgenossen war um 1520 ein neues Phänomen. Bis dahin gab es hauptsächlich Bilder von Obrigkeiten, von Fürsten und Päpsten oder aber von Heiligen, die bevorzugt an Wallfahrtsorten in Umlauf kamen. Nach Luthers Tod 1546 entstanden neben der Propagandagrafik zunehmend auch Stilisierungen seiner Person als Glaubenszeuge, Prophet oder Zeitgenosse Christi. 

Die Nähe zu Christus betont das im Altar der Blaubeurener Stadtkirche integrierte Tafelbild. Obwohl die Fragen zu Künstler und Stifter nach neuen Untersuchungen wieder offen sind, enthält die Kreuzigungsdarstellung einen zu Christus empor blickenden Luther.(7) Mitten unters Volk gemischt, erscheint Luther als Teilnehmer des neutestamentlichen Ereignisses. Wogegen er auf einem Tafelbild von 1578 in der Liebfrauenkapelle in Crailsheim, der Taufe Jesu im Jordan zwar beiwohnt, jedoch im Kreise weiterer Reformatoren und reformatorisch gesinnter Fürsten eher als überzeitlicher Zeuge auftritt. Christus und das Sakrament der Taufe stehen bildlich wie thematisch im Zentrum und unterstreichen den bekenntnishaften Charakter der Darstellung.

Brettach, Ev. St. Peter und Paulkirche, 1591

Foto: Heide Quandt

Frühe Lutherdarstellungen in württembergischen Kirchen finden sich auch bei Wandmalereien von Apostelzyklen. Die Apostel als Träger der Kirche sind ein aus dem Mittelalter übernommenes Motiv, das nach der Reformation beibehalten, bzw. in neuer Form fortgesetzt wurde. Die Apostel fungieren in diesen Bildreihen nicht mehr als Heilige, sondern als Christuszeugen Diese protestantische Neuakzentuierung ist häufig in den beigegebenen Texten zu erkennen: Die Apostel stehen nun für das biblische Wort, das seinerseits seine Mitte in Christus findet. Bereits bestehende mittelalterliche Apostelzyklen erhielten „zeitgemäße" Übermalungen, bei denen im Lauf der Jahrhunderte nicht selten eine Figur geopfert und zum Luther umgestaltet wurde.

Welche Version wann entstanden ist, lässt sich bei diesen Wandmalereien aufgrund der lückenhaften Quellenlage nicht immer mit Sicherheit sagen. Es wird vermutet, dass sich in Brettach eine der ältesten Wandmalereien, die Luther zeigt, befindet. Der dazugehörige Apostelbildzyklus ist nicht mehr erhalten, dafür die ihn umgebenden Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Eine Inschrift weist darauf hin, dass die Malerei auf das Jahr 1591 zu datieren ist. 1681 wurden die Bilder einer Auffrischung unterzogen, Luther möglicherweise übertüncht und erst 1955 wieder entdeckt.(8)

Veränderungen gab es auch bei dem 1516 geschaffenen Apostelzyklus in der Stadtkirche von Bad Wimpfen. Die Wandmalerei wurde im Jahr 1870 aktualisiert, indem man kurzerhand den Philippus mit „Lutherzügen" übermalte.

 


Aldingen (bei Tuttlingen), Ev. Mauritiuskirche, 1736/1886

Foto: Christian Vosseler

1736 entstand in Aldingen bei Tuttlingen ein Apostelzyklus mit Lutherfigur. Die gesamte Bildreihe wurde 1886 gestalterisch überarbeitet, nach der Restaurierung 1967 allerdings wieder in die erste Form zurückgeführt. Zum Vorschein kamen die palmettengerahmten Kartuschen, die nicht nur, wie in der neueren Version die Namen der Dargestellten, sondern noch jeweils ein Zitat aus der Heiligen Schrift enthielten.(9)

