Leiningen, Amalia Hedwig von

Von: Fritz, Eberhard

Amalia Hedwig von Donop wurde am 12. Januar 1684 auf Gut Donop in Westfalen, dem Stammsitz der Familie, geboren. Ihr Vater Levin Moritz von Donop zu Wöbbel und Borkhausen (1636-1695) bekleidete als Geheimer Rat, Landdrost und Kammerpräsident eine hohe Stellung in der Grafschaft Lippe. In zweiter Ehe heiratete er die Tochter eines hohen württembergischen Hofbeamten, Maria Juliane Bouwinghausen von Wallmerode (1663-1707). Deren Vater Heinrich Achilles Bouwinghausen von Wallmerode zu Macholach (1615-1685) gehörte dem reichsritterschaftlichen Adel an und besaß im Herzogtum Württemberg mehrere Güter. Er hatte 1649 den Ihinger Hof bei Renningen gekauft, ein abgelegenes Gut. Nach seinem Tod erbte die Enkelin Amalia Hedwig einige dieser Güter, darunter den Ihinger Hof und das Gut Ramstein. Sie heiratete 1702 den in Diensten des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg stehenden Georg Siegfried von Leiningen zu Sorgendorf, Ihingen und Mötzingen, der ebenfalls der Reichsritterschaft angehörte und den Rang eines württembergischen Kammerjunkers bekleidete. Der Ehemann war Obervogt des Amts Herrenberg und stand damit als höchster herrschaftlicher Beamter an der Spitze eines württembergischen Amtsbezirks.

Amalia Hedwig von Leiningen begeisterte sich für radikalpietistischen Ideen. Dabei kam ihr zugute, dass die reichsritterschaftlichen Familien im Herzogtum Württemberg eine Sonderstellung einnahmen. Seit dem Tübinger Vertrag von 1514 war der niedere Adel zugunsten der ehrbaren Familien von der politischen Mitwirkung an der Regierung ausgeschlossen. So blieben nur Funktionen im Hofdienst oder Positionen als Obervogt oder Forstmeister in den württembergischen Ämtern. Diese subalterne Stellung im Dienste des Herzogs von Württemberg beinhaltete eine gewisse Verletzung des adligen Selbstgefühls. Denn in seinem Verständnis war der Adel für das Herrschen bestimmt und nicht für das Dienen, sei es auch bei noch so hoch gestellten Herrschaften. In diesem Dilemma fanden einige Adelsfamilien die Lösung, einerseits dem Herzog willig zu dienen, andererseits aber auf ihren Gütern ihre herrschaftlichen Rechte offensiv wahrzunehmen. Dafür bot sich vor allem der kirchliche Bereich an, in dem die Adelsfamilien, welche Patronatsrechte besaßen, nicht der württembergischen Landeskirche unterworfen waren. Deshalb konnten sie auch Pfarrer anstellen, die in Württemberg keine Chance gehabt hätten. Gleichzeitig waren sie als Adlige vor gravierenden Übergriffen der württembergischen Behörden weitgehend geschützt.

Nach der Ernennung Georg Siegfrieds von Leiningen zum Obervogt in Herrenberg entstand dort durch Zusammenarbeit der im Pfarrdienst stehenden Brüder Sigmund Christian und Wilhelm Christian Gmelin mit Amalia Hedwig von Leiningen eine etwa 20 Personen starke separatistische Gruppe. Kontakte zu Radikalpietisten in der Residenzstadt Stuttgart, beispielsweise Elisabeth Schneider, sind belegt. Zusammen mit dem Magister Barthold, Hauslehrer ihres Sohnes Moritz Siegfried, hatte sich Frau von Leiningen 1711 separiert. Nachdem Sigmund Christian Gmelin 1706 wegen seiner pietistischen Umtriebe aus dem Pfarrdienst entlassen worden war, setzte sein jüngerer Bruder dessen Arbeit fort. Wilhelm Christian Gmelin und Amalia Hedwig von Leiningen ließen schließlich 1712 in Idstein im Fürstentum Nassau zwei Bücher – „Das Geheimnis der Bosheit und Gottseligkeit“ und „Das große Geheimnis der Offenbarung Jesu Christi in uns“ - drucken. Zwar wurden auf Befehl der Obrigkeit sämtliche Bücher, derer man habhaft werden konnte, beschlagnahmt, und die Baronin musste sich vor einer herzoglichen Kommission von Theologen und Hofpredigern verantworten, wobei sie sich unumwunden zu ihren radikalpietistischen Ansichten bekannte.  Aber ihr adeliger Rang schützte die Baronin vor Sanktionen, und es erwies sich als unmöglich, strafrechtliche Maßnahmen gegen sie zu ergreifen. Die Herrenberger Separatisten hielten im kleinen Kreis das Abendmahl auf eine Weise, die stark an die Abendmahlsfeiern der Täufer erinnert. Die Feier sollte allein die gegenseitige brüderliche und schwesterliche Liebe in ritueller Form bestätigen; deshalb verzichtete man auf die biblischen Einsetzungsworte.

