Hiller, Philipp Friedrich

Von: Schnürle, Joachim

Philipp Friedrich Hiller (1699-1769)

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Der Liederdichter Philipp Friedrich Hiller ist mit seinen Werken heute nach wie vor im Evangelischen Gesangbuch präsent. Sein Himmelfahrtslied „Jesus Christus herrscht als König" ist eines der bedeutendsten Lieder der deutschsprechenden Christenheit zu diesem Kirchenfest. Es ist eines von insgesamt über 1000 Liedern aus seiner Feder – 1070 wurden gezählt und als „großer Hiller"(1) auch gesammelt gedruckt.

Geboren wurde Hiller am 6. Januar 1699 als Pfarrerssohn in Mühlhausen an der Enz und starb mit 70 Jahren am 24. April 1769 in Steinheim bei Heidenheim. Bis auf eine kurze Periode 1729 bis 1731 in Nürnberg, hat er Zeit seines Lebens im Schwabenland verbracht. Früh wurde der Junge Halbwaise – als er noch nicht zwei Jahre alt war, starb der Vater. Der Stiefvater ermöglichte ihm den Besuch der Lateinschule in Vaihingen an der Enz und anschließend ab 1713 der Klosterschule Denkendorf.In Denkendorf kam es zur Begegnung mit Johann Albrecht Bengel (1687-1752), der fortan der väterliche Freund und Ratgeber von Philipp Friedrich wurde. Schon dort in der Klosterschule fiel der Pfarrerssohn durch seine musikalische und dichterische Begabung auf. Nach der weiteren Station auf dem Weg zum Theologiestudium in der Klosterschule in Maulbronn 1716, konnte er ab 1719 über das Stift-Stipendium in Tübingen evangelische Theologie studieren.

Nach einer Vikariatszeit in Schwaigern, kam dann das Intermezzo im fränkischen Ausland, als Hauslehrer in Nürnberg von 1729 bis 1731. In dieser Zeit beschäftige sich Hiller mit dem Gebetbuch des Johann Arndt (1555-1621) – daraus entstand das erste gedruckte Werk von Philipp Friedrich: Johann Arndts Paradiesgärtlein geistreicher Gebeter und Lieder. Die Gebete Arndts sind in 301 Lieder umgeformt.

Ende 1731 kam Hiller dann als Vikar nach Hessigheim am Neckar. Die dortige Pfarrerstochter wurde im Folgejahr 1732 seine Frau. Hiller war dann als Pfarrer in Neckargröningen, seinem Geburtsort Mühlhausen an der Enz und seit 1748 in Steinheim bei Heidenheim. In diesen Jahren kam es nur zu einer weiteren Veröffentlichung: Gott=geheiligte Morgen=Stunden zur poetischen Betrachtung des Thaues, nach etlichen Sprüchen heiliger Schrift angewendet, Tübingen, Löffler, 1748 – mehr Zeit blieb wahrscheinlich nicht, was im Zusammenhang mit seinen pastoralen Aufgaben als Gemeindepfarrer und der Gründung einer Familie zu sehen ist.

Persönliche Leiderfahrungen

Manche familiäre Not begegnete dem Dichterpfarrer. Seine Frau, die Mutter von sieben Kindern war, wurde mehrmals so schwer krank, dass man nicht mit ihrem Überleben rechnen konnte. Hiller selbst traf 1751 ein schwerer Schlag: Infolge eines Halsleidens verlor er innerhalb kurzer Zeit trotz aller ärztlichen Bemühungen seine Stimme. Er konnte nicht mehr predigen, was ihm eine große innere Not bereitete. Eine leichte Besserung führte dazu, dass er im Folgejahr wieder aus der Nähe verstanden werden konnte. Zur Predigt jedoch blieb er untüchtig.(2) Die Pfarrstelle konnte er nur dadurch weiter behalten, weil ihm ein Vikar zu Seite gestellt war, der für ihn die Predigttätigkeit übernahm. Seelsorgerliche Kontakte besorgte Hiller weiterhin selbst. Zudem nutzte er die Zeit zu vertieftem Bibelstudium und zu seinem dichterischen Arbeiten.

In den nächsten Jahren hat er mehrere theologische Ausarbeitungen drucken lassen, die eine intensive Auseinandersetzung mit dem Alten Testament bekunden: Das Leben Jesu Christi, des Sohnes Gottes, unsers Herrn, in gebundener Schreibart nach den einstimmigen Schriften der heiligen Evangelisten verfasset (1752), und Neues System aller Vorbilder Jesu Christi durch das ganze Alte Testament: in ihrer vollständigen Schriftordnung und verwunderlichen Zusamenhang nach den beeden Oekonomiezeiten, zur Verehrung der göttlichen Weisheit; aufgestellt in sechs Schattenstücken samt einem Anhang und Beleuchtung (1758).