In drei württembergischen Gemeinden wird die besondere Beziehung Luthers zum Apostel Paulus bildlich hervorgehoben. In der Kirche in Holzmaden hängt ein Ölgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Im Zentrum ist Christus am Kreuz (mit geöffneten Augen)darstellt, rechts davon Paulus (1. Kor. 2,2), der mit ausgestrecktem Arm auf Christus zeigt und links Luther (Röm. 4,5), der auf die Heilige Schrift zeigt. Rund hundert Jahre später, 1834, kopierte ein unbekannter Maler das Bild für die Kirche in Oberlenningen. Bereits wenige Jahre zuvor, zum Reformationsjubiläum 1817, hatte der Maler Johann Michael Holder für die Kirche im nahegelegenen Roßwälden ein nahezu identisches Bild geschaffen. Da sich diese Gemeinden in nicht allzu weiter Entfernung voneinander befinden, kann hier ein „Ansteckungsfaktor" vermutet werden. Inhaltlich gesehen wird hier Luther als der Interpret der paulinischen Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders durch die Gnade Gottes präsentiert und mit dem Apostel Paulus auf eine Ebene gestellt.(10)

 

2.1: Attribute und Luthers Aussehen

Nach heutigem Kenntnisstand soll Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) der einzige Künstler sein, dem Luther persönlich Porträt gestanden hat. Er hatte seine Werkstatt in Wittenberg und stellte als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen seine Kunst auch in den Dienst der Reformation. Die Familien Cranach und Luther waren befreundet und hielten engen Kontakt. Lucas Cranach der Jüngere (1515-1586) stieg in das Geschäft des Vaters ein und schuf ebenfalls zahlreiche Lutherporträts. An den Bildern aus der Cranachschen Werkstatt orientierten sich die meisten Künstler der Folgezeit mehr oder weniger streng. Nach deren Vorbildern fertigten sie neben Gemälden vor allem Holzschnitte und Kupferstiche, die als Illustrationen den reformatorischen Druckschriften beigegeben wurden oder als Frontispizien in Gesangbüchern und Bibeln in Umlauf kamen.

Trotz dieser realitätsnahen Vorbilder fällt auf, dass in Gemälden bis ins 18. Jahrhundert hinein das Aussehen Luthers stark variiert. Nicht Luthers Physiognomie sondern andere Erkennungsmerkmale scheinen wichtiger zu sein: sakrale Szenen und Allegorien, oder wie früher bei den Heiligen, spezielle Attribute. Eines der wichtigsten Luther-Attribute ist die Bibel. „Sola scriptura" ist die wesentliche Botschaft. Mit dem Fingerzeig auf die Heilige Schrift wird Luther zur Figur der Heilsgeschichte. Dargestellt im Studierzimmer, in voluminöser Schaube als Gelehrter(11) wird er zum protestantischen Kirchenvater, zum Fels der evangelischen Konfession. Die Feder weist ihn als Bibelübersetzer aus. Im konfessionellen Zeitalter vermitteln diese Bilder Orientierung und Zuversicht. Nicht die Person Luthers wird ins Zentrum gerückt, sondern seine Funktion als Überbringer der reinen, wahren Lehre. Luther rückt dabei gleich neben die Evangelisten.

Zu manchen dieser Arrangements gesellt sich im 17. Und 18. Jahrhundert ein Schwan. Dieses Motiv geht auf eine angebliche Äußerung des tschechischen Reformators Jan Hus zurück. Bei seiner Hinrichtung als Ketzer 1414 in Konstanz soll er sinngemäß gesagt haben, heute bratet ihr eine Gans (tschechisch „Hus"), aber in hundert Jahren wird ein Schwan kommen, den ihr nicht mehr zum Schweigen bringen könnt. Der Schwan galt schon in der Antike als Symbol für Reinheit und Licht. Mit dem Schwanattribut wird Luther zur gottbegabten Lichtfigur. In der Amanduskirche in Beihingen am Neckar wird der Aspekt des Lichtes noch zusätzlich verstärkt. Es wird bildlich Bezug genommen auf die Stelle in der Bergpredigt „Ihr seid das Licht der Welt" mit besonderem Verweis auf Matthäus 5,14-15: „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern stellt es auf einen Leuchter".