Im Jahr 1715 erwarb die Familie von Leiningen das Schloss im nahe gelegenen Mötzingen, und die die Baronin förderte auch dort radikalpietistische Strömungen. Aus der Familie Sattler, die seit Generationen das Schlossgut Mötzingen gepachtet hatte, separierten sich einige Mitglieder von der Kirche. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich schließlich eine größere, sehr entschiedene Separatistengruppe gebildet.

Auf dem Ihinger Hof konnte Amalia Hedwig von Leiningen den Radikalpietisten aus ganz Südwestdeutschland einen besonderen geschützten Bereich bieten. Von ihrer Mutter, die aus dem Geschlecht von Bouwinghausen-Wallmerode stammte, hatte sie den Ihinger Hof bei Renningen geerbt – heute ein Versuchsgut der Universität Hohenheim. Dieser Hof war keiner Pfarrei zugeordnet, kirchlich also ein rechtsfreier Raum. Außerdem lag er recht abgelegen und war damit der herrschaftlichen Kontrolle weitgehend entzogen. Schließlich befand er sich im Zentrum des Herzogtums, von allen Richtungen her relativ gut erreichbar. Auf diesem Hof duldete die adlige Frau separatistische Versammlungen. Bald hatte sich die Kunde davon so weit verbreitet, dass sogar aus der Schweiz radikalpietistisch Gesinnte auf den Ihinger Hof kamen. Da sich vieles im Geheimen abspielte, ist die urkundliche Überlieferung äußerst lückenhaft und spärlich. Amalia Hedwig von Leiningen starb am 6. Januar 1756, und ihr Grabstein blieb bis heute erhalten. Der Ihinger Hof ging an ihren unverheirateten Sohn Siegfried Moritz von Leiningen (1703-1782) über. Dieser duldete weiterhin separatistisch gesinnte Personen auf dem Gut. Hier erhielten prominente Pietisten Impulse, so beispielsweise der Theosoph Michael Hahn aus Altdorf bei Herrenberg (1758 - 1819) und der Separatistenführer und Leinenweber Johann Georg Rapp aus Iptingen (1757-1847) einige Jahrzehnte lang, bis in die 1780er Jahre hinein, bildete der Ihinger Hof das wichtigste Zentrum des württembergischen Separatismus.

Amalia Hedwig von Leiningen gehört zu einem adligen Familienverband, von dem mehrere Mitglieder als Radikalpietisten in Erscheinung traten. Dazu zählte die Hofdame Johanna Katharina von Gaisberg und eine Frau von Stein, die mit ihrem Gemahl in Jebenhausen residierte und enge Verbindungen zu den Separatisten in Göppingen unterhielt. Soweit die Quellen erkennen lassen, traten diese Frauen selbständig auf, auch wenn sie verheiratet waren. Bei den genannten Protagonistinnen standen die Ehemänner im Schatten, während die Frauen als überzeugte und wirkungsmächtige Radikalpietistinnen erscheinen. Von Anfang an waren die Radikalpietisten bereit, Frauen als religiöse Autoritäten zu akzeptieren. Wieweit die Zugehörigkeit zur Oberschicht, repräsentiert durch Persönlichkeiten wie Amalia Hedwig von Leiningen, dabei ausschlaggebend war, wäre durch weitere Forschungen zu klären.

Aktualisiert am: 16.03.2021