 

Liederkästlein. Ausgabe von 1831

Landeskirchliches Archiv. Museale Sammlung. Inv.-Nr. 93.937

Das Geistliche Liederkästlein

Das Geistliche Liederkästlein, die bekannteste Schrift von Philipp Friedrich Hiller ist in seiner „sprachlosen" Zeit entstanden. Der theologische Inhalt ist sicher im Hinblick auf das körperliche Gebrechen, das mit der Behinderung bzw. Verhinderung der Sprache das wesentliche Organ der Berufsausübung des Pfarrers betraf, zu sehen. Die geistliche Dichtung Hillers in dieser letzten Lebensphase kann auch verstanden werden als eine Therapie an der eigenen Seele. Sie kann vom Glauben her verstanden werden als Seelsorge Gottes an der Seele dieses Pfarrers, dessen Wirken trotz allen Leidens in Freude, Lob Gottes und Anbetung mündet. Es kann eine Parallelität zu den Leidenspsalmen Davids gesehen werden, der in der Anrufung Gottes und im Klagen durchdringt zu Lob und Anbetung. Auch bei Hiller ist eine weitere Bestimmung des Anteils der eigenen „Leidensarbeit" und dem göttlichen Wirken als Antwort auf die Anrufung Gottes an der gewonnen Zuversicht schwer möglich. Im ersten Teil des Liederkästleins, der 1762 erschienen ist, schreibt der Dichter in der Vorrede: „Mir ist‘s eine Freude, an dem Wort Gottes auf besondere Weise zu dienen, da ich es öffentlich nun nicht mehr tun kann. - Ich vermeinte, dass wir an solchen Liedern, die eigentlich vom Lob Gottes handeln, in Gesangbüchern und sonst keinen Überfluss haben."(3)

Je einem Bibelvers folgt ein kurzer Gedanke dem ein Lied meist mit zwei bis sieben Strophen folgt, die hauptsächlich auf die Anbetung Gottes, auf das Lob seiner Eigenschaften sowie seine Worte und Wohltaten gerichtet sind. Der zweite Teil erschien 1767, also zwei Jahre vor dem Tod des damals 68-jährigen. Der Hauptinhalt ist das Erwarten der Zukunft des Heilandes Jesus Christus. Wiederum ist er aufgebaut aus einem Bibelvers mit kurzer Bemerkung und einem Lied. Fern ist dieser Teil jedoch von einem lebensmüden Jenseitshoffen, einer depressiven Sehnsucht nach dem Tod. Vielmehr wird der Blick auf das Wiederkommen des Herrn gerichtet, was das Heil vollkommen macht, und auch dem körperlich Angefochtenen, den Blick auf die Endlichkeit von Krankheit und Leid verdeutlicht. Darin sind Hauptthemen der biblischen Botschaft und des biblischen Trostes aufgenommen, die auch heute noch Aktualität haben. Am Ende enthält das Liederkästlein je ein Morgen- und Abendgebet nach den sieben Bitten des Vaterunsers für jeden Wochentag.

Liederkästlein. Ausgabe von 1904

Landeskirchliche Zentralbibliothek. Sign.: A 13, 751

Verbreitung des Geistlichen Liederkästleins

In der letzten Ausgabe von Hillers Geistliches Liederkästlein aus dem Jahre 2009 wird diese als 17. Auflage ausgegeben. Doch schon bei der orientierenden Durchsicht der Bibliographie von Gottfried Mälzer zu Drucken der württembergischen Pietisten finden sich bereits 40 Ausgaben des Geistlichen Liederkästleins - und diese hat nicht alle Drucke erfasst.(4) Neben den Stuttgarter Ausgaben des 18. Jahrhunderts lassen sich dann im 19. Jahrhundert mehrere Druckorte eruieren. So wurden weiterhin in Stuttgart bei dem Verlag Macklot und später bei der Evangelischen Bücherstiftung sowie bei Ernst Rupfer Ausgaben des Liederkästleins gedruckt, aber auch in Reutlingen, der Hochburg des Nachdrucks im 19. Jahrhundert finden sich Drucke von den Verlagen Christoph Jakob Friedrich Kalbfell, Lorenz, Carl Fischer Jun., B. G. Kurz, Rupp & Baur und schließlich Enßlin & Laiblin. Letztere hatten keine Auflagen oder Druckjahre angegeben, so dass man bis 1924 nur eine Mindestzahl der Auflagen schätzen kann, die in Reutlingen alleine 25 Auflagen betrug, wahrscheinlich aber eher um 30 Auflagen liegen müsste bei fehlender Kennzeichnung durch Enßlin & Laiblin. In Stuttgart wurden im 18. und 19. Jahrhundert mindestens 22 Auflagen gedruckt, wobei vom Verlag Rupfer ebenfalls keine Druckjahre oder Auflagen angegeben wurden und von einer höheren Auflagenzahl auszugehen ist.

Nach dem 2. Weltkrieg finden sich erneut Drucke in Reutlingen, von der Philadelphiabuchhandlung August Fuhr in den Jahren 1950, 1958, 1965, die dann abgelöst wurden vom Verlag Ernst Franz in Metzingen in den Jahren 1976, 1982, 1986 und 1994 und der aktuellen Auflage in Bad Wildbad von 2009. Insgesamt sind somit mindestens 55 Auflagen gedruckt worden, wahrscheinlich aber eher über 60 Auflagen.

Das Geistliche Liederkästlein gewann seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert anhaltende Bedeutung, indem seine Texte Eingang in die Erbauungsstunden der Gemeinschaften des schwäbischen Pietismus fanden. Die Pregizer Gemeinschaft machte es zu ihrem Gesangbuch und bei vielen frommen Auswanderern war es neben der Bibel eines der wenigen Bücher im Gepäck, das sie auf die Reise nach Amerika, Russland Bessarabien, Georgien, Ungarn oder Israel mitnahmen. So wurde das Geistliche Liederkästlein zum Trostbuch für viele Menschen in aller Welt. Ins offizielle Kirchengesangbuch wurden Hillers Lieder erst 1842 auf Initiative von Pfarrer Albert Knapp (1798-1864) aufgenommen. Heute enthält das Evangelische Gesangbuch vier Lieder mit Texten von Hiller.

 

Aktualisiert am: 29.03.2019