In einigen Lutherbildnissen des 18. Jahrhunderts sind schließlich auch die Einflüsse von Pietismus und Aufklärung zu erkennen. Der Pietismus betonte die Herzensfrömmigkeit gegenüber der reinen Lehre, die der Orthodoxie zugrunde lag. Gefordert war nunmehr christliche Lebenspraxis statt dogmatischer Rechthaberei. Nach Überzeugung der Pietisten soll für Luther die Theologie keine Sache des Intellekts, sondern der Existenz gewesen sein. Wer durch Bußkämpfe hindurch zur Gewissheit persönlicher Erlösung gelangt sei, dem müsse man dies auch ansehen können. Auf verschiedenen Porträts aus dieser Zeit ist Luther kaum zu erkennen – wie etwa das Gemälde von 1769 aus Hausen ob Verena. Die Anmutung ist rund und freundlich, der Blick selig. Die Quelle der Glückseligkeit ist die Heilige Schrift, die er in den Händen hält.(12) Das 1714 geschaffene Lutherporträt in der Emporebrüstung in Meimsheim dagegen zeigt ihn als kritisch blickenden Aufklärungstheologen.

2.2: Das bildprägende 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert kamen viele Lutherbilder in die württembergischen Kirchen, oft aus Anlass der in dieser Zeit häufiger gefeierten Lutherjubiläen. Dem 300. Jubiläum des Thesenanschlags 1817 folgte 1846 das Gedenken an Luthers 300. Todesjahr und schon 1883 feierte man seinen 400. Geburtstag. Mit dem erwachenden Nationalbewusstsein der Deutschen nach den Freiheitskriegen (1813, 1815) verstärkte sich das Interesse am Leben und Wirken des deutschen Reformators. Hervorgehoben wurde seine Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Schriftsprache. Im Zusammenhang mit der Herausbildung des modernen Konfessionalismus vollzog sich eine regelrechte Luther-Heroisierung. In mehreren deutschen Städten wurden Lutherdenkmäler eingeweiht. Als Zimmerstandbilder oder Gipsreliefs landeten ihre Kopien in württembergischen Kirchen und in Pfarrhäusern. Man wollte ihn, den starken, entschlossenen deutschen Glaubenshelden, überall haben – in Kirchenfenstern, im Kirchengestühl, als Kanzelpostament, auf dem Schreibtisch.

Neben dem streitbaren Helden hatte man in Luther den Bürger entdeckt. Interessanterweise bezogen sich viele Porträtmaler im 19. Jahrhundert verstärkt auf eine Vorlage von Lucas Cranach d. J. von 1568. Dieses Bild wurde nicht, wie in früheren Zeiten, frei interpretiert, sondern, je nach handwerklichem Vermögen, so gut es ging kopiert. Charakteristisch an der Darstellung ist neben der Bibel, die Luther in den Händen hält, der weiße Hemdkragen mit schwarzer Schleife, darunter ein roter Streifen, in dem das Wams des Bürgers zu erkennen ist. Schon Cranach hatte darauf abgezielt, dass den Betrachtern sofort deutlich wurde: Mit dem unbiblischen Zölibat der römischen Kirche hat es ein Ende. Hier predigt kein Kleriker, sondern ein normaler, freier Mann, ein Ehemann und Vater.(13)

Das neue Interesse an der Person Luthers, an seiner Familie und seinen Lebensstationen wurde durch zahlreiche, nunmehr zu erschwinglichen Preisen in Umlauf gebrachte Druckgrafiken gefördert. Die neu entwickelte Technik des Steindruckes machte es möglich, dass das Lutherbild Eingang in die Häuser der Protestanten fand. Luther wird in diesen populären Bildern nicht nur als Reformator, sondern auch als vorbildlicher Hausvater dargestellt, der im Kreise der Familie musiziert oder Weihnachten feiert.

In Stuttgart eröffnete Oberstleutnant Wilhelm Baron von Löwenstern eine lithographische Anstalt und setzte ab 1827 das Leben des berühmten Reformators ins Bild. Mehrere Mitarbeiter standen ihm zur Seite: Christoph Faulhaber aus Bietigheim, Gottfried Küstner aus Freudenstadt, Johannes Thomas Scheiffele aus Stuttgart und G.M. Kirn. Sie waren Schüler der Königlichen lithographischen Anstalt in Stuttgart. Die Lutherdrucke Löwensterns waren so beliebt, dass sie vielfache Auflagen erhielten. Das Programm solcher Verlage zielte in erster Linie auf die Privatkundschaft. An diese richteten sich auch die beliebten Öldrucke, mit denen es gelang, einen fast echt wirkenden Cranach-Luther auf den Markt zu bringen. Unsere Umfrage hat ergeben, dass die preisgünstigen Angebote dieser Verlage auch von vielen Kirchengemeinden genutzt wurde, um ihre Räume zu schmücken.

Ein Thema, das sich vereinzelt schon im 18. Jahrhundert zeigt, im 19. Jahrhundert aber zu einem Genre wird, ist die Darstellung Luthers im Verbund mit anderen Reformatoren. Dabei befinden sich die Personen nur in wenigen Fällen gemeinsam auf einem Bild. Meist sind es als Pendants gestaltete Porträts. Ein Klassiker ist das Duo Luther und Melanchthon (1497-1560). Der aus Bretten in Baden stammende Philipp Melanchthon war Luthers Universitätskollege, Vertrauter und Mitstreiter für die Reformation. Er verfasste das Augsburger Bekenntnis und verteidigte es 1530 auf dem Reichstag. Die Grundlagen des evangelischen Bildungswesens gehen auf ihn zurück. Lukas Cranach hat die beiden Reformatoren mehrfach porträtiert. Als Kopien und serielle Öldrucke tauchen diese Vorlagen im 19. Jahrhundert auch in württembergischen Kirchen auf.

Vielfach ist Luther auch mit dem württembergischen Reformator Johannes Brenz (1499-1570) abgebildet, der zunächst in der Reichsstadt Schwäbisch Hall und später in Württemberg die Reformation vorangetrieben hat. Gemeinsam mit dem württembergischen Herzog Christoph (1515-1568) schuf Brenz in der Großen Kirchenordnung 1559 die Grundlage für ein evangelisches Gemeinwesen. Die württembergische Landeskirche ist bis heute durch diese im Wesentlichen von Brenz bestimmte, lutherische Form geprägt.

2.3: Das 20. Jahrhundert

Unterrombach-Hofherrnweiler, Ev. Kirche, Kirchenfenster, 1912

Foto: Ralf Michels

Mit der Feier von Luthers 400. Geburtstag 1883 hatte die Lutherrezeption eine neue Richtung bekommen. Der Luthermythos war damals zum Reichsmythos ausgebaut worden, der bis ins die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts andauerte. 1906 veröffentlichte der Stuttgarter Porträtist Karl Bauer (1868-1942) seine Mappe „Charakterköpfe zur deutschen Geschichte". Martin Luther hatte er in diese Reihe aufgenommen und ihn als Visionär deutscher Einheit und als Prophet des Kaiserreichs von 1970 porträtiert. Damit gab er ihm eine entschieden nationalpolitische Bedeutung. Zum Reformationsjubiläum 1917 wurden die Lutherbildnisse Karl Bauers massenhaft gedruckt, sie zierten Ansichtskarten und Konfirmationsscheine. Bauers Thema waren bedeutende, mächtige Männer – neben Goethe, Schiller und Beethoven porträtierte er Adolf Hitler.


Stuttgart, Reformationsdenkmal an der Hospitalkirche, 1912

Foto: Andreas Praefcke

Im ersten Weltkrieg wurden in Texten und Druckgrafiken die kämpferischen Tugenden des deutschen Reformators beschworen, um den Siegeswillen der Bevölkerung zu stärken. Doch schon zum Reformationsjubiläum 1917 wurden diese Töne leiser. Der euphorisch begonnene Krieg hatte sich zum zähen Stellungskrieg entwickelt. Die unzähligen Opfer und traumatisiert Heimgekehrten ließen die Feierlichkeiten eher verhalten ausfallen. In diesem Zusammenhang könnte das von Jakob Brüllmann (1872-1938) gestaltete Reformationsdenkmal an der Hospitalkirche in Stuttgart zu deuten sein. Luther und Brenz ducken sich demütig rechts und links des wiederauferstandenen Christus. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich" ist die zentrale Botschaft. Die beiden Reformatoren daneben wirken nachdenklich, stumm.

Im Jubiläumsjahr 1933, zu Luthers 450. Geburtstag, stilisierten die Nationalsozialisten den Reformator als eine zu allem entschlossene Führergestalt. Einige Reliefs, die in württembergischen Kirchengemeinden zu diesem Jubiläum angebracht wurden, konnten sich in ihrer Ästhetik dem herrschenden Geist wenig entziehen. Möglicherweise, um dies zu verhindern, gestaltete der Heidenheimer Künstler Helmuth Uhrig 1933 zur Einweihung der Martin-Luther-Kirche in Stuttgart-Sillenbuch ein Relief, das sich an einem Kupferstich von Lucas Cranach d. Ä. von 1521 orientierte. Dieses Profilbild Luthers in Mönchskutte war durch die Jahrhunderte auf vielen Münzen abgebildet – zuletzt zur 400-Jahr-Feier der Reformation 1917.

Sulzdorf, Ev. St. Margarethenkirche, Kirchenfenster Luther und Brenz, 1972

Foto: Hartmut Hanselmann

Nach 1945 gab es kaum mehr Initiativen, den Gottesdienstraum mit Lutherbildnissen zu schmücken. Eines der wenigen wurde 1972 als Kirchenfenster in der St. Margarethenkirche im Schwäbisch Haller Stadtteil Sulzdorf von Valentin Saile (1905-1995) geschaffen. Das Bildprogramm ist stark von der örtlichen Kirchengeschichte bestimmt: Martin Luther teilt sich ein Fenster mit Johannes Brenz. Sie stehen in einer Reihe mit vier Namenspatronen von Kirchen der Umgebung. Brenz, der ab 1522 Halls erster evangelischer Prediger war, ist der Markstein zwischen den altkirchlichen Heiligen und dem Lutherischen, das sich vor fünf Jahrhunderten durchsetzte.

3: Lutherbilder und Identität

Schwäbisch Gmünd, Wetzgau-Rehnenhof, Ev. Martin-Luther-Kirche, 2013

foto: Bruno Merz

Das Lutherbild hat sich durch die Jahrhunderte gewandelt. Die Menschen entwickelten ihre eigenen Sichtweisen von der Person Luthers und seiner Lehre. Die bildlichen Darstellungen zeigen, dass sich jede Zeit ihr eigenes Lutherbild geschaffen hat, dass theologische, historische, politische und philosophische Positionen ergriffen wurden, die den Reformator teilweise verherrlicht oder für politische Zwecke instrumentalisiert haben.(14)

Unbestritten ist die identitätsstiftende Wirkung des Bildes. Die meisten württembergischen Lutherbilder finden sich im Gottesdienstraum. An Wänden, Kanzeln, Emporen und Glasfenstern erzielen sie ihre Wirkung auf die Gemeinde als eine Form der lutherischen Selbstvergewisserung und konfessionellen Abgrenzung. Ein Beispiel aus unserer Umfrage zeigt dies in besonderer Weise: Im heute als Simultankirche genutzten Münster St. Anna in Heiligkreuztal fand man vor einigen Jahren in der evangelischen Sakristei eine Kreidelithografie mit dem Porträt Martin Luthers. Die derzeitige Pfarrerin berichtet, dass dieses Bild neu gerahmt wurde und fortan bei den 14-tägig (im Wechsel mit der katholischen Gemeinde) stattfindenden evangelischen Gottesdiensten auf der Nonnenempore aufgehängt wird. Nach Ende des Gottesdienstes wird das Bild jedes Mal abgenommen und fein säuberlich im Schrank verstaut. Selbst in Diasporagebieten scheint eine nach innen gerichtete identifikatorische Funktion vorherrschend zu sein.

Vielerorts weiß man mit dem mutigen, standhaften Deutschen, den Luther in manchen Darstellungen des 19. Und 20. Jahrhunderts gab, nicht mehr viel anzufangen. „Wie läuft das denn ab? Wird das Teil abgeholt? Wir brauchen es hier nicht mehr.", schrieb die Mitarbeiterin des Dekanatamts Esslingen, nachdem Sie ein Foto und den ausgefüllten Fragebogen zu einer voluminösen Lutherbüste zurück gesandt hatte, die im Untergeschoss des Gemeindehauses ihr Dasein fristet. Die Büste stammt von Adolf Donndorf (1835-1960), der 1885 auch das Lutherdenkmal in Dresden geschaffen hat und ab 1876 Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie in Stuttgart war. Das Prachtstück von einst mutet in heutiger Zeit wohl unangenehm fremd an.

Es fällt auf, dass sich fast keine neuen Lutherbildnisse in den Kirchen befinden. Das 21. Jahrhundert ist in unserer Umfrage nur ein einziges Mal vertreten. Die Martin-Luther-Gemeinde im Schwäbisch Gmünder Stadtteil Wetzgau-Rehnenhof ließ 2013 eine Holzskulptur vor ihrer Kirche errichten. Der Künstler Till Spengler schuf einen feist in sich ruhenden Luther mit Barett und Bibel, dargestellt ohne Pathos, mit einem gewissen Augenzwinkern in Richtung der historischen Vorbilder.

 

Eine Lutherskulptur von Otmar Hörl in der Kirchengemeinde Althengstett-Ottenbronn

Foto: Werner Schlecht

Moderne Lutherdarstellungen gibt es zu Hauf, sie finden jedoch kaum mehr Eingang in die Kirchen. Sie verbreiten sich eher in den Bereichen Werbung und Event. Die einstige Heldenverehrung ist gebrochen. Man versucht sich heute vielmehr im Kultigen, Witzigen mit Anklängen an die Popkultur, wie die Installation des Künstlers Ottmar Hörl zeigt. Sie ist eine Reminiszenz an die stolzen Lutherstandbilder vergangener Zeiten – transformiert in ein Heer aus bunten Plastikfiguren in Gartenzwergmanier. Die Kommerzialisierung Luthers, die im Jubiläumsjahr 1883 begonnen hat, wird heute fortgesetzt. Es kommen Luthersocken („Hier stehe ich") auf den Markt, wie auch Playmobilfiguren, die hauptsächlich zum Ausdruck bringen, dass Luther seinen Platz im kollektiven Bildspeicher der Gesellschaft behauptet – entsprechend dem Diktum der medialen Wirklichkeit, in der es weniger auf die Bedeutung als auf die Präsenz ankommt.(15)

Was ist in diesem Kontext noch darstellbar? Ist die Beliebigkeit der Bilder der Grund, weshalb moderne Lutherdarstellungen in den Kirchenausstattungen nicht mehr auftauchen?

Unsere Umfrage hat ergeben, dass immerhin 26 der gemeldeten Lutherbildnisse aus den Kirchenräumen entfernt wurden und in Abstellkammern oder Nebenräumen vor sich hindämmern. Als Erklärung möge einstweilen der Kommentar des Pfarrers der Göppinger Oberhofenkirche genügen, den er seiner Rückmeldung der Umfrage beigegeben hat: „Anbei unser Luther – abgestellt und verstaubt in einer Rumpelkammer des Kirchturms. Das Bild wird nicht mehr gebraucht. Heiligenverehrung ist nicht unser und nicht Luthers Ding. Aber Luthers Botschaft einer sich immer weiter reformierenden Kirche lebt – unter der Rumpelkammer und bei den Menschen."

Erstabdruck in: Andrea Kittel, Wolfgang Schöllkopf (Hg.): Luther kommt nach Württemberg. Berührungen, Wirkungen und Bilder, Stuttgart 2017 (Nr. 22),.

Aktualisiert am: 19.03.